Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Medien

29. Januar 2016

Interview mit Claudia Michelsen: „Sich berührt und getragen wissen“

 Von 
Sie geht einem Verdacht nach: Claudia Michelsen in dem ARD-Film „Im Zweifel“.  Foto: ARD Degeto/Piotr Pietrus

Die Schauspielerin Claudia Michelsen spricht im FR-Interview über Ängste in der Gesellschaft, Zweifel und Glaube. Im ARD-Film „Im Zweifel“ spielt sie am Wochenende eine Pastorin, die moralisch schwer unter Druck gerät.

Drucken per Mail

Frau Michelsen, wer aus Dresden kommt wie Sie, hat es zurzeit nicht leicht mit der eigenen Heimatstadt, oder?
Wegen Pegida, meinen Sie? Das ist schwierig, ja. Einerseits ist es mir bitter, dass sich dümmliche Parolen und Positionen mit dem Namen meiner Heimatstadt verbinden. Andererseits sind es nicht nur „die Dresdner“, die da auf der Straße sind, und die Zahl der anders Gesinnten ist mindestens genauso hoch.

Sind Sie selbst ein politischer Mensch?
Klar bin ich ein politischer Mensch. Jede Beziehung ist schließlich politisch.

„Das Private ist politisch, das Politische ist privat“?
Höre ich da einen spöttischen Unterton?

Nur den Zweifel, ob Sie meiner Frage ausweichen.
Gar nicht. Aber Ihr Zitat stimmt doch auch. Wer die Welt ändern will, muss im Privaten anfangen: Was esse ich? Kaufe ich fair gehandelte Ware? Wie produziere ich weniger Müll? Wohin fahre ich in Urlaub? Das alles hat Folgen. Globale Konsequenzen, nur eben im Miniaturformat. Eine globale Bewusstseinsänderung ist notwendig. Zurzeit sind alle im Schock, weil die Flüchtlingskrise uns scheinbar plötzlich die Konsequenzen unseres Lebensstils zeigt, die wir aber seit Jahren hätten kommen sehen können. Ich spüre, wie die Verunsicherung wächst und die Angst vor dem Fremden, das auf einmal im eigenen Wohnzimmer auftaucht. Wie geht das alles weiter? Was wird aus der Zukunft unserer Kinder? Wie schützen wir uns vor Kriminalität? Das treibt die Leute um, die Angst um das eigene Wohlergehen. Finden Sie nicht?

Doch. Haben Sie eine Idee, was in dieser Situation zu tun wäre?
Zum Beispiel, dass Sie und Ihre Kollegen in den Medien nicht nur ständig über Zwischenfälle, über Gewalt und Kriminalität berichten.

Tun wir das nicht, heißt es, „die Presse verschweigt uns die Wahrheit“.
Das stimmt. Aber es ist doch auch wahr, dass Menschen zu uns kommen, die grausamste Dinge erlebt haben, und dass die meisten von ihnen einfach nur in Frieden und Sicherheit leben wollen.

Wie wir alle.
Genau. Und was passiert jetzt? Wir reagieren mit dem Ruf nach mehr Polizei, nach schärferen Gesetzen, stärkerer Überwachung. Am Ende vergrößert das aber nur das Gefühl der Verunsicherung: Wie kann ich mich noch besser schützen? Vor Einbruch, vor Überfällen, vor Terror, vor dieser Gefahr, vor jener Gefahr. Das hört nicht auf – und am Ende herrscht die blanke Angst. Diese Angst müsste man den Leuten nehmen. Aber das macht im Moment leider keiner.

Wäre das nicht die Aufgabe der Bundeskanzlerin?
Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, Angela Merkel Ratschläge oder Haltungsnoten zu geben. Ich finde nur generell, es käme jetzt darauf an, dass die Politik die Tuchfühlung zu den Leuten nicht verliert. Mir fehlt es an Dialog. Wo Sprachlosigkeit herrscht, macht sich Angst breit. Und Angst setzt Aggressionen frei. Vielleicht müssen wir uns gemeinsam daran erinnern, wie das war, als die erste große Migrationsbewegung in Gang kam – mit den sogenannten Gastarbeitern aus Südeuropa, aus der Türkei. Ich war ja damals nicht dabei. Hatten die Leute nicht auch ihre Ängste und Vorurteile?

Zur Person

Claudia Michelsen, wurde 1969 in Dresden geboren. Sie gehört zu den meistbeschäftigten Schauspielerinnen Deutschlands und ist in rund 80 Filmrollen zu sehen gewesen. Seit dem Jahr 2013 ermittelt sie als Kriminalhauptkommissarin Doreen Brasch im ARD-Polizeiruf 110 in Magdeburg.

In dem Film „Im Zweifel“ spielt Claudia Michelsen eine Pastorin und Notfallseelsorgerin. ARD, Samstag, 30. Januar, 20.15 Uhr.

So! Könnte uns das nicht heute zu denken geben? Wo stünden wir, wenn die Portugiesen, Italiener, Türken damals nicht gekommen wären? Haben sie uns nicht auch sehr viel gegeben – jenseits von Arbeitskraft? Und ist das Miteinander in weiten Teilen nicht etwas völlig Normales geworden. Wenn ich allein überlege, wieviele türkisch-stämmige Bekannte und Freunde ich habe! Vielleicht braucht es einfach auch jetzt Geduld und Vertrauen, dass wir zueinander finden. Momentan ist einfach alles angstbesetzt. Die Leute haben ja kaum noch Sinn für irgendetwas anderes.

