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27. April 2012

Konzertveranstalter Berthold Seliger: "Blanker Anachronismus"

 Von Berthold Seliger
Berthold Seliger. Tourneeveranstalter und Autor, lebt in Berlin.  Foto: privat

Überleben wird nur, wer sein Geschäftsmodell anpasst. Das bestehende Urheberrecht trägt nur dazu bei, dass erfolgreiche Künstler und die Funktionäre immer reicher werden.

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Das bestehende Urheberrecht ist ein System aus dem 19. Jahrhundert und beschreibt ein Geschäftsmodell, das im analogen Zeitalter funktioniert hat, und das auch nur, wenn die Verwerter die Urheber einigermaßen fair bezahlt haben (was nicht immer die Regel war und ist). In der digitalen Realität unserer Zeit ist das Urheberrecht ein blanker Anachronismus. Das Internet besteht im Kern fast ausschließlich aus Kopieroperationen – „das Internet ist Filesharing“ (Michael Seemann). Nur mit einem gigantischen Überwachungsapparat und in einem autoritären Law and Order-Staat könnte man das Internet Verwertungsindustrie-konform gestalten – das kann niemand ernsthaft wollen, nicht einmal die Musikindustrie. Überleben wird in digitalen Zeiten, wer sein Geschäftsmodell der Zeit anpasst – im Paris des frühen 20. Jahrhunderts ließ die Stadtregierung wegen der Gefährlichkeit des plötzlich auftretenden Autoverkehrs Männer mit roten Fahnen vor den Autos herlaufen, damit die im Schritttempo fuhren – ungefähr so stellen sich die Copyright-Cops heutzutage das Internet vor...

Jenseits der Tatsache, dass in der Realität das bestehende Urheberrecht eher ein Verwerterrecht ist und zugunsten der Kulturindustrie und weniger zugunsten der Urheber funktioniert, und jenseits dessen, dass die Realität, sei es bei Plattenfirmen, sei es bei Zeitungsverlagen, eher der „Buy Out“-Vertrag ist (der Urheber erhält eine Einmalzahlung und überträgt alle Rechte an den Verwerter), bevorzugen sowohl die bestehenden als auch die vorgeschlagenen Bezahlsysteme die Menge, nicht aber Innovation oder Qualität. Dieter Bohlen oder Hansi Hinterseer werden immer reicher, der Gema-Vorstandsvorsitzende erhält ein Jahresgehalt von 380.000 Euro, während das durchschnittliche Jahreseinkommen der unter 30-jährigen Musiker 9525 Euro beträgt – ganz offensichtlich trägt das bestehende Urheberrecht also nur dazu bei, dass erfolgreiche Künstler und die Funktionäre immer reicher werden, während junge Musiker am Rande des Existenzminimums leben müssen. Egal welches Geschäftsmodell sich durchsetzen wird – ein modernisiertes und dem 21. Jahrhundert angepasstes Urheberrecht oder die derzeit von allen wie ein Deus ex machina aus dem Zylinder gezauberte Kulturflatrate, an deren Sinnhaftigkeit starke Zweifel erlaubt sind –, wir sollten darauf achten, dass neue und innovative Musik stärker gefördert wird als die schiere Menge. Eine deutlich höhere Einmalzahlung beim ersten Abspielen im Radio oder Internet zum Beispiel würde junge und innovative Kreative wirklich unterstützen, während eine deutliche geringere Ausschüttung an die Großen der Branche diese auch nicht wesentlich ärmer machen würde.

Man sollte bei allen Modellen nicht vergessen, was der Komponist Frederic Rzewski, der es wissen muss, sagt: „Alle Verwertungsgesellschaften sind Diebe.“ Etwas Besseres als bürokratische Moloche wie Gema oder Kulturflatrate sollte doch zu finden sein!

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