Es ist schon verblüffend, wie reibungslos der Austausch funktioniert. In Johannes Mario Simmels Roman "Gott schützt die Liebenden", erschienen 1957, geht es um nationalsozialistisches Geschmeiß, das zwölf Jahre nach dem Untergang des "Dritten Reichs" immer noch sein Unwesen treibt. Fünfzig Jahre später muss man solch eine Geschichte selbstredend ganz anders erzählen. Wer immer auch die Idee hatte, "Nationalsozialismus" durch "Rote Armee Fraktion" zu ersetzen: Sie ist brillant. Natürlich bildet der historische Hintergrund wie stets bei Simmel bloß die Kulisse für die unvermeidliche Liebesgeschichte, doch Günter Schütter, Autor diverser Drehbücher für Dominik Graf (unter anderem "Der Rote Kakadu" und die Grimme-preisgekrönte "Polizeiruf"-Folge "Der scharlachrote Engel"), integriert die unglückselige Romanze ganz vortrefflich in die Zeit des RAF-Niedergangs.
Weniger gut ist Schütter die Dramaturgie geglückt, denn die handelnden Personen müssen immer wieder innehalten, um ihren Gesprächpartnern (und dem Publikum) die in Rückblenden dargebotenen Zusammenhänge zu erläutern. Dabei sind die ganz einfach. Als seine Geliebte spurlos verschwindet, stößt Kriegsberichterstatter Paul Holland (Peter Simonischek) bei seinen Recherchen auf ein düsteres Kapitel in ihrer Vergangenheit: Sibylle Loredo (Iris Berben) heißt eigentlich Viktoria Brunswick und war die frühere Freundin eines RAF-Terroristen der so genannten Dritten Generation. Das Bundeskriminalamt hat sie benutzt, um den Kopf der letzten aktiven RAF-Splittergruppe zu schnappen. Sibylle/Viktoria rächte sich und wird nun selbst gesucht. Ihre Spur führt nach Salzburg, wo Holland auf eine weitere rätselhafte Frau (Nina Proll) trifft, nicht ahnend, dass auch sie noch eine alte Rechnung offen hat.
Iris Berben hat es vermutlich genossen, einmal in eine ganz andere Rolle zu schlüpfen. Dass man ihr das Terroristenliebchen trotzdem nicht recht glaubt, liegt nicht zuletzt an der Wahl des Partners: Wie schon in der letzten "Rosa Roth"-Episode ("Der Fall des Jochen B.") wird ihr Geliebter von dem fast zwanzig Jahre jüngeren Ole Puppe gespielt. Berben wiederum ist Opfer des Images, das sie selbst aufgebaut hat. Dialogsätze wie "Ich hab' nicht mal 'ne Gebärmutter" (auf die Frage, ob sie Kinder habe) klingen längst nicht so locker, wie sie sollen. Und Simonischek muss mit seinen Befindlichkeitsbekundungen unnötig über Hollands Gefühlshaushalt aufklären ("Was ich nun erfuhr, traf mich bis ins Mark").
Der österreichische Theater-Star, der sich hin und wieder den Luxus leistet, mit Bedacht ausgewählte Fernsehrollen zu übernehmen, wirkt in der Rolle ohnehin unterfordert; kein Vergleich etwa zu dem charmanten Heiratsschwindler aus der kürzlich gezeigten "Bella Block"-Folge "Falsche Liebe", von dem Simonischek immer noch schwärmt: "Ein ekliger Kerl! Aber das war eine Rolle, die mich wirklich gereizt hat. Wenn man sein Schauspielerleben damit verbringt, Liebhaber und Helden zu verkörpern, dann hat man richtig Lust auf so einen Typen. Man beneidet ja ohnehin immer die Kollegen, die die Bösewichter spielen dürfen, weil das auf der Bühne wie im Film in der Regel die interessanteren Rollen sind." Die Simmel-Figur hat er trotzdem gern verkörpert: "Wenn mir eine Rolle angeboten wird, die keinen wirklichen Charakter hat, und man mir erklärt, genau deshalb wolle man ja mich, lehne ich ab. Der Journalist Holland aber ist eine Figur, bei der es eine Menge zu spielen gab."
Carlo Rolas Inszenierung schließlich wirkt angesichts der Brisanz des Stoffes allzu undynamisch. Dabei hat Schütter noch ein richtig heißes Eisen im Feuer: Das BKA ist Loredo auch deshalb auf den Fersen, weil sie beweisen kann, dass die Justizvollzugsbeamten in Stuttgart-Stammheim sehr wohl über die Vorgänge in den Zellen der inhaftierten RAF-Terroristen (Baader, Meinhof & Co.) und damit auch über deren Vorbereitungen zum gemeinsamen Suizid informiert waren. Spätestens jetzt wird die Handlung allerdings so komplex, dass man ihr ohne Gebrauchsanweisung gar nicht mehr folgen könnte. So etwas ist immer ein schlechtes Zeichen, aber wenn der Kommentar zur Rückblende dann auch noch derart ungelenk vorgetragen wird wie von Nina Proll, wird das Konstrukt zur Geduldsprobe.
ZDF, heute um 20 Uhr.
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