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Journalisten mit Migrationshintergrund: Der andere Blick

Jeder fünfte Deutsche hat eine Zuwanderungsgeschichte - aber das trifft nur auf jeden fünfzigsten Journalisten zu.

Medienfrau aus Migrantenfamilie: Dunja Hayali.
Medienfrau aus Migrantenfamilie: Dunja Hayali.
Foto: ddp

Birand Bingül hat schon mal den Kommentar in den ARD-Tagesthemen gesprochen, Dunja Hayali präsentiert die Nachrichten im Heute-Journal des ZDF, Yared Dibaba ist Talkmaster im NDR-Fernsehen. Sichtbar sind sie inzwischen, die Journalisten und Medienleute mit Migrationshintergrund. Doch sehr wenige sind sie immer noch - alles andere als der Normalfall.

Während man davon ausgeht, dass jeder fünfte Deutsche eine Zuwanderungsgeschichte hat, trifft das nur auf jeden fünfzigsten Journalisten zu. "Weniger als zwei Prozent, eher ein Prozent" der deutschen Journalisten sind laut Schätzungen des Berliner Medienexperten Ulrich Pätzold migrantischer Herkunft. Das will ein neues Journalisten-Netzwerk jetzt ändern.

Raus aus der Nische

"Neue Deutsche Medienmacher" heißt die Initiative, die sich kürzlich gegründet hat. 60 Journalisten und Journalistinnen machen bereits mit, 150 haben Interesse signalisiert. "Es geht uns nicht um eine Quote - wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wichtig Vielfalt in den Medien ist", sagt Marjan Parvand, Redakteurin bei der Tagesschau in Hamburg und Gründungsmitglied bei den Medienmachern. Zwei Dinge liegen Parvand besonders am Herzen. Erstens: Journalisten aus Zuwandererfamilien sollen raus aus der Nische und nicht bloß der "Migrant vom Dienst" sein, der die Integrationsthemen macht. "Jeder soll für das gefördert werden, was er gut kann. Ein Journalist mit Zuwanderungsgeschichte kann auch über Steuerpolitik berichten oder Parlamentsberichterstatter sein. Kultur und Sport können wir auch."

Zweitens, so Parvand, gehe es darum, auf Klischees, Stereotypen und blinde Flecken in der Berichterstattung über Migranten aufmerksam zu machen. "Ich kann sie nicht mehr sehen, diese Bilder der Kopftuchfrauen, die ständig gezeigt werden." Und ihr Netzwerk-Kollege Kemal Hür, freier Journalist in Berlin, ergänzt: "Wenn es um das Thema Muslime geht, kriegt man garantiert die Bilder von den aufgerichteten Hintern der betenden Männer zu sehen."

Hier wollen die Neuen Deutschen Medienmacher ansetzen - mit "interkultureller Kompetenz" und als Mittler zwischen den Kulturen wollen sie sich für differenziertere, realistischere Berichterstattung einsetzen - sie wollen die "bio-deutsche" Perspektive erweitern. "Es geht auch um den anderen Blick und um eine größere Sensibilität für Diskriminierung", sagt Rana Göroglu, freie Journalistin in Berlin und ebenfalls bei den "Neuen Deutschen Medienmachern" engagiert.

Dass Migranten im Berufsfeld Medien unterrepräsentiert sind, hat viele Gründe. So gibt es in den Redaktionen weiterhin noch Vorbehalte bei fremdklingenden Namen, und mancher fragt sich auch im 21. Jahrhundert noch: Können die denn überhaupt richtig deutsch? "Oftmals stellen die Leute eben immer noch lieber ihresgleichen ein", sagt Göroglu.

Die jahrzehntelang gängige Mainstream-Ideologie, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, hat auch in den oberen Etagen der Medien Spuren hinterlassen. Dort haben viele die Migranten-Kollegen nicht auf dem Schirm - obwohl diese durchaus mit Zusatzqualifikationen wie Sprach- und Landeskenntnissen punkten könnten.

Es geht auch um Vorbilder

Auch auf Seite der Zugewanderten gibt es Hemmnisse. Denn der Journalismus hat in den Migrantenfamilien bislang kein so gutes Renommee wie die klassischen Aufsteiger-Berufe Ingenieur, Mediziner, Jurist, Betriebs- oder Volkswirt. Auch da wollen die Medienmacher mit Nachwuchsarbeit etwas tun. "Es geht um Vorbilder - wir wollen zeigen, dass man auch als Journalist in der Mitte ankommen kann", sagt Rana Göroglu.

Baha Güngör von der Deutschen Welle in Köln gehört zu den Erfahreneren unter den Netzwerkern; er arbeitet bereits seit den 70er Jahren für deutsche Zeitungen, Nachrichtenagenturen und Sender. Er findet die neue Initiative wichtig "für ein Land, dass sich endlich als Einwanderungsland geoutet hat". Es habe sich viel getan in den vergangenen Jahren, auch weil die Medien die Einwanderer zunehmend als Zielgruppe entdecken. Aber das sei noch nicht genug.

Güngör hält besonders den Erfahrungsaustausch unter den Kollegen für sinnvoll. Er selbst rät jungen Journalisten: "Traut euch mehr zu und lasst euch nicht in die Nischen abdrängen." Güngör hatte in seiner Karriere mit so einigen Vorurteilen zu kämpfen, immer wieder wurde an seinen Deutschkenntnissen gezweifelt, versuchte man, ihn auf türkische Themen festzulegen: "Im nächsten Leben würde ich noch agiler dagegen angehen!"

Autor:  HANS-HERMANN KOTTE
Datum:  27 | 1 | 2009
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