Herr Elitz, warum hören Sie auf?
Lacht. Ich bin, glaube ich, der am längsten amtierende Gründungsintendant einer Rundfunkanstalt. Und da fällt es mir nach 15 Jahren auch nicht so schwer, Abschied zu nehmen. Für den Journalisten, der ich ja auch bin, gibt es bekanntlich keine Altersgrenze.
Ernst Elitz, Jahrgang 1941, war in den sechziger Jahren Redakteur beim Berliner Sender Rias, ehe er unter anderem über die Stationen Spiegel und ZDF (dort als Leiter des "heute journal") sowie der ARD zu seinen Anfängen zurückkehrte: Das öffent- lich-rechtliche Deutschlandradio ist aus Rias hervorgegangen.
Seit 1994 ist Elitz beim Deutschland- funk und Deutschland Radio Kultur Intendant; die Anstalt mit Sitz in Köln und Berlin ist heute der nationale Hörfunksender der Republik. Elitz' Nachfolger Willi Steul kommt vom Südwestrundfunk, war aber von 1994 bis 1998 schon Chefre dakteur beim Deutschlandradio Berlin.
Einige Ihrer Kollegen in der ARD dachten mit 67 noch nicht ans Aufhören, wie die Herren Udo Reiter beim MDR oder Fritz Pleitgen beim WDR.
Wir haben alles erreicht, was wir uns vorgenommen haben - und noch etwas mehr. Unsere beiden Programme Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur sind eindeutige Marken in der Medienlandschaft. Sie haben in den letzten Jahren ihre Hörerzahlen verdoppelt. Jetzt haben wir von der Rundfunkkommission den Auftrag bekommen, ein drittes Programm, DRadio Wissen, zu produzieren. Das ist eine Leistung, auf die wir stolz sein können.
Während Ihre Kollegen über die Pensionsgrenze hinaus im Amt bleiben, herrscht ja bei der Suche nach dem Zuschauer im öffentlich-rechtlichen Rundfunk eher der Jugendwahn...
Bei Deutschlandradio Kultur ist es vollkommen wahnfrei gelungen, den Altersdurchschnitt der Hörerschaft auf 49-50 Jahre zu senken. Damit ist es das Informations- und Kulturprogramm mit dem niedrigsten Altersschnitt.
Ein Vorteil des Hörfunks?
Wir haben mit dem Radiofeuilleton ein Programmschema entwickelt, das junge Menschen anspricht. Wir bringen über den Tag keine langen Sendungen, sondern fünf, sechs, sieben Minuten lange Beiträge, immer unterbrochen von Kultur- oder auch Weltnachrichten, ein relativ kurzer Rhythmus, wo man einschalten, aber auch schnell wieder rausschalten kann. Wir haben mit diesem Programmkonzept innerhalb eines Jahres einen Zuwachs von 13 Prozent an Hörern erreicht. Dieses Erfolgskonzept werden wir auch auf DRadio Wissen übertragen.
Ist das der Präsenz im Internet zu verdanken?
Das beantwortet die Statistik noch nicht. Aber da wir nicht von der werbetreibenden Industrie abhängig sind, ist uns der 18-jährige Hörer genauso lieb wie der 80-jährige. Uns interessieren alle Altersgruppen, die auf Informationen aus sind, die neugierig sind, die ihren Horizont erweitern, Hörspiele, klassische Musik oder ein Rock- oder Popkonzert hören wollen.
Sie sagen, Sie machen tagsüber eher kürzere Stücke, spekulieren Sie da auch wie die ARD-Wellen auf das Nebenbeihören?
Nein. Dafür sind die Beiträge inhaltlich zu fundiert. Das Nebenbeihören ist eher was für Mainstream-Musik und für den lockeren Conférencier, der ständig sagt, wie gut es ihm geht.
Wird Hörfunk nicht tendenziell ohnehin zu einem Nischenprogramm für Autofahrer?
Da müsste bei uns die Nische ziemlich groß sein: Neun Millionen regelmäßige Hörer für unsere beiden Programme, und 1,8 Millionen, die täglich einschalten, die so genannten Deutschlandradio-Addicts. Und wenn wir eine Frequenzausstattung hätten wie die Programme der ARD, würden diese Zahlen nochmals steigen, denn wir sind ja in weiten Teilen - auch in Hessen - nur mit einem oder mit keinem Programm zu hören.
Sie haben aber die Zahl der Frequenzen erhöhen können.
Ja, wir haben 300 Frequenzen, mit 30 haben wir mal angefangen. Aber es kommt nicht auf die Zahl an, sondern auf die Stärke. Mit Frequenzen von 100 Kilowatt können Sie ein ganzes Bundesland versorgen. Aber diese starken Frequenzen betrachten die ARD-Anstalten als persönliches Eigentum, während für uns häufig nur schwache Frequenzen übrig geblieben sind, die gerade mal eine Stadt oder einen Stadtteil versorgen.
Radio wird ja zunehmend über das Internet gehört. Wie gehen Sie mit der künftig geltenden Sieben-Tage-Beschränkung um?
Unser Internet-Angebot ist stark sendungsbezogen. Aber auch wir müssen den Dreistufentest machen und begründen, warum unsere Informations- und Kultursendungen eine längere Verweildauer haben sollen. Weil sie zeithistorische Bedeutung haben, weil sie kulturpolitisch und gesellschaftspolitisch wichtig sind. Ich glaube, dass wir uns mit dieser Argumentation durchsetzen. Aber dieser Dreistufentest ist auch für uns eine finanzielle, eine personelle Belastung, eine Vergeudung von Gebührengeldern, gerade bei Programmen, die sich im Kern der Grundversorgung befinden.
Hätten Sie nicht auch das britische Modell der Aufsichtsbehörde Ofcom für angemessener gehalten statt der Durchführung der Tests durch die Gremien?
Ich bin ein Freund der Ofcom, weil sie auch zentrale technologische Entscheidungen trifft. Die Digitalisierung der Rundfunkverbreitung ist in Deutschland so schwierig, weil die Rundfunkhoheit bei 16 Bundesländern liegt. Und weil diejenigen, die jetzt über eine optimale Frequenzausstattung verfügen, nicht scharf darauf sind, dass man die Rundfunkverbreitung digitalisiert und so mehr Hörfunkanbietern die Möglichkeit gibt, das Publikum anzusprechen. Da werden auch Monopole verteidigt.
Sie sind recht erfolgreich gewesen. Wo, würden Sie sagen, sind Sie gescheitert?
Weiß ich nicht. Ich hab ja nur Jobs übernommen, die mir Spaß gemacht haben. Ich bin zu keinem gezwungen worden. Und bei einer funktionierenden Selbsteinschätzung weiß man auch, was man kann und was man lieber lässt.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.