Die ARD zeigte im Jahr 1964 das Fernsehspiel "Flug in Gefahr". Hanns Lothar spielte da einen Passagier, der einen Flieger landen muss, weil die Piloten nach einer Fischvergiftung ausgefallen sind. Nach der Ausstrahlung des Films verlas die Ansagerin einen Text, in dem die Deutsche Fischereiwirtschaft darauf hinwies, dass der im Flugzeug servierte Fisch nicht von ihren Betrieben stamme...
Inzwischen hat sich das Blatt offenbar gewendet: Es ist nicht mehr das Fernsehen, das seinem Publikum den Unterschied zwischen Realität und Spielfilm nicht zutraut, sondern es sind die Zuschauer, die nicht mehr ohne weiteres glauben, was ihnen per Bildschirm serviert wird.
Doch die "Mainzer Tage der Fernsehkritik" sind eine Veranstaltung des ZDF, und der Gastgeber konnte kaum Interesse haben, das Fernsehen allzusehr in den Focus des Misstrauens zu rücken. Also formulierte man als Tagungsmotto: "Neue Wahrheiten - Wer traut wem in der vernetzten Welt?" Und fraglos hat das Problem im Internet eine ganz andere Dimension. Wer heute noch mit seinem "Klarnamen" ins Netz geht, ist selbst schuld, aber dazu gezwungen, wenn er Kontakte sucht, die in den "sozialen Netzwerken" dann als "Freunde" schon mal fragwürdig deklariert sind. Doch davon unbeirrt wählen längst Millionen Facebook & Co. als Kanal ihrer Kommunikation.
Das hat inzwischen auch ZDF-Intendant Markus Schächter entdeckt - und prompt in seiner Eröffnungsrede den Anspruch angemeldet, dass natürlich auch sein Sender bei der "sozialen Suchmaschine" vertreten sein müsse, denn "wer als öffentlich-rechtlicher Anbieter "das Sagen behalten" wolle, der müsse im Netz auf möglichst vielen Plattformen präsent sein.
Aber die Mainzelmänner bieten eben nicht nur Information, von Schächter als "raison detre" des Senders apostrophiert, sondern auch jede Menge Mord und Totschlag. Das firmiert als Unterhaltung, aber dass die so harmlos nicht ist, wie es die Macher gerne propagieren, machte ein fachfremder Gast klar: Manfred Spitzer, Hirnforscher und Psychiater, fiel die Rolle des Spielverderbers zu, die er mit so viel Witz und Überzeugungskraft ausfüllte, dass danach lieber niemand mehr darauf einging.
Denn der Forscher machte mit dem Begriff der "gebrauchsabhängigen Spur" und einem drastischen Beispiel klar, dass nicht folgenlos bleibt, was wir medial konsumieren: Über eine schneebedeckte Wiese Gehende hinterlassen unzählige ungeordnete Fußabdrücke; finden sich aber am einen Ende ein Glühweinstand und am anderen ein Dixi-Klo, wird sich bald ein sichtbarer Pfad herausbilden: Etwa so - ganz, ganz grob gesagt - wirken unsere Erfahrungen auf unser Gehirn. Oder in Spitzers Worten: "Es ist nicht egal, ob wir uns in virtuellen Welten täglich abmurksen." Was immer man mache, man müsse sich fragen: Welche Spur hinterlässt das bei den Konsumenten?
Das hätte eine Debatte zur Folge haben müssen über die Verantwortung der Macher. Aber statt dessen erlebten die Zuhörer auf dem Lerchenberg kurzzeitig einen Kongress der Weißwäscher: Da schwärmte Schächter vom "Zauberwort Erzählen", und Wolf Bauer, als UFA-Chef ohnehin an der Spitze der medialen Betäubungsmittel-Lieferanten, durfte ohne Widerspruch behaupten, dass die jungen Zuschauer bei den Daily Soaps soziale Interaktion besser lernten als auf dem Schulhof.
Und hatte doch zuvor ausgeführt, dass der TV-Nachmittag bei den Privatsendern aus elf Stunden "gefaketer Realität" bestehe. Was anderntags eine der Protagonistinnen, Angelika Kallwass, mit der Beteuerung zu entkräften suchte, dass sie persönlich es sei, die für das Echte ihrer Sendung "Zwei bei Kallwass" stehe. Nur leider fehlt da am Ende der Sendung der Hinweis der Ansagerin, dass Kallwass mit Schauspielern spricht - und selbstverständlich keine Verantwortung für irgendwelche Folgen dieser medialen Dosis Voyeurismus übernimmt.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.