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Medien

10. Juni 2009

Interview mit Augstein: "Das Netz hat gewonnen"

Sohn des "Spiegel"-Gründers und Besitzer des "Freitag": Jakob Augstein. Foto: dpa

Jakob Augstein, Sohn des Spiegel-Gründers und Eigentümer des "Freitag", spricht im FR-Interview über medialen Mainstream und den Sieg des Netzes: "Ich wüsste nicht, warum es die Süddeutsche in zwanzig Jahren noch geben soll".

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Zur Person

Jakob Augstein ist der Sohn des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein. Er hält heute den 24-Prozent-Anteil der Familie Augstein am Spiegel.

Nach dem Studium in Berlin und Paris arbeitete er für die Süddeutsche Zeitung und für Die Zeit. 2004 übernahm er die Mehrheit am Verlag Rogner und Bernhard; am 1. Juni 2008 wurde er Eigentümer der Wochenblattes Der Freitag.

Augstein (41) ist verheiratet und hat drei Kinder.

Herr Augstein, vor gut einem Jahr haben Sie die Wochenzeitung Freitag übernommen, kürzlich den Online-Auftritt relauncht: Wie fällt Ihre Bilanz aus? Ist der anfängliche Optimismus noch da?

Ja, wir haben in den Monaten seit dem Kauf eine steile technische Lernkurve gehabt, weil wir den Freitag online sozusagen von Null aufgebaut haben. Und wir haben in den Wochen seit dem Relaunch eine sehr steile publizistische Lernkurve gehabt, weil wir in die Auseinandersetzung mit der Community eingetreten sind. Das war für uns alle neu und läuft jetzt noch besser, als wir gehofft hatten.

Der Verleger Jakob Augstein.
Der Verleger Jakob Augstein.
Foto: dpa

Günter Gaus, einer der Gründungsväter des Freitag, begriff die Zeitung als ein "Dagegen-Sein", gegen den wachsenden Einfluss neoliberaler oder gar deutschnationaler gesellschaftlicher Strömungen in Deutschland. Ist das auch Antrieb für Ihr Engagement beim Freitag?

"Dagegen-Sein", ja. Meiner Meinung nach sollten Journalisten sowieso immer grundsätzlich dagegen sein. Und für den Freitag gilt das ganz besonders, weil die deutsche Medienlandschaft heute von einer großen Einheitlichkeit geprägt ist. Die Medien haben sich sehr stark im Ton angeglichen, in der Themenwahl, auch in der Temperatur, wie sie ihren Lesern begegnen, was sie ihnen noch zumuten wollen und was lieber nicht mehr.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Das hängt sicher damit zusammen, dass in der Mitte der Gesellschaft und auch der Lesergesellschaft die größten Potentiale sitzen. Wenn Sie Auflagen von 500.000 oder einer Million haben wollen, dann können Sie nicht zu radikal, provokant oder zu experimentierfreudig sein. Deshalb ist es vielleicht auch normal, dass Die Zeit oder Der Spiegel seit geraumer Zeit relativ zentristische Medienprojekte sind. Wir sind das nicht, wir werden aber auch keine Million Exemplare verkaufen. Das wollen wir auch gar nicht, weil wir eben provokanter, experimentierfreudiger, beweglicher, auch unberechenbarer sein wollen und uns bewusst gegen diesen ganzen medialen Mainstream wenden.

Wie wichtig ist heute die politische Orientierung nach links oder rechts für eine Zeitung? Spielt die noch eine Rolle?

Ich glaube, dass sich diese Grenzen zwischen links und rechts in Wahrheit nicht vermischen. Sie werden nur in der Darstellung vermischt, weil die großen Institutionen zu große Potentiale in der Mitte abfischen wollen. Aber die Wirklichkeit ist anders, da gibt es diese Gegensätze ja. Da ist auf der einen Seite der Arbeiter, der seinen Job verliert und auf der anderen Seite der Banker, der seinen Millionenbonus einkassiert, egal, ob er gute Arbeit geleistet hat oder nicht. Dieser Gegensatz ist real, wie Sie dazu stehen, ist eine andere Frage.

Was zeichnet das Anderssein des Freitag dabei aus? Auf den ersten Blick fehlt zum Beispiel ein Wirtschaftsteil...

