Ich mag Sie. Ihre granatapfelkernrot lackierten Fingernägel, ihr pinienzapfenbraunes Haar, ihre mokkagefärbte Stimme, es sind überdies mehr als diese Eigenschaften, die mich Ihnen gewogen stimmen. Frau Piel, ich lege Ihnen 1000 Kilo Baklava zusammen mit einem Anliegen vor die Füße.
Diese Woche hat eine Sendung Geburtstag, die jeder aus der Türkei stammende Mensch kennt. Es gab Jahrzehnte in dieser Republik, da hätte man problemlos bei Türkens in die Wohnung einsteigen und das Hochzeitsgold aus den Kopfkissen klauen können.
Seit 45 Jahren nämlich versammeln sich die Familien um 19.30 Uhr am Rundfunkgerät, vergessen die 50 Quadratmeter um sich herum und hören auf zu atmen, wenn der Satz ertönt: "Merhaba, burda Köln Radyosu." Guten Abend, hier spricht Radio Köln. Bis Punkt 20 Uhr hört man Nachrichten aus Deutschland, der Türkei und der Welt. In genau dieser Reihenfolge.
Dazwischen Musik aus der ehemaligen Heimat. Wir, die Nachkommen des untergegangenen osmanischen Imperiums, die vom Meer, von der Steppe, aus den Bergen und Tälern mit nichts als einer Hose und einer Weste bekleidet in das kleine Land zwischen Kiel und Garmisch-Partenkirchen einzogen, haben unser Leben mit einem Ohr am WDR verbracht.
Migranten in diesem Land brauchen das Programm
Frau Piel, erlauben Sie mir, dass ich kurz innehalte und die salzige Flüssigkeit, die von meinen Wangen auf das Briefpapier tropft, aufwische, bevor ich weitermache.
Zwischen 6.05 und 7 Uhr sendet die türkische Redaktion ein Nachrichtenprogramm für die fleißig arbeitende Bevölkerung, und für die parfümierte zweite Generation, die für jeden Schwatz rund um Gesundheit, Kultur und Politik zu haben ist, öffnet sonntags das "Café Alaturka". Das alles findet bei Funkhaus Europa statt. Ein Nebenarm eines Nebenkanals einer Rundfunkseitengasse des WDR.
Nun werden Alaturka und die Morgensendung gestrichen. Den Hörern zum Jubiläum das Geschirr auf der Tafel zerstören und Eselkacke in die Geburtstagstorte zu backen, ist das Gegenteil von "jönne könne". Es gibt kein Geld- und kein Quotenproblem, es gibt kein Qualitätsproblem.
Verehrte Frau Piel, zwischen Freunden sollte man keine Restaurant-Rechnungen teilen, aber die türkischsprachigen Bürger hören den WDR nicht nur, sie bezahlen ihn durch ihre Gebühren auch! 60 Prozent der türkischstämmigen Bürger in Deutschland hören Radio, 24 Prozent von ihnen Köln Radyosu morgens und abends!
Die WDR-internen Studien belegen das und werden vor der Öffentlichkeit versteckt. In Nordrhein-Westfalen lebt eine Million türkischstämmige Zuhörer. Nun will Funkhaus Europa die türkischsprachigen Nachrichten gegen deutschsprachige ersetzen. Erscheint Ihnen dieses Handeln angesichts deutschsprachiger Nachrichten morgens um 6 Uhr auf WDR 1, 2, 3, 4, 5, WDR Fernsehen und wdr.de nachvollziehbar?
Verehrte Frau Intendantin, Migranten in diesem Land brauchen ein Programm, das in Deutschland produziert wird und ihre Themen aufnimmt. Der WDR wurde doch gerade das Flaggschiff auf dem Ozean von Einheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.
Helfen Sie den Journalistenkollegen, die gegen Starrsinn, interkulturelle Inkompetenz und Halbwissen von Programmmachern kämpfen. Sie sind doch die Herrscherin über alle Wellen, korrigieren Sie den Kurs des Tankers! Ihre Mely Kiyak.
Mely Kiyak ist freie Autorin.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.