Wer mit dem Kollegen reden möchte, der hinter dem Interview steckt, das Ausgangspunkt für den völlig überraschenden Rücktritt Horst Köhlers war, der wird enttäuscht: Deutschlandradio Kultur schirmt seinen Reporter Christopher Ricke fleißig ab. Der Pressesprecher des gebührenfinanzierten Senders sagt nur: "Ricke hat in unserem eigenen Programm schon Rede und Antwort gestanden. Das können Sie gerne auf unserer Internetseite nachhören."
So verstecken sich auch Journalisten vor der eigenen Zunft, wenn es heikel wird. Aufklärung darüber, wie das Interview zustande kam, leistet also lediglich ein Gespräch, das der Sender mit seinem Reporter selbst geführt hat. Darin bezeichnete Ricke die Umstände seiner Begegnung mit Köhler als "besondere Situation", weil sie sich im Flugzeug zusammensetzten. "Es ist relativ laut, die Düsen heulen, man muss sehr nahe zusammen sitzen, man muss laut und deutlich sprechen", sagte Ricke. "In dieser Gesprächssituation, als wir da gemeinsam in diesen Ledersesseln dieses Besprechungsraums der "Theodor Heuss" saßen, sprach der Präsident laut, deutlich und klar - und wir hatten die ganze Zeit Blickkontakt."
Fraglich ist, ob Köhler gut beraten war, zu diesem Zeitpunkt zu plaudern. Das Interview führte Köhler nämlich ohne professionelle Begleitung: Sein langjähriger Sprecher Martin Kothé hatte seinen Posten nach internen Querelen bereits aufgegeben. Nachfolgerin Petra Diroll, langjährige ARD-Korrespondentin in der Bundeshauptstadt, sollte ihr Amt erst gestern antreten - was sie nicht tat und nach Informationen der Frankfurter Rundschau auch in der nächsten Zeit nicht tun wird. Dass ihr Köhler nur wenige Stunden zuvor abhanden kam, traf auch sie aus heiterem Himmel.
Nun führte die Ausstrahlung des Gesprächs am 22. Mai nicht direkt zum politischen Eklat, sondern erst die Verkettung mit weiteren Umständen, wie sie in der heutigen komplexen Medienlandschaft nicht vorherzusehen sind. Während andere Medien Köhlers umstrittene Aussagen erst ignorierten, echauffierten sich Internetnutzer schon wenige Stunden nach der Ausstrahlung: "Wirklich, Herr Köhler?", fragte etwa ein Blogger. "Öffentlich zur Durchsetzung wirtschaftlicher Ziele durch militärische Gewalt aufrufen?" Und als Roland Koch die Nachrichtenlage dominierte, schrieb Jonas Schaible, ein 20-jähriger Politik- und Medienstudent: "Mir scheint, inhaltlich wäre die Nachricht sogar Stoff für einen Aufmacher - doch findet sie noch nicht einmal eine Erwähnung als Meldung. Ist Köhlers Meinung in relevanten politischen Kreisen etwa viel gehörter Konsens?"
Schaible war es auch, der überregionale Medien auf den Fall aufmerksam machte. Doch erst am Donnerstag schärften die traditionellen Medien wieder ihren Blick für die Causa Köhler - zunächst erneut der Deutschlandfunk. Der zitierte den CDU-Politiker Ruprecht Polenz damit, Köhler habe sich "missverständlich ausgedrückt". Spiegel Online griff die Passage auf und sammelte Reaktionen. Das Medienkarussell drehte sich, Köhler wurde zum Top-Thema, die "Tagesschau" mischte mit, was immer hilft.
Das Präsidialamt versuchte noch, Köhlers umstrittene Passage zu verharmlosen, konnte aber bei den Medien nicht landen. Die hatten Köhler ohnehin schon länger auf dem Kieker. Für viele zeigte der Bundespräsident zu wenig Präsenz und bot zu wenig Glamour.
So nahm sich auch der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe Köhlers Äußerungen an. Er habe sich als Staatsoberhaupt "blamiert", notierte das Magazin. Betitelt war die Story hämisch mit "Horst Lübke" und die Rede war von "hilflosen Versuchen" des Präsidialamtes, "etwas einzudämmen, das seine peinliche Wirkung längst entfaltet hatte".
Nach dieser Demontage konnte nur Horst Köhler selbst noch etwas nachlegen. Das immerhin ließ er sich nicht nehmen.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.