Haben Sie da Sorge wegen Ihres neuen Fernsehfilms, in dem es „nur“ um Zwischenmenschliches geht: um Glauben und Zweifeln, um Wahrheit und Lüge, um Vertrauen?
Ich bin gespannt, wie der Film ankommt. Es ist ja ein Wagnis, eine Geschichte zu erzählen, die von der Binnenspannung lebt und bewusst ohne große Paukenschläge auskommt.

Es geht im Kern um den Verdacht einer Frau, ihr Mann oder ihr Sohn könnten einen tödlichen Unfall verursacht und Fahrerflucht begangen haben. Um die beiden zu schützen, belügt sie den ermittelnden Polizisten. Der Konflikt ist klar – warum muss ihn der Film an einer Pfarrersfamilie aufziehen? Weil bei Pfarrern die moralische Fallhöhe größer ist als beim Rest der Menschheit?
Nein. Das ist Quatsch. Aber ein Pfarrer kann sich in existenziellen Fragen nicht so leicht distanzieren wie andere. Warum muss – wie im Film – ein junges Mädchen sterben? Wer hat die Schuld? Warum lässt Gott, wenn es ihn gibt, das zu? Gibt es so etwas wie Gerechtigkeit? Solche Fragen und der Zweifel sind viel bedrängender für jemanden, der als Pfarrer oder Pfarrerin in der Verbindung und von der Verbindung mit Gott, mit dem Glauben, mit der Kirche lebt.

Was bedeutet Zweifel für Sie?
Der Zweifel macht das Leben sehr viel intensiver. Er lässt mich ganz anders wertschätzen, was ich habe. Er darf mich nur nicht auffressen. Zweifel, der nicht mit Liebe einhergeht, ist tödlich.

Wie meinen Sie das?
Denken Sie an ein Paar, das lange zusammen ist – aber bitte, ich rede jetzt nicht von mir! Da kommen irgendwann die Fragen: Ist das noch das Richtige? Was verbindet uns noch? Ohne Liebe wird die Beziehung diesen Zweifel nicht aushalten. Ist die Liebe noch da, aber womöglich verschüttet, dann ist der Zweifel gut zum Innehalten, zum Aufwachen. Er bremst den Zug der Zeit, damit das Leben nicht an einem vorbei rauscht.

Wie vertraut sind Sie persönlich mit dem kirchlichen Milieu, in dem Ihr Film spielt?
Überhaupt nicht. Ich bin in der DDR atheistisch aufgewachsen. Heute kommt mir Atheismus sehr brutal vor. Als ob man mir mit Gewalt eine bestimmte Art von Glauben vorenthalten hätte. Dabei bin ich sogar getauft, weil die Familie meines Vaters sehr religiös war. Aber ich hatte dann keinerlei Berührungspunkte mehr. Außer in einer Phase, als ich etwa 13, 14 Jahre alt war. Da hat es mich in die Kirche gezogen. Aber nur, weil dort politische Foren stattfanden. Und weil es in der Pubertät natürlich um die Frage ging, wie finde ich zu mir selber? Die Kirche bot dafür einen – wie soll ich sagen? – geschützten Raum. Das ist übrigens bis heute so. Ich liebe es, in Kirchen zu gehen. Ob ich da Gott finde? Ja, wahrscheinlich. Aber dieser Gott hat jeden Tag ein anderes Gesicht. Glauben Sie an Gott?

Ja.
Dann ist Ihr Gott aber bestimmt anders als meiner. Jeder hat sein eigenes Bild von Gott. Es kann gar nicht anders sein. Der Begriff „Gott“ ist zudem so belastet, dass ich ihn am liebsten gar nicht verwenden würde. Besser wäre es vielleicht, von einem – ja, wovon? – einem „Raum“ zu sprechen, von einem Raum der Wahrheit ...

... von Beziehung?
Von Berührung, ja. Manchmal streift mich ein Windhauch, und ich spüre eine tiefe Verbindung mit etwas, das ich nicht weiter erklären kann. Ich vermute, wenn Sie an Gott glauben, geht Ihnen das auch so: dass Sie sich auf die eine oder andere Weise berührt wissen, gehalten und getragen.

In glücklichen Momenten, ja.
Dieses Urvertrauen ist bei mir ganz stark. Und ich nehme es eben auch bei denen wahr, die fest in ihrem Glauben stehen.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Ja, aber nicht in den Bildern von Himmel und Hölle oder etwas Ähnlichem.

Sondern?
Es fällt mir schwer, das zu formulieren. Aber wenn ich versuchen sollte, würde ich sagen: Die Kräfte und Energien, die von uns ausgehen, werden nicht einfach verschwinden. Das, was wir in Bewegung gesetzt haben, wird sich vielleicht nach unserem Tod einen anderen, einen neuen Weg suchen. Aber vielleicht denke ich morgen schon wieder anders.

Interview: Joachim Frank

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Medien
Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Filmtipps
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Anzeige

Videonachrichten Leute
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.