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Medien

02. März 2010

Interview mit WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach: "Wir sind eine Journalismus-Manufaktur"

Mächtiger Mann in der deutschen Presselandschaft: WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach.  Foto: dpa

WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach über Staatshilfen, guten Journalismus mit weniger Journalisten und das neue Wochenmagazin, das Stefan Aust für den Konzern entwickelt.

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Zur Person

Bodo Hombach war Ende der Neunzigerjahre unter Schröder Chef des Kanzleramts. Seit 2002 ist der 57-Jährige Geschäftsführer des WAZ-Konzerns. Die Namensgeberin, die Westdeutsche Allgemeine Zeitung, ist die größte deutsche Abonnementzeitung. Nach massivem Abbau Hunderter von Stellen in Verlag und Redaktionen will die WAZ wieder wachsen. Beim Besuch in Essen verzögert sich das Gespräch um einige Minuten. SPD-Chef Sigmar Gabriel war auf einen Überraschungsbesuch vorbeigekommen.

Herr Hombach, Sie reden viel mit Politikern, sicherlich auch über die angespannte Lage der Medien. Spüren Sie die Bereitschaft zu helfen? Der Politiker, der investigative Medien schätzt und ihnen ernsthaft helfen will, ist noch nicht geboren. Wenn er hört, dass es den Medien schlecht geht, zeigt er zwar Interesse, tatsächlich aber erkannte ich zu oft Schadenfreude. Dieses Spannungsverhältnis ist auch gut so.

Wie steht’s dann um die Medienpolitik? Da kommt mir ein recht aktuelles Buch in den Sinn. Zusammengefasst steht da in einem der Aufsätze drin: Es gibt gute und böse Medien. Es gibt solche, die die Demokratie befördern, und solche, die ihr schaden. Und Medien, die die Demokratie befördern, sind staatlicher Unterstützung würdig, denn der Markt hat nicht nur bei den Banken versagt, sondern auch bei den Medien. Im Übrigen solle man überlegen, dpa zu verstaatlichen.

Ihrer Miene nach zu urteilen, sind Sie anderer Meinung. Auf den Tag warte ich, an dem der Staat entscheidet, welche Medien nützlich sind und welche nicht.

Fänden Sie grundsätzlich staatliche Hilfe für Medien gut? Wenn überhaupt, dann müsste eine Form gefunden werden, die absolut sicherstellt, dass Einflussnahmen durch den Staat ausgeschlossen sind. Sonst geht es bei uns allen bald zu wie in den öffentlich-rechtlichen Gremien. Der Staat ist für mich kein Schreckgespenst, aber Sie müssen immer wissen: Wo vom Staat die Rede ist, geht es in Wahrheit um Bürokratie und Parteien. Dann sind Sie schnell beim Parteienproporz und Parteiendurchgriff.

Was denken Sie über indirekte staatliche Hilfen, etwa die Senkung der Mehrwertsteuer? Ich würde mich nicht ins Schaufenster stellen und irgendeine Art von staatlicher Subvention fordern, aber wenn Sie mich schon fragen, wäre die Senkung der Mehrwertsteuer für Presseprodukte sicherlich mindestens so sinnvoll wie für Hotelübernachtungen. Im Ernst: Ich glaube fest an die Notwendigkeit der Presse als vierte Gewalt. Ich war einmal Wahlkampfverantwortlicher. Da bin ich wahrlich nicht jeden Morgen aufgewacht und habe mich gefragt, wie ich Medien objektiv informieren könnte. In meinem früheren politischen Leben habe ich andere skandaliert. Ich wurde aber auch ungerechtfertigt skandaliert. Ich war also Täter und Opfer zugleich. Ich kenne alle Seiten und weiß genau, kein moralisches Postulat hat auf das Handeln von Politikern eine ähnlich disziplinierende Wirkung wie das Risiko, dass Fehlverhalten in Medien veröffentlicht wird. Deshalb darf es für die Medien als Säule einer funktionierenden Demokratie keinerlei Abhängigkeiten, keinerlei Störungsmechanismus durch Parteien geben. Die Begierde der Parteien, auf Inhalt, auf personelle Besetzung Einfluss zu nehmen, wäre unstillbar.

