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Medien

27. August 2008

Markentransfer: Kult schafft Kohorten

 Von TILMANN P. GANGLOFF

Bully, Wickie und die starken Stoffe: Vom Markentransfer zwischen Fernsehen und Kino.

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Als Mitte der Siebziger Wikingersohn Wickie über die Bildschirme tobte, war Michael Herbig sechs Jahre alt. "Bully" hieß er erst später, als er einer der erfolgreichsten deutschen Kinoregisseure wurde. Herbigs Erfolg lebt unter anderem von den Mythen seiner Kindheit. In seinen Filmen greift er auf, was ihn und seine Altersgenossen damals bewegt hat: die Karl-May-Western ("Der Schuh des Manitu"), "Raumschiff Enterprise" ("(T)Raumschiff Surprise") oder die "Sissi"-Filme ("Lissi und der wilde Kaiser").

Jetzt dreht Herbig auf dem Münchener Bavaria-Gelände "Wickie und die starken Männer", und da er ein cleverer Geschäftsmann ist, hat das Projekt schon vorher für Umsatz gesorgt: Weil Herbig aus der Suche nach den Wikinger-Darstellern eine Casting-Show gemacht hat ("Bully sucht die starken Männer", ProSieben). Das Format hat erneut vor Augen geführt, wie sehr Kino und Fernsehen mittlerweile an einem Strang ziehen.

Das Sandmännchen kommt 2009

Auslöser dieser Kooperation ist ein knuddeliger kleiner Eisbär. Lange vor Knut oder Flocke hat Lars die Herzen von Kindern und Eltern erobert. Weil die WDR-Zeichentrickserie zum Quotenknüller wurden, gab es kurz drauf auch einen Kinofilm, der drei Millionen Zuschauern erreichte. Lars, sagt WDR-Redakteur Siegmund Grewenig (Kinder und Familie), "hat die Family-Entertainment-Welle losgetreten".

Die Vorteile der Kooperation zwischen Kino und TV liegen für Grewenig auf der Hand: "Die Kinos profitieren vom Bekanntheitsgrad, für den das Fernsehen gesorgt hat. Das Kinomarketing sorgt mit Plakaten, Trailern und bis zu 800 Kopien für eine Publizität, die auch wieder Relevanz für den Sender hat."

Lars hat eine Menge Nachfolger: Zu den bimedial verwerteten Zeichentrickhelden zählen unter anderem Käpt'n Blaubär, Tobias Totz, Petterson und Findus, der kleine Affe Dodo oder das Mädchen Laura, dessen bester Freund ein vom Himmel gefallener Stern ist. 2009 soll "Sandmännchen" in die Kinos kommen.

Während Hollywood beim Stofftransfer mit Filmen wie "Miami Vice", "Starsky & Hutch" oder "Drei Engel für Charlie" stärker auf Nostalgie-Effekte setzt, versucht man sich hierzulande also vor allem bei Kindergeschichten. Gerade mit Klassikern werden dafür gleich zwei Zielgruppen erreicht. Herbigs Film, eine Produktion der Constantin, wird ja nicht nur junge "Bully"-Fans ansprechen, sondern auch Menschen um die vierzig.

Ebenfalls im ZDF liefen 1979 die Abenteuer von Timm Thaler. Der Junge, der sein Lachen verkauft, ist eine Romanfigur von James Krüss - und Hauptfigur eines weiteren aktuellen Constantin-Projekts. Kein Wunder, dass die Kinorechte an "Biene Maja" derzeit heftig umworben sind.

Soziologen nennen dies den "Kohorteneffekt". Als George Lucas gut 20 Jahre nach "Krieg der Sterne" die zweite "Star Wars"-Trilogie in Angriff nahm, konnte er davon ausgehen, neben dem jungen Publikum auch die Fans der ersten Stunde in die Kinos zu locken: weil "Star Wars" Kult geworden war. Für Constantin-Vorstand Martin Moszkowicz ist das der Schlüsselbegriff: "Kult hat immer mit Emotionen zu tun. Sobald ein Stoff im Fernsehen Kult ist, wird er auch fürs Kino interessant."

Die "Bully"-Filme, die ihren Vorlauf in der "Bully-Parade" hatten, dürften zu den prominentesten Synergiebeispielen gehören. Ohnehin ziehen sich Kinoerfolge der TV-Prominenz (Loriot, Otto, Schimanski) wie ein roter Faden durch die deutsche Filmgeschichte.

Andersrum, vom Kino ins