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Lebedew kauft Independent: Der russische Philanthrop

Der Ex-KGB-Agent und Medienunternehmer Alexander Lebedew übernimmt die kriselnde britische Zeitung "The Independent" für einen symbolischen Kaufpreis. Von Sebastian Borger

Alexander Lebedew übernimmt die britische Zeitung The Independent für einen symbolischen Kaufpreis von einem Pfund.
Alexander Lebedew übernimmt die britische Zeitung "The Independent" für einen symbolischen Kaufpreis von einem Pfund.
Foto: getty

Als Alexander Lebedew vor gut einem Jahr das 182 Jahre alte Londoner Nachmittags-Blatt Evening Standard kaufte, machte der Deal wochenlang Schlagzeilen. Ein früherer KGB-Mann und Milliardär in der Rolle des Verlegers? Ein Russe mit Einfluss auf die wichtigste Lokalzeitung der britischen Hauptstadt? Rufe wurden laut nach einen Parlamentsausschuss. Der sollte dem Wirtschaftsminister über den Investor Bericht erstatten - und dieser notfalls dem unerwünschten Ausländer Steine in den Weg legen.

Aus dem Plan wurde nichts. Nun durfte der Russe Lebedew seinem Imperium auch noch den Independent und Independent on Sunday hinzufügen. Wie beim Evening Standard betrug der Kaufpreis wieder einen symbolischen Pfund - schließlich machen die landesweit erscheinende Tageszeitung und ihre Sonntagsschwester mindestens eine Million Pfund Verlust pro Monat.

Vom 50-jährigen Lebedew weiß man, dass er Oberstleutnant des KGB war, bei einem London-Aufenthalt Ende der Achtzigerjahre seine Liebe zu Großbritannien entdeckte und seither viel Geld verdient hat. Das US-Magazin Forbes schätzte Lebedews Vermögen vor knapp zwei Jahren auf 3,1 Milliarden Dollar. Dem Geschäftsmann gehören 31 Prozent der Airline Aeroflot sowie Anteile am Energie-Giganten Gasprom. Als Mit-Besitzer der regierungskritischen Zeitung Nowaja Gazeta hat sich Lebedew in Moskau profiliert.

Nun also der Independent. Im ebenso hartumkämpften wie unaufhörlich schrumpfenden Markt der landesweit beachteten Qualitätszeitungen schrammte das linksliberale Blatt (Auflage zuletzt noch 183.000) jahrelang an der Schließung vorbei. Hektische Wechsel in der Chefredaktion, revolutionäre Layout-Veränderungen, die Umstellung auf Tabloid-Format, harte Personaleinsparungen, immer neue Finanzspritzen durch den irischen Verleger Tony O'Reilly - nichts schien den Niedergang der seriösen Tageszeitung aufhalten zu können, die bei ihrem Erscheinen Mitte der Achtzigerjahre durch fundiertem Text- und opulentem Bild-Journalismus die Zeitungslandschaft revolutioniert hatte.

Unter ihrem langjährigen journalistischen Gebieter Simon Kelner, der mittlerweile als Verlagsleiter amtiert, und dessen Nachfolger als Chefredakteur Roger Alton haben sich die beiden Titel die Techniken des Boulevards zu eigen gemacht: Kampagnen statt Nachrichten, kontroverse Aufmacher, eindeutige Kommentierung statt Meinungsvielfalt. Längst ist das Blatt nicht mehr unabhängig und personell ausgeblutet. Die bisherigen Besitzer, O'Reillys Independent News and Media (INM), hätten die Zeitungen wohl geschlossen, trotz der hohen Kosten, die Branchen-Kenner auf mindestens 28 Millionen Pfund schätzten. Stattdessen bezahlten sie Lebedew eine Mitgift von 9,25 Millionen Pfund und gaben eine Garantie für den langfristigen Vertrag mit der verlagseigenen Druckerei ab.

Was Alexander Lebedew und sein 29-jähriger Sohn Jewgenij nun vorhaben? Lebedew hat die 15-monatige Herrschaft beim Evening Standard zumindest Respekt verschafft. Es gehe beim Independent um "eine langfristige Investition, nicht um schnellen Profit", sagt ein Sprecher. Ob auch der Independent wie der Evening Standard ganz auf Anzeigen setzt und in Zukunft als Gratis-Blatt auf den Markt kommt? Dazu gebe es jedenfalls vorläufig keine Pläne, heißt es nebulös. Mit Hilfe seiner neuen Novaya Independent Media Stiftung will Lebedew andere "Philanthropen" dafür gewinnen, "weltweite Medienprojekte" zu finanzieren.

Autor:  Sebastian Borger
Datum:  28 | 3 | 2010
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