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Medien

04. Dezember 2014

Krise des Journalismus : Das Medium des Vertrauens

 Von 
Sage keiner, dass Zeitungsverkäufer sich keine Mühe geben.  Foto: REUTERS

Der Journalismus ist eine Branche „in Transformation“, sagt der amerikanische Wissenschaftler Jeffrey Alexander, er hält die Klage über den Niedergang der Presse für Kulturpessimismus.

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Professor Alexander, Sie halten die „Krise des Journalismus“ für ein Hirngespinst. Wie kommen Sie auf diese steile These?

Fürs erste hilft schon ein Blick in die Geschichte der Medien. Jede technische Neuerung führte dazu, dass den bislang verwendeten Medien der alsbaldige Untergang vorhergesagt wurde. Das war nach der Erfindung des Telefons der Fall, beim Radio und erst recht beim Fernsehen. Heute nun ist es das Internet, das den traditionellen Medien zum Verhängnis werden soll. Eingetreten sind solche Prophezeiungen bisher nie. Das lässt den Schluss zu, dass es sich bei der Wahrnehmung solcher „Krisen“ nicht um etwas Objektives handelt, sondern um eine Mischung von technischen Veränderungen und kulturellen Prägungen.

Was meinen Sie mit diesen Prägungen?

Der Journalismus als solches genießt in unseren modernen Gesellschaften quasi-sakralen Status, weil er durch Information und Meinungsbildung als Wesensbestandteil unserer Vernunft-Autonomie gesehen wird. Journalisten sind die Priester und Schamanen des Informationszeitalters. Zweifellos ist die ökonomische Basis ihrer Arbeit unsicherer geworden. Deswegen sind es oft die Journalisten selbst, die am lautesten „Krise, Krise!“ schreien. Dabei ist das eigentlich Entscheidende nicht die Ökonomie, sondern die Sorge der Menschen vor dem Verlust ihrer Autonomie.

Aber die Aushöhlung der ökonomischen Basis ist ja keine bloße Prophezeiung, sondern längst Realität, wenn man an den Umsatzeinbruch auf den Anzeigen-Märkten denkt, an sinkende Druckauflagen der Zeitungen, aber auch an kleinere Redaktionen mit immer größerem Arbeitspensum.

Ich bestreite das nicht. Aber ich stelle zugleich fest, dass es bei uns in den USA bisher nicht zum Massensterben von Zeitungen gekommen ist. Man kann die Zahl der verschwundenen Blätter an einer oder zwei Händen abzählen. Ich empfehle Journalisten daher, ihr Metier „in Transformation“ zu begreifen und darauf zu vertrauen, dass sie sich in diesem Prozess behaupten können, indem sie nicht so sehr technologiegläubig, sondern qualitätsbewusst agieren.

Der Ruf nach Qualitätsjournalismus ist in der deutschen Öffentlichkeit unüberhörbar, geht aber einher mit der Klage über angeblichen Qualitätsverlust, der manche gar an der Glaubwürdigkeit der Medien insgesamt zweifeln lässt. „Die lügen doch alle“ ist ein Satz, den man heute selbst in „informierten Kreisen“ hören kann.

Ich halte die Klage über den „Niedergang“ nicht für ein empirisch belastbares Argument, sondern für eine kulturpessimistische Konstante. Die Leute haben noch zu jeder Zeit gesagt, mit der Qualität in den Medien gehe es ständig bergab, es werde alles immer schlimmer.

Warum sollten die Leute das so gesehen haben?

Zur Person

Jeffrey C. Alexander ist Professor für Soziologie an der Yale-University in New Haven (Connecticut), einer der renommiertesten Universitäten in den USA und weltweit. Unter dem Titel „The Crisis of Journalism Reconsidered“ stellt Jeffrey Alexander seine Thesen in Duisburg zur Diskussion.

Den Vortrag hält er am Käte Hamburger Kolleg/ Centre for Global Cooperation Research in Duisburg, das am Montag, 8. Dezember, zusammen mit dem Kulturwissenschaftlichen Institut Essen zur zehnten „Käte Hamburger Lecture“ einlädt.

Weil es in kapitalistischen Gesellschaften wie unseren immer die Sorge gibt, die materielle Wertschöpfung untergrabe die immaterielle. Manchmal stimmt das auch. Aber ich schließe mich den Experten an, die sagen, der Journalismus habe in den vergangenen 20, 30 Jahren an Qualität sogar gewonnen. Denken Sie an die große Zahl von Universitäten, Hochschulen und speziellen Instituten für die Ausbildung der Journalisten. Das Bewusstsein für professionelle Standards ist höher denn je. Und gerade weil es heute das Internet als allgemein zugängliche Plattform für Informationen jeglicher Art gibt, hat sich der Schwerpunkt journalistischer Arbeit in den investigativen und interpretierenden Bereich verlagert.

