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Lobbyagentur: Schleichwerbung mit Folgen

Das NRW-Wirtschaftsministerium entzieht der Agentur Berlinpolis einen lukrativen Großauftrag. Von Torsten Wahl

Andrea Kiewel ist wieder obenauf: Sie moderiert den ZDF-"Fernsehgarten", schreibt Kolumnen für die Super Illu und bekam neulich sogar eine "Goldene Henne" in der Kategorie "Fernsehunterhaltung" - Anerkennung für eine Moderatorin, die mal hartnäckig vor laufender Kamera geleugnet hatte, dass sie von den Weight Watchers für Schleichwerbe-Auftritte bezahlt wurde.

In einem anderen Schleichwerbeskandal dagegen wurden jetzt die überfälligen Konsequenzen gezogen: Das Wirtschaftsministerium Nordrhein-Westfalens entzog der umstrittenen Agentur Berlinpolis den lukrativen Auftrag, das Clustermanagement für "Kreative Ökonomie" zu betreiben. Die Vergabe des mit 1,8 Millionen dotierten Auftrags im Juli an ein Konsortium um Berlinpolis hatte für Empörung gesorgt. Denn der Verein Lobbycontrol hatte im Mai aufgedeckt, dass Berlinpolis verdeckte Promotion für die Bahn betrieben, mit Leserbriefen und auf Internetforen eifrig für deren Privatisierung geworben hatte.

Selbst auf ausdrückliche Nachfrage eines Rundfunk-Reporters hatte Berlinpolis-Chef Daniel Dettling im Jahre 2007, genau wie Andrea Kiewel bei Johannes B. Kerner, geleugnet, heimlich Werbung im bezahlten Auftrag zu machen. Nach Aufdeckung des Bahn-Skandals kam ans Licht, dass Berlinpolis mit denselben illegalen Methoden auch für die deutsche Biokraftstoffbranche geworben hatte. Besonders pikant: Eben das Internetportal "Kreative Ökonomie", auf dem Berlinpolis weiterhin Firmen und Sponsoren informieren und vernetzen sollte, war laut Recherchen von Lobbycontrol in der Vergangenheit für die heimlichen Biosprit-Aktivitäten eingespannt worden.

Dettling betonte zwar, die Beiträge wären nicht "pro Biosprit" gewesen, sondern hätten sich "kritisch" mit dem Thema auseinander gesetzt. Die inzwischen gelöschten Artikel sprachen eine andere Sprache. Im August hatte Berlinpolis für seine verdeckte Bahn-PR bereits eine Rüge des Deutschen Rats für Public Relations (DRPR) einstecken müssen. Das Kontrollgremium DRPR bemängelte, dass das Geschäftsmodell von Berlinpolis offenbar darauf angelegt sei, eine Verwechslung zwischen dem Verein und GmbH hervorzurufen und forderte dazu auf, diese Namensgleichheit abzuschaffen.

Bahn-Lobbyist Dettling führte zu seiner Verteidigung an, er sei davon ausgegangen, dass die PR-Branchenstandards - zu denen Transparenz und Redlichkeit gehören - für "Thinktanks" nicht gelten würden. Inzwischen hat Berlinpolis zwar die Richtlinien anerkannt, agiert aber weiter mit Verein und GmbH unter demselben Namen. Doch erst die nächste zu erwartende Rüge des DRPR für die verdeckten Biosprit-Schleichwerbung führte zu Konsequenzen im Wirtschaftsministerium in NRW. Zunächst hatte Dettling zwar die Leitung des NRW-Clustermanagements niedergelegt, "um die überaus erfolgreiche Arbeit nicht mit unnötigen öffentlichen Diskussionen um seine Person zu belasten" und angekündigt, den Auftrag in vollem Umfang zu erfüllen.

Doch inzwischen hoben das Wirtschaftsministerium und Berlinpolis "in gegenseitigen Einvernehmen" den Vertrag auf, der von den anderen Mitgliedern des Konsortiums weitergeführt wird. Politisch aber scheinen Dettling und Co obenauf zu schwimmen. In seinem aktuellen Newsletter verkündete der Berlinpolis-Chef das selbst verfasste "Regierungsprogramm der nächsten Generation" und erklärte: "Mit Schwarz-Gelb hat das politische Bewusstsein der unter 40-Jährigen begonnen". Vor einem Jahr hatte Dettling in einem Kommentar für die Welt ebenso selbstsicher noch das Comeback der SPD vorhergesagt.

Autor:  Torsten Wahl
Datum:  13 | 11 | 2009
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