Jetzt ist es Zeit, einmal das Hohe Lied auf Lettre International zu singen. Vor zwanzig Jahren wurde in Berlin das großformatige, rund 140 Seiten umfassende Magazin für Reportagen, Erzählungen, Interviews, Poesie, Essays, Kunst und Fotografie mit dem Anspruch gegründet, den grenzübergreifenden Dialog zu pflegen und einen Treffpunkt der internationalen Kreativität zu etablieren.
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erschien das Heft tatsächlich für eine Weile in mehr als einem Dutzend, insbesondere osteuropäischer Sprachen, und bis heute kommt es noch immer alle drei Monate auch in Rom, Bukarest, Madrid und Budapest heraus. Kopenhagen ist einmal jährlich mit dabei; in Moskau wird man Lettre ab kommendem März im Internet lesen können. Von 2003 bis 2006 lobte die Zeitschrift einen Weltpreis für literarische Reportagen aus: Anna Politkowskaja, die vor zwei Jahren ermordete russische Journalistin, gewann ihn als erste.
Intellektueller Eros
In einer Zeit der Informationsflut, des Internet und der abgespeckten redaktionellen Umfänge bekennt sich Lettre zu langen Texten von hoher Qualität. So beschreibt Candace Allen, Roman- und Drehbuchautorin afroamerikanischer Herkunft, im Herbstheft auf sieben geistreichen Seiten ihr Engagement für Barack Obama im Vorwahlkampf. Die Journalistin Swetlana Alexijewitsch lässt in aller Ausführlichkeit und mit verstörender Intensität eine russische Mutter und deren Sohn zu Wort kommen, ein so herzzerreißender wie gnadenloser Abgesang auf die Sowjetunion.
Bora Cosic, Schriftsteller aus Belgrad mit Wohnsitz in Berlin, reist noch einmal in seine im doppelten Wortsinn verlorene Heimat. Lieve Joris, belgische Autorin, kann vom Kongo, Afrikas versehrtem Herzen, nicht lassen. Und Georg Stefan Troller, nunmehr hochbetagt, lehrt uns rotzfrech die Kunst des Interviews, ein Artikel, den sich jeder Journalist hinter den Spiegel stecken sollte.
Frank Berberich (59), Gründungsmitglied der taz, gibt Lettre International seit 1988 mit unveränderter Leidenschaft heraus. Die Redaktion ist klein, das Budget auch. 7000 Abonnenten und Anzeigen aus dem Kulturbetrieb, der Medienbranche und dem alternativen Spektrum sorgen für die nicht eben üppige wirtschaftliche Basis. Umso erstaunlicher ist, was da viermal jährlich in einer Auflage von rund 17 000 Exemplaren geleistet wird. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt einem weltweiten Netz an hochkarätigen Autoren, die sich vom intellektuellen Eros der Zeitung angezogen fühlen und deshalb für ein bescheidenes Honorar schreiben. Auch Künstler sind von Anfang an dabei. Jörg Immendorff zum Beispiel gestaltete das Titelblatt des ersten Heftes. Gerhard Richter, Rosemarie Trockel, Ilya Kabakov, Georg Baselitz schmückten das Magazin mit ihrer Präsenz. Das Zusammenspiel von Denkern und Dichtern, Malern und Fotografen hat Strahlkraft.
"Eine Offenheit gegenüber geistigen Anregungen aus dem Ausland" hat Frank Berberich in Deutschland ausgemacht. Die Redaktionen in den verschiedenen Metropolen, die konzeptionell auf der gleichen Grundlage, ansonsten aber unabhängig voneinander arbeiten, bilden ein Beziehungsgeflecht, tauschen Informationen und Artikel aus, geben Übersetzungen in Auftrag, machen "die Stärken der jeweils anderen Kultur, die Polyphonie eines größeren Raumes" erkennbar.
Lettre-Leser wissen das zu schätzen. Sie entstammen dem akademischen oder künstlerischen Milieu und sind gleichsam Multiplikatoren der Zeitung: in Literaturhäusern und Museen, in Universitäten und Theatern. Aus diesen Institutionen kommen besonders viele Rückmeldungen. So fragte eine Bühne unlängst an, ob Swetlana Alexijewitschs Aufzeichnungen sowjetischer und russischer Lebensläufe dramatisiert werden könne.
Immer taufrisch
Die Dezemberausgabe legt aus aktuellem Anlass thematische Schwerpunkte auf die Vereinigten Staaten und die Finanzkrise. Dank des globalen Netzes an Mitarbeitern und Freunden ist die Redaktion durchaus in der Lage, schnell auf gesellschaftliche Ereignisse zu reagieren. Gleichzeitig kann sie sich aus einer Fülle von Manuskripten bedienen, die nicht an den Tag gebunden, aber durch einen ungewöhnlichen Blickwinkel immer taufrisch sind.
Péter Nádas, der ungarische Schriftsteller, verknüpft auf vielen lesenswerten Seiten die Besprechung eines Balkan-Buches des schwedischen Reporters Richard Swartz mit seinen eigenen Erinnerungen an eine gemeinsame Reise durch das Rumänien Ceausescus.
Das Heft trägt diesmal die Handschrift des Künstlers Dieter Appelt, der sich von der fotographischen Wirklichkeitsabbildung abgewendet hat und mit allen Finessen und präparierten Kameras an das Unterbewusstsein rührt. Sein Cover heißt "Zone" und ist dem russischen Filmemacher Andrej Tarkowskij gewidmet. Wir binden eine Schleife in Yves-Klein-Blau drum und machen ein Weihnachtsgeschenk daraus.
Lettre International erscheint viermal jährlich, die neue Ausgabe ist jetzt
wieder in guten Buchhandlungen oder per Internet erhältlich und kostet elf Euro. www.lettre.de
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.