Plötzlich sitzt man wieder im Klassenzimmer, muss wieder die Abiturprüfungen schreiben oder erschrickt, weil man ohne Hose vor den Mitschülern steht: Die Rückkehr in die Schule ist ein ebenso häufiges wie ungeliebtes Traummotiv. Sergej Moya muss dafür nicht einmal die Augen schließen, seine Filme führen ihn immer wieder an den Ort, den er doch eigentlich hinter sich lassen wollte. Im Januar war er zum Beispiel als unbeliebter Schüler im "Tatort" zu sehen, der vom Mobbing-Opfer zum Täter wurde.
Wenigstens die Ausgangslage ist bei "Stille Post" etwas positiver, dort spielt der 22-Jährige den verliebten Schüler Niklas. Doch ausgerechnet seine Lehrerin (Ursula Karven) ist das Ziel der Begierde, das kann nur tragisch enden, und so ist Sergej Moya auch in dieser Rolle keine Versöhnung mit der Schule vergönnt. Verlassen hat er diese vor vier Jahren, abgebrochen trifft es wohl besser. Als beste Entscheidung seines Lebens bezeichnet er heute diesen Entschluss, denn anschließend begann vor allem eines: das Lernen.
Eher zufällig kam er mit zur Schauspielerei, stand mit zwölf Jahren für "Frau 2 sucht Happy End" mit Ben Becker vor der Kamera. Am Set fand er, was er in der Schule vermisste, Interesse und damit Begeisterung und Engagement. "Wer glaubt, dass man auf einer Schule oder einer Universität gewesen sein muss, um zu lernen, der ist ein Schwachkopf." Ein typischer Sergej-Moya-Satz: aufgeladen mit Bedeutung, Meinung und vor allem Überzeugung. Dabei spielt es fast keine Rolle, ob er über Politik spricht oder über Pornos. Und so bleibt an diesem Vormittag das mit großem Hunger bestellte, üppige Birchermüsli vor ihm lange unangetastet, es gibt einfach zu viel zu erzählen.
Grenzen überschreiten
Moya spielte in Kinofilmen wie "Die Wolke" oder "Kronos", machte ebenso durch eine Rolle in Andreas Kleinerts "Mein Vater" von sich reden wie durch regelmäßige Auftritte im "Tatort" und anderen Fernsehfilmen. Heute schreibt er außerdem Drehbücher und führt Regie, mit seinen Kurzfilmen debütierte er in diesem Jahr auf der Berlinale und beim Max Ophüls Festival. Demnächst revolutioniert er womöglich die Pornoindustrie, aktuell schreibe er an einem "sexuellen Film", es sei so frustrierend, wie plump und ordinär Sex meist dargestellt werde.
Seine Liebe zum Filmemachen wurde nicht zuletzt durch eine Begegnung mit Götz George geprägt. Für eine gemeinsame Szene im "Schimanski" kettete der ihn mit Handschellen fest. Zu fest, das im Skript vorgesehene Rütteln wurde zur Qual. Aber Moya, damals 16 Jahre alt, wollte auf keinen Fall meckern, "sondern einfach so doll wie nur möglich daran wackeln, auch wenn sich die Haut abschabt, auch wenn ich anfange zu bluten. Das war mir völlig egal. Ich wollte vor Götz bestehen. Und da habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie viel Spaß es machen kann, Grenzen zu überschreiten und einfach zu spielen."
Die Freude, die ihm das Spielen bereitet, bleibt selten unbemerkt, auch in kleinsten Rollen wird Moyas Leistung hervorgehoben - positiv bis euphorisch. Dabei hat er schnell gelernt nachzufragen, welche Kollegen für geplante Filme angefragt sind, mit manchen arbeitet er nicht mehr. Beim Filmemachen sei man schließlich auf andere angewiesen. "Man ist nie allein, man erzählt immer zusammen eine Geschichte." Wenn die Harmonie stimme, könne es schöner als zu Hause sein. "Wenn ich mich aber beim Spielen nicht wohl fühle, dann werde ich unsicher, verliere meine Technik, meine Freude, meinen Enthusiasmus. Und dann bin ich einfach schlecht."
Daran gemessen, muss die Atmosphäre am Set von "Stille Post" besonders gut gewesen sein. Selbst in einem Ensemble mit Kollegen wie Axel Milberg und Katrin Sass fällt auf, wie präzise Moya seine Figur spielt. Seinetwegen bleibt dem Film von Matthias Tiefenbacher die Spannung erhalten, die sich durch zu viele Nebenschauplätze und Themen zu verlieren droht. So geht es in "Stille Post" nicht nur um Niklas unerfüllte Liebe, sondern auch um kriselnde Ehen, um Gerüchte, Erpressung, Eifersucht, Familie, Drogen - und auch um Schule.
Die wird Sergej Moya wohl noch eine ganze Weile verfolgen, dafür macht er sich einfach zu gut als Schüler. Hoffentlich geben ihm wenigstens seine Träume schulfrei.
Stille Post, 20.15 Uhr ARD
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.