Naja, wenn Sie so wollen, fehlt ganz viel, auch der Sportteil. Ich sehe das Anderssein des Freitag vor allem bei der medialen Form. Wir sind keine reine Zeitung mehr, sondern ein Medium, das versucht, Online und Print komplett ineinander zu verschränken. Das ist tatsächlich etwas anderes, das können Häuser wie Die Zeit oder Der Spiegel auch gar nicht, weil sie dafür zu groß sind. Sie haben zu lange Traditionen, und die Hierarchien sind zu vielschichtig. Das Anderssein liegt auch darin, dass wir die Community integrieren, dass wir die User ernst nehmen und das mit ihnen gemeinsam machen.

Glauben Sie persönlich noch an das Medium Tageszeitung?

In Wahrheit nicht. Ich lese jeden Tag die FAZ und bin damit sehr glücklich. Ich könnte diese Sachen aber auch online lesen.

Ist online die neue Tageszeitung?

Ja, absolut. Dass hier das Netz im Prinzip gewonnen hat, steht für mich außer Frage. Die Tageszeitungen machen meiner Meinung nach jetzt schon keinen Sinn mehr, weil auf den ersten zwei, drei Seiten nur Nachrichten stehen - das ist völliger Schwachsinn! Ich kenne auch niemanden, der das in Wahrheit für klug hält. Doch die Leute, die das machen, können sich offenbar nicht davon lösen. Weil sie auch kein anderes Konzept haben. Wochenzeitungen und Magazine betrifft das dagegen überhaupt nicht, für Blätter wie den Spiegel und Die Zeit sehe ich auf absehbare Zeit keine Gefahr, denn das kollidiert überhaupt nicht mit dem Internet. Sie können im Hochglanzdruck super Bilderstrecken machen, wie in Geo oder Stern - das wird es immer geben. Aber ich wüsste nicht, warum es die Süddeutsche in zwanzig Jahren noch geben soll.

Und was ist mit der Bild-Zeitung?

Die wird es noch geben. Jeden Tag eine Bild, das macht total Sinn, weil das Boulevard ist, großflächig, flashig, das kriegen Sie nur mit Papier hin. Die kaufen Sie für kleines Geld, blättern sie einmal durch und stecken sie dann in die nächste Mülltonne.

Welchen Nutzen hat die Gesellschaft vom Boulevard?

Ich glaube, dass ich über das, was tatsächlich in der Gesellschaft los ist, aus der Bild mehr erfahre als aus der Süddeutschen. Dort erfahre ich vielleicht etwas über Parteien und Verbände, aber in der Bild lese ich dafür etwas über das Arbeitsleben der Leute oder über merkwürdige Beziehungssituationen. Das könnte die Bild sicher auch noch besser machen, der Boulevard müsste generell noch viel besser sein. Ich bin ein großer Freund vom Boulevard, weil ich glaube, dass er genau dahin geht, wo die ganzen arrivierten Journalisten nicht mehr hingehen, und sich wirklich an die Leser wendet. Bei der Süddeutschen und der FAZ sind die ersten Seiten nicht für die Leser geschrieben, sondern nur für Parteien, für Verbände und für andere Journalisten. Das ist ein Hauptproblem des Journalismus, er entfernt sich von den Menschen und bleibt in einem selbstreferentiellen System hängen.

Welche Rolle kommt zukünftig den Bloggern zu?

Also, ich war auf der "Re:publica", wo ich mich auch mit einigen unterhalten habe. Das war ganz merkwürdig, denn die sollten doch eigentlich in ihrem Denken ganz vorne sein, aber die haben so geredet, als wären sie noch ganz hinten. Ich habe dort im Podium gesessen und die Leute gefragt: "Angenommen, ihr tragt bald das ganze Gewicht der vierten Gewalt, wenn jetzt die gesamte klassische Presse den Bach runter gehen sollte, wie von manchem prophezeit - seid ihr darauf vorbereitet? Habt ihr die Disziplin, habt ihr die Reife und die Professionalität dazu, könnt ihr das?" Darauf bekomme ich keine befriedigende Antwort, weshalb ich denke: Oh Gott, bitte gib uns noch ein bisschen Zeit und lass die Zeitungen nicht so schnell sterben, weil sonst das Feld brach liegt. Wenn Don Alphonso und Sascha Lobo diejenigen sind, die diese Lücke in Zukunft ausfüllen sollen, dann kann ich nur sagen: Herzlichen Glückwunsch!

Interview: Jakob Buhre, Felix Kubach

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