Aktuell: Ukraine | Rosetta-Mission | Fernbus-Markt | Fußball-News | Eintracht Frankfurt | Polizeimeldungen Frankfurt/Rhein-Main

Medien

17. Juni 2012

Journalisten in Russland: Es schwindet die Angst

 Von Frank Herold
Alles im Blick: Plakat von Waldimir Putin und Dmitry Medvedev in Krasnodar.  Foto: REUTERS

Nach Todesdrohungen gegen einen Journalisten entschuldigt sich die Staatsmacht in Moskau. Russische Reporter sind sich dennoch sicher: Präsident Wladimir Putin will die Medien wieder stärker unter Kontrolle bekommen - auch wenn sich die Verhältnisse geändert haben.

Drucken per Mail

Für Leonid Nikitinski, seit 20 Jahren Gerichtsreporter der Moskauer Zeitung Nowaja Gaseta, hat die ganze Affäre eine eher lächerliche, eine theatralische Note. Erst diese Szene wie aus einem Mafiafilm mit Morddrohungen im Wald gegen einen Kollegen, den Enthüllungsjournalisten Sergej Sokolow. Dann die Entschuldigung des russischen Chefermittlers Alexander Bastrykin, praktisch ein Kniefall der Staatsmacht vor den Medien. So etwas ist neu in Moskau.

Nikitinski ist gerade zu Recherchen in Berlin und besucht den Verein Reporter ohne Grenzen. „Ich habe aber täglich über Skype Kontakt mit Moskau und mit Michailitsch“, sagt der 59-Jährige. Michailitsch ist die verkürzte Form des Vatersnamens von Sokolow, die gebräuchliche russische Anrede unter Freunden und guten Kollegen.

Ohne Warnung erschossen

Sicherheitshalber habe sich Sokolow ins Ausland abgesetzt, „aber konkret bedrohlich war die Lage wohl eher doch nicht“, sagt Reporter Nikitinski. Weder Anna Politkowskaja noch die anderen vier Kollegen von der Nowaja Gaseta seien schließlich vor ihren Ermordungen gewarnt worden. „Sie haben sie einfach auf offener Straße erschossen“, sagt Nikitinski. Er lässt bewusst offen, wen er mit „sie“ meint.

Jedoch sei er sicher, dass Präsident Wladimir Putin die Medien wieder stärker unter Kontrolle bekommen wolle. Die Nowaja Gaseta stand schon während dessen erster Amtszeit ständig unter Druck. „Wir selbst sehen uns ein wenig als intellektuelles Zentrum der liberalen, demokratischen Bewegung“, meint Nikitinski.

Aber, fügt er hinzu, vielleicht sei das inzwischen ein wenig größenwahnsinnig angesichts einer Auflage von 250.000 Exemplaren in einem Land mit 140 Millionen Einwohnern. Und dann sei da auch noch die Rasanz, mit der sich die Kommunikation der Opposition im Internet entwickle. „Die Blogs von Leuten wie Nawalny und Jassin sind praktisch schon eigenständige Massenmedien“, so Nikitinski.

Das Netz entzieht sich der Kontrolle

Die beiden Genannten waren vor der Massendemonstration in Moskau in der vergangenen Woche, die sie maßgeblich mitorganisiert hatten, von den Behörden einbestellt worden, um sie einzuschüchtern. Doch diese Masche funktioniere nicht mehr, ist der Journalist überzeugt. „Es sind einfach schon viel zu viele, da schwindet die Angst vor der Macht.“ Ernsthafte Repressionen gegen die Demonstranten würden unweigerlich zu einem internationalen Skandal führen. Den würde Putin vielleicht in Kauf nehmen, vermutet Nikitinski, aber der Präsident wisse, dass den Mächtigen solche Aktionen nichts nützten.

So sehr Leute wie der Chefermittler Bastrykin die Nowaja Gaseta auch hassen mögen, sie zu verbieten sei sinnlos. „In der höchsten Not könnten wir das Blatt auch in Estland oder Litauen produzieren“, sagt Nikitinski. Und auch die Blogger könnten mühelos über ausländische Provider weiter aktiv bleiben. Es habe in letzter Zeit vermehrt Hacker-Angriffe auf die Internet-Seite der Zeitung gegeben, sagt der Reporter. „Aber insgesamt entzieht sich das Netz einfach der Kontrolle durch die Mächtigen.“

Mit diesen neuen Verhältnissen können die russischen Behörden nicht umgehen, sagt Nikitinski. Derzeit würden in Russland zwei völlig unterschiedliche Denkmuster aufeinandertreffen: Putins undemokratisches Konzept der vertikalen Machtausübung und eine gerade erst erwachende Zivilgesellschaft. Dass sich der Präsident auf die neuen Gegebenheiten einstellen könne, glaubt Nikitinski nicht. „Putin kann doch auch nicht mehr handeln, wie er will“, sagt der Reporter. „Er ist – in seinem Alter – längst ein Gefangener seiner stereotypen Denkweise und des zutiefst undemokratischen Systems, das er selbst geschaffen hat.“

Verrat am Kampf?

Die Nowaja Gaseta veröffentliche indessen am Freitag ein sarkastisches Nachwort zur Bastrykin-Affäre. Der Sarkasmus richtete sich nicht gegen den scheinbar reumütigen General, sondern gegen einen Teil der Leser und die Journalistenkollegen. Weil die Nowaja Gaseta die Entschuldigung des Chefermittlers angenommen habe, werde der Zeitung jetzt „Verrat am Kampf gegen das ‚blutige Regime‘ vorgeworfen“, schreibt der Kommentator Andrej Kolesnikow. Doch habe Bastrykin alle Forderungen der Zeitung erfüllt, sich entschuldigt und eine Sicherheitsgarantie für Sokolow abgegeben. Jetzt sei es Sache anderer Instanzen – der Abgeordneten und der Staatsanwaltschaft – sich damit zu befassen.

Aber warum sollten sie das eigentlich, fragt man sich, wenn die Zeitung und Sokolow auf eine Anzeige verzichten?

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Medien
Fotostrecken
Bambi 2014: Die Hin- und Weggucker

Ist sie frisch aus dem Dschungel entkommen? Nein, das soll wohl so. Das österreichische Model Larissa Marolt präsentiert - Mode. Mehr in unserer Fotostrecke: Die Hin- und Weggucker der Bambi-Verleihung.

Außerdem:
Fotostrecke: Die Bambi-Preisträger in Bildern
Fotostrecke: Prominente auf dem roten Teppich
Fotostrecke: Diese Preisträger standen schon fest

Filmtipps
TV-Kritik
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Videonachrichten Leute
Kino: Neustarts
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.