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Film „Schurkenstück“: Märchenstunde in der ARD

Der Film „Schurkenstück“ scheitert an seinen guten Absichten. Das prominent besetzte Ensemble tut immerhin sein Bestes, um dem Kammerspiel Atmosphäre einzuhauchen.

Oliver Korittke und Katharina Schüttler
Oliver Korittke und Katharina Schüttler in "Schurkenstück".
Foto: dpa

In den 70er Jahren wanderte das bürgerliche Theater aus auf die unbehauenen Probebühnen und schockte das Publikum mit Übertragungstheater: Schillers „Räuber“ sahen aus wie RAF-Terroristen, Kleists männermordende „Penthesilea“ wie eine Westberliner Feministin. In den 90er Jahren erinnerte sich der Theaterbetrieb an eine weit zurückreichende US-Tradition: Knasttheater mit echten Räubern und Mördern.

In mancherlei Hinsicht ist die Exposition des WDR-Fernsehfilms „Schurkenstück“ also durchaus alltagstauglich: „Willkommen in der Parallelwelt ... hier können Sie ihr Handy einschließen“ begrüßt der Sozialarbeiter der Anstalt Peter Kilian (Oliver Korittke) die junge Regisseurin an der Knastpforte. „Kann ich oder muss ich?“, gibt die junge Frau patzig zurück. „Wenn Sie Ihr Handy noch eine Weile behalten wollen...?“ pariert der JVA-Beamte achselzuckend und absolviert mit der gefragten Theaterregisseurin den notwendigen Umschluss.

Diese Fanny Dannewald (Katharina Schüttler) wird noch oft nicht auf den Sozialarbeiter hören und mit dieser Mischung aus Überheblichkeit und Ahnungslosigkeit durch die „Parallelwelt Vollzugsanstalt“ wandeln. Immerhin hatte ihr Freund zuhause noch im letzten Moment mit den Worten „scharfes Outfit“ verhindert, dass sie sich den jungen Männern im Knast in hochhackigen Stiefeln und Minirock vorstellen würde.

Aber auch sonst scheint Fanny kaum vorbereitet auf ihre sensible Aufgabe zu sein, mit den einsitzenden Straftätern ein Theaterstück zu inszenieren. Katharina Schüttler spielt die Künstlerin aus dem aufgeschäumten „Latte macchiato“-Milieu mit gewohnter Emphase und rettet damit den ganzen Film vor seiner ständig absehbaren Vorhersehbarkeit. Denn die so gut gespielte bourgeoise Haltung ihrer Figur verschafft den Drehbuchautoren Eva und Volker Zahn gleich zwei dramaturgische Vorteile: Der Zuschauer fürchtet ernstlich um die psychische und physische Unversehrtheit der Figur, was natürlich über das Kammerspiel den surrenden Oberton der Spannung legt.

Und zugleich wird der gesamte künstlerische Erfolg der Inszenierung damit den sechs Strafgefangenen zugeschrieben. Es soll ihre Willensanstrengung sein, ihre Bereitschaft zeigen, aus den harten Knastumständen auszubrechen und – wie man so sagt: über sich hinauszuwachsen.

Begabte Jungschauspieler

Die Ausgangslage für diese Verwandlung ist schwierig. Die Knackis befolgen einen überlebenswichtigen Kodex der Männerlichkeit. Anfassen ist verboten, Theater eine schwule Angelegenheit. Die Pose wichtiger als das authentische Gefühl. „Schurkenstück“ ist nicht deshalb ein kitschiges TV-Märchen, weil es unterstellt, dass inmitten dieser emotionalen Gemengelage interessante Kunst entstehen kann, sondern weil die Story so tut, als sei dies einfach ein wundersamer Prozess der inneren Läuterung, der von der Kunst ausgeht und beim Menschsein endet.

Tatsächlich kann die Knasttheaterbewegung auf viele künstlerische und soziale Erfolge verweisen. Aber ist es so simpel, wie Zahn & Zahn es uns erzählen? Muss man tatsächlich bloß Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ jugendsprachlich adaptieren – aus der Millionärin aus dem Originaltext wird die türkische Rapperin „Rich bitch“ – und schon setzt ein Russlanddeutscher (Vladimir Burkakov) sein Leben aufs Spiel, um in diese Frauenrolle zu schlüpfen. Man kocht einmal Spaghetti für die Knackis und schon fressen sie dir aus der Hand?

Es musste dem Regisseur von „Schurkenstück“, Torsten C. Fischer, angesichts dieser sozialliberalen Märchenbotschaft schwer fallen, der Inszenierung etwas von dem notwendigen rauen Ton zu geben, der Milieu und Thema widerspiegelt. Das mit Franz Dinda und Sebastian Urzendowsky auch prominent besetzte Ensemble tut sein Bestes, um dem Kammerspiel Atmosphäre einzuhauchen. In der echten Knastkulisse wird nach allen Regeln der Kunst gepoltert und gemauert, gedroht und geblufft. Man scheint das Bemühen dieser begabten Jungschauspieler in jeder Sekunde zu spüren, aus ihren schablonenhaften Figuren lebendige Charaktere zu formen.

Aber das reicht nicht, um den Film aus seiner Sphäre der künstlerischen Behauptung herauszuspielen. „Machen wir uns doch nichts vor, Schätzchen“, hatte Fannys Freund prophezeit: „Ihr könnt so gut sein, wie ihr wollt. Die Kritiker werden kein gutes Haar an euch lassen: Der Regiestar Fanny Dannewald winkt mit dem Zaunpfahl – Gesetzesbrecher spielen brave Bürger, die Gesetze brechen.“ Leider hat die fiktive Figur damit sehr viel Wahres über den Film gesagt, aus dem sie stammt. „Schurkenstück“ ist sicher gut gemeint. Aber nicht gut gemacht.

Schurkenstück, 20.15 Uhr, ARD

Autor:  Klaudia Wick
Datum:  18 | 8 | 2010
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