Wie erklären Sie sich dann den schlechten Ruf der Journalisten? In Umfragen landen sie auf der Beliebtheitsskala regelmäßig weit unten.

Das wirkt in der Tat paradox. Denn zugleich ist das Vertrauen insbesondere in das gedruckte Wort nach wie vor hoch. Die Menschen unterscheiden offenbar unbewusst zwischen „den Journalisten“, die generell unglaubwürdig seien, und „dem Journalisten“ im Medium ihres Vertrauens. Zudem offenbart dieser Widerspruch das Kontroverse, Strittige und bisweilen Penetrante als Charakteristik des Journalismus. Journalisten müssen hart und hartnäckig mit Institutionen sowie mit deren Vertretern umgehen, wenn sie ihren Job erfüllen wollen. Das macht sie naturgemäß zu eher unliebsamen Zeitgenossen. Trotzdem wird ihre Arbeit geliebt. Es gibt zum Beispiel bei uns in den USA ein gewaltiges Aufbäumen von Intellektuellen und Kulturschaffenden gegen das, was hier unter „Zeitungskrise“ debattiert wird.

Wie sehen Sie die neuen Informations-Stars im Internet-Zeitalter, die Blogger und „Bürger-Journalisten“?

Ich halte es für abwegig, dass sie den Journalismus klassischer Prägung überflüssig machen. Hinter dieser fixen Idee stecken Konzepte von Philosophen wie Hannah Arendt oder Jürgen Habermas. Sie sehen die umfassende, ungefilterte, wenn Sie so wollen „pure“ Vermittlung von Fakten als die wahrhaft demokratische Form der Kommunikation. In dieser Sicht ist ein Bürgerjournalist, der seine Informationen im Internet ohne jede Schwelle verbreiten kann, genauso „wertvoll“ wie der Redakteur einer Zeitung oder Rundfunkanstalt.

Was halten Sie daran für falsch?

Zweierlei. Erstens glaube ich, es gibt diese „reine“ Wiedergabe von Fakten nicht. Fakten sind auch nicht „an sich transparent“. Sie bedürfen der Deutung. Und Journalismus besteht nicht einfach in der „Verbreitung von Nachrichten“, sondern ist Ergebnis eines über Jahrhunderte gebildeten Aggregats von Kulturtechniken und Werten. Journalisten funktionieren darum auch nicht wie Diktiergeräte. Sie rekonstruieren und interpretieren Ereignisse – kritisch und wertegebunden. Ein Wert wie Gerechtigkeit wird nicht durch bloßes Abbilden von Fakten und Geschehnissen transportiert, sondern durch Geschichten. Ich glaube an die Bedeutung des „Storytellings“. Und es ist der gute Journalist, der die Geschichten gut erzählt.

Was ist Ihr zweiter Einwand gegen den Bürger-Journalismus?

Die utopische, ja ich möchte sagen illusorische Vorstellung einer völligen „Freiheit der Information“ im Internet hat zu der blinden soziokulturellen Vereinbarung geführt, dass Information im Netz auch umsonst – sprich: kostenfrei – zu haben sein müsse. Deshalb ist es den Verlagen auch so schwer gefallen, Bezahlmodelle zu etablieren. Wenn ihnen das jetzt effektiv gelingt, ist die Frage nach der ökonomischen Zukunft zu zwei Dritteln gelöst.

Sehen Sie die Chance dafür?

In den USA bezahlen die Leute Hunderte von Dollars für digitale Unterhaltungsangebote, die zuvor nichts gekostet haben.

Sollten Journalisten selbst bloggen und twittern?

Warum nicht? Sie müssen sich nur über zwei Dinge im Klaren sein. Erstens: Es kostet sie Zeit, es kostet sie Energie. Zweitens: Journalisten verdanken ihre Glaubwürdigkeit beim Publikum nicht dem neuen Kanal, durch den sie Beiträge schicken, sondern der Professionalität ihres Mediums und ihres Metiers.

Alles in allem prophezeien Sie dem Journalismus rosige Zeiten?

Nun, ich konstatiere, dass nie zuvor eine solche Fülle journalistischer Qualitätsangebote zirkuliert ist wie heute. Ich glaube, dass das wirtschaftliche Fundament journalistischer Arbeit bewahrt werden kann. Und ich bin überzeugt, dass der professionelle Journalismus unersetzbar ist in seiner Bedeutung für demokratische Gesellschaften und vielleicht sogar noch mehr als Gegengewicht zur Macht von Autokraten und Diktatoren.

Interview: Joachim Frank

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