Die Verlage müssen sich also selbst helfen. Wir in der WAZ Mediengruppe jedenfalls wissen: Unsere Kernkompetenz ist nicht mehr nur Zeitungsdruck. Wir sind eine Journalismus-Manufaktur. Wie guter Journalismus abgefragt wird, entscheidet der Markt. Wichtig ist also, die technologischen Sprünge genau im Auge zu behalten und sich für alle Optionen zu präparieren, Stichwort Tablet-PC. Vor allem aber muss der Verlag Qualitätsjournalismus möglich machen.

Sie reden von Qualität und haben 2009 bei Ihren vier Zeitungen in NRW 300 von 900 Redakteursstellen gestrichen. Kritiker sehen das als Widerspruch. Für Gratis-Medien wird mittelmäßiger Journalismus zu teuer und für Medien, die auch in Zukunft noch Geld verdienen wollen, ist mittelmäßig nicht gut genug. Journalismus, der auch in Zukunft seinen Preis wert ist, zeichnet sich - wie alle kreativen Tätigkeiten - durch Qualität und Exzellenz aus.

Sie wollen also weniger, dafür bessere Journalisten? Ein gewerkschaftliches Tabu, ich weiß. Aber hier stehe ich, ich kann nicht anders.

Wie kommt es dann, dass innerhalb eines Jahres kein Verlag so viel Auflage verloren hat wie Ihrer? Verstehen die Leser die Qualität Ihrer Blätter nicht? Das können Sie nicht im Ernst fragen.

Doch. Zunächst einmal müssen Sie jene Auflagen herausrechnen, wo wir Lokalausgaben aufgegeben haben, weil wir dort nur Zweitzeitung ohne jegliche Perspektive waren. Außerdem erscheinen wir in einer Region, in der die Bevölkerung schrumpft und der Migrantenanteil überdurchschnittlich hoch ist. Und über die soziale Bedrängnis in der Region, die sich durch Beschäftigungsraten und durch Transferleistungsempfänger ausdrückt, muss ich wohl nichts sagen. Der Auflagenverlust hat mit der gestiegenen Qualität unserer Zeitungen gar nichts zu tun.

Wäre es nicht ehrlicher zu sagen: Wir, das WAZ-Management, haben zu lange zu wenig oder das Falsche getan. Jetzt müssen wir so viel Geld wie möglich einsparen, und zwar so, dass das, was in den Zeitungen steht, noch als Journalismus verkauft werden kann. Unsere alten Strukturen lebten von Mischkalkulation, bei der man die Verlustbringer nicht erkennen konnte. Das haben wir aufgedröselt. Wir konnten die folgenden schwierigen Operationen komplett sozialverträglich durchführen. Aber klar ist, wir wollen nicht nur sparen, wir wollen jetzt, da wir unsere Wirtschaftlichkeit zurückgewonnen haben, in die Zukunft investieren.

Eine Möglichkeit zu wachsen wäre jenes Magazin, das Stefan Aust unter dem Arbeitstitel Die Woche entwickelt. Mittlerweile hat er vier komplett produzierte Nullnummern vorgelegt. Die letzte habe ich von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen. Ich fühlte mich ungewöhnlich gut informiert. Erst zwei Wochen später habe ich ähnliche Sachverhalte auch einmal in anderen Magazinen gefunden.

Worum ging es? Von der inneren Situation des Jemen bis zu Drohnen des amerikanischen Militärs. Wir sind sehr froh, mit Herrn Aust zusammenzuarbeiten, denn der steht wirklich für Qualität. Er präsentiert in diesen Tagen eine Online-Plattform, die Pfiff hat. Die Zusammenarbeit mit ihm hat eine strategische Komponente. Wenn der iPad Alltag wird, bedarf es einer Bündelung von Magazinen und Bewegtbildkompetenz und auch didaktisch gut gegliedertem Qualitätsjournalismus. Es weiß doch jeder, dass eine einfache Magazineinführung in diesen werbearmen Zeiten ein Abenteuer wäre. Und Abenteurertum hat man uns noch nie nachgesagt. Außerdem ist klar, dass wir ohne stabile Partner über so etwas nicht einmal nachdenken würden.

Es heißt, Sie reden mit dem Züricher Ringier-Verlag, zu dessen monatlichem Cicero ein wöchentliches Magazin passen würde. Das kommentiere ich nicht. Nicht einmal mit einem Wimpernzucken. Wir sind im Gespräch mit Partnern. Mit strategischen und Finanzpartnern.

Interview: Ulrike Simon

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