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13. Oktober 2015

Magazin : Der "Playboy" streckt die Waffen

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Und auf dem Cover Marilyn: Eine "Playboy"-Ausgabe von 1953 wird versteigert.  Foto: dpa

Der US-„Playboy“ verzichtet in Zukunft auf Nackte - dass ist in etwa so als ob der Papst erklären würde, Jesus sei nicht mehr der Sohn Gottes. In Deutschland hingegen bleibt alles beim Alten.

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Der US-„Playboy“ verzichtet in Zukunft auf Nackte - dass ist in etwa so als ob der Papst erklären würde, Jesus sei nicht mehr der Sohn Gottes. In Deutschland hingegen bleibt alles beim Alten.

Der Papst erklärt: Jesus ist nicht der Sohn Gottes. Gottes Söhne trifft man jetzt überall, da müssen wir nicht mehr an ihm festhalten. Das wäre der Untergang des Abendlandes. Nicht ganz so schlimm, aber doch ähnlich verrückt ist die Erklärung des amerikanischen „Playboy“, er werde in Zukunft nicht nur auf die auffaltbaren, sondern ganz und gar auf nackte Frauen verzichten.

Ab März soll es soweit sein. Als Begründung dient mal wieder das Internet. Dort könne man nackte Frauen mit einem Mausklick in allen Positionen finden. Kostenlos. Der „Playboy“ könne damit nicht konkurrieren. Der US-„Playboy“ legt also die Waffen einer Frau nieder. Der deutsche „Playboy“ erklärt sofort, er werde an seinem erfolgreichen Konzept festhalten und auf die Abbildung nackter Frauen auch in Zukunft nicht verzichten.

Der US-„Playboy“ hatte 1975 eine Auflage von 5,6 Millionen Exemplaren. Heute noch immer 800 000. Der „Playboy“ hat gewaltig mitgeholfen, die USA zu verändern. Je mehr ihm das gelang, desto weiter schrumpfte seine Auflage. Er etablierte die Abbildung des nackten Frauenkörpers als Konsumgut. Ein berühmtes Urteil eines US-Gerichts erklärte, einem Blinden keine Braille-Ausgabe des „Playboy“ zur Verfügung zu stellen, verletze die erste Verfassungsergänzung, also das Recht auf Informationsfreiheit.

Wir steckten alle die Köpfe hinein

Den ersten „Playboy“ sah ich Anfang der 60er Jahre. Einer hatte ihn mit ins Internat gebracht und wir steckten alle gemeinsam die Köpfe hinein. Ich weiß nicht mehr, wer das Centerfold war, geschweige denn welche Artikel in dem Heft standen. Aber 1946 in Frankfurt am Main geboren, las ich den „Playboy“ immer wieder. Einige Playmates kamen in mein – gar nicht so – privates Traumteam. Stella Stevens zum Beispiel, eine damals sehr bekannte Hollywoodblondine gehörte dazu. Aber allen voran die großgewachsene Engländerin Marilyn Cole aus dem Jahre 1972. Sie war das erste Playmate, das man nackt von vorne sah. Ich muss gestehen, das war mir nicht einmal aufgefallen. Ich lese das jetzt, während ich diesen Artikel schreibe. Damals war wichtig, dass sie groß war und sich so von meiner Gattin unterschied, der ich, von Ausflügen in die Pinup-Welt abgesehen, treu war.

Marilyn Cole war die Inkarnation der „Playboy“-Philosophie: Man nehme das Girl next door, gute Visagisten, gute Fotografen und viel Zeit und sie wird ein Männertraum. Der „Playboy“ brachte einer, vielleicht sogar zwei oder drei Männergenerationen bei, die ihnen begegnenden Frauen auf ihre Wandlungsfähigkeit hin abzuklopfen.

Vor ein paar Jahren traf ich eine Frau, sie wird heute Mitte Vierzig sein, die nur Verachtung übrig hatte für die Kerle, die ihr auf Parties nachsprangen. Sie fielen sofort bei ihr durch, weil sie sich täuschen ließen von drei, vier, vielleicht waren es auch fünf sechs Handgriffen, mit denen sie, die Vorzeigeintellektuelle, ins Vamplager switchte. Sie liebte das Spiel mit den Klischees. Sie drehte sie um und nutzte sie als Auswahlkriterium. Das war natürlich selbst noch abhängig davon, dass die Klischees funktionierten. Das „Playboy“-Klischee eines Playboys war ein Mann, der sexuell immer Lust hatte, dazwischen aber sich für die Bürgerrechte und den richtigen Whisky interessierte. Der „Playboy“ hatte den Mann als Konsumenten entdeckt. Auch als Konsumenten von Frauenbildern.

Das Klischee: Schmale Taille, großer Busen

Das „Playboy“-Klischee einer Frau war: schmale Taille, großer Busen und ein eigenes Einkommen. Das ist wenig, aber so sind nun einmal Klischees. Verheiratet sollten sie nicht sein, denn sonst hätte der Ehebruch zur „Playboy“-Philosophie gehört. Zum Klischee gehörte auch die Ästhetik des „Playboy“ und seiner Playmates. „Steril“ hört man oft. Gemeint ist die völlige Abwesenheit von Körperflüssigkeiten. Die Frauen waren nackt, aber nicht erregt. Das mäßigte – damals – wohl nicht die Erregung ihrer Betrachter.

Der kunsthistorisch geschulte Blick erkannte sofort in den Bildern von Marilyn Monroe, June Wilkinson, der siebzehnjährigen Donna Michelle Wiedergeburten der Schönheiten der französischen Salonmalerei des 19. Jahrhunderts. Die „Playboy“-Mädchen aus der Nachbarschaft wurden fotografiert wie zum Beispiel Alexandre Cabanel seine Venus gemalt hatte. Die längst zu Grabe getragene Ästhetik des französischen 19. Jahrhunderts wurde mühelos nicht nur integriert in das neue Medium. Sie spielte ganz sicher eine zentrale Rolle für seinen Erfolg.

So wüst es war, die junge Büroangestellte auszuziehen und einem Massenpublikum zum Kauf anzubieten, so „anständig“ war das doch, weil es als „Kunst“ durchging. Der „Playboy“ hat immens zur Pornographisierung der westlichen Gesellschaft beigetragen – das konnte er nur durch Verzicht auf Pornographie.

Die Bereitstellung von Onaniervorlagen war wahrscheinlich schon immer ein blühender Erwerbszweig. Aber so einen Sprung, wie wir ihn in den letzten sechzig Jahren erlebten, hat es in der Menschheitsgeschichte vielleicht noch nie gegeben. Das ist – wenn man es so nennen will – das Verdienst des „Playboy“. Diese Zeit scheint vorbei. Kein Grund zur Trauer.

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