Am Mittwoch Nachmittag waren plötzlich alle Daten weg. Im Akkreditierungszentrum der 12. Leichtathletik-WM, die vom 15. bis 23. August im Berliner Olympiastadion sowie auf den Laufstrecken der Hauptstadt ausgetragen wird, waren die Computer ausgestiegen. Eine gute halbe Stunde lang ging wegen eines Stromausfalls gar nichts im Reiterstadion, wo derzeit mehr als 3700 Journalisten sowie ein Vielfaches an Organisatoren und Helfern ihre Zugangsberechtigungen zum Sportereignis des Jahres abholen können.
Die Kollegen von der Berliner Tageszeitung (taz) haben sich den Weg geschenkt. Sie verzichten freiwillig auf die mit Kugelschreiber und USB-Stick bestückte Welcome-Bag im praktischen Sport-Design. Wie berichtet, boykottiert die taz die Leichtathletik-WM wegen der Überprüfung der persönlichen Daten der Journalisten. Diese stelle einen massiven Eingriff in die Pressefreiheit dar, schreibt die neue taz-Chefredakteurin Ines Pohl auf der gestrigen Titelseite.
Im Akkreditierungsverfahren des WM-Organisationskomitees (BOC) müssen Journalisten einer Überprüfung ihrer Daten zustimmen. Einverständniserklärung zur Durchführung einer Zuverlässigkeitsüberprüfung heißt das im Veranstalterjargon. Dieser behält sich vor, Angaben der Journalisten mit den Datensammlungen der Polizei des Bundes und der Länder sowie Informationen des Bundesnachrichtendienstes abzugleichen. Nicht mit uns, sagte sich die taz und erhob ihre Stadionabwesenheit kurzerhand zum Boykott. Rückendeckung erhält sie dabei vom Deutschen Journalistenverband (DJV). Dessen Sprecher Hendrik Zörner weist darauf hin, dass sich der DJV wiederholt kritisch mit der Erhebung und Weitergabe von Journalistendaten auseinandergesetzt hat. Nach der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 und dem Politgipfel von Heiligendamm sei das Leichtathletik-Event bereits die dritte Großveranstaltung in Deutschland, bei der sich Journalisten einer elektronischen Leibesvisitation zu unterziehen hätten.
Eine neue Qualität sieht Zörner darin, dass mit dem BOC ein Privatunternehmen Verfügungsgewalt über diese Daten erhält. Während in Heiligendamm noch argumentiert worden sei, dass insbesondere die amerikanischen Behörden darauf gedrängt hätten, sieht Zörner die Gefahr eines allmählichen Übergangs zu einer alltäglichen Praxis. Für Ines Pohl steht die taz-Aktion denn auch im direkten Zusammenhang mit einer zunehmenden Einschränkung journalistischer Arbeitsweisen, insbesondere durch Telefon- und Internetüberwachung. Den Vorwurf, indirekt Kollegenschelte gegen alle zu betreiben, die sich ordentlich akkreditiert haben, weist Pohl zurück. "Wir haben von sehr vielen Kollegen Zustimmung erhalten. Einige haben sogar zugegeben, dass ihn zu solch einem Schritt der Mut gefehlt habe." Hendrik Zörner vom DJV bestätigte, dass insbesondere der Konkurrenzdruck unter freien Journalisten die wachsende Datenwut der Veranstalter erleichtere.
Es ist allerdings der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, dass die taz die WM zum Vorwand nimmt, einmal mehr ihre Kampagnefähigkeit unter Beweis zu stellen. Die taz müsse dezidierter, frecher, mutiger sein und sich auf ihre Kerntugenden besinnen, hatte die seit Mitte Juli im Amt befindliche Chefredakteurin Ines Pohl noch vor Dienstantritt in der Berliner Dutschke-Straße ausgerufen. Mit dem Fernbleiben im Olympiastadion behauptet die taz vehement ihr aktionistisches Alleinstellungsmerkmal.
Die Entscheidung zum Boykott war erst am Mittwoch gefallen. Das Akkreditierungsprocedere des Veranstalters endete aber bereits im April. Die zwei taz-Kollegen, die ihr Einverständnis zum Personencheck verweigert hatten, waren vom BOC wegen der fehlenden Unterschrift gar nicht erst zugelassen worden. Das BOC verweist nun lapidar auf 3700 Journalisten, die am Vorgehen nichts auszusetzen hatten.
Schriftlich formulierte Fragen der FR an das BOC blieben am Donnerstag stundenlang unbeantwortet. Die FR wird übrigens wie geplant aus Berlin von der Leichtathletik-WM berichten. Zwar nehmen wir die zunehmende Tendenz zur Datenerhebung von Journalisten sehr ernst und werden in unserer Berichterstattung auch weiterhin auf die Gefahren des Datenmissbrauchs aufmerksam machen. Wir sind aber im Dienst an unseren Lesern der Überzeugung, dass der demonstrative Selbstausschluss von einem öffentlichen Großereignis nur im Extremfall ein Mittel sein sollte, um die Rechte von Journalisten zu wahren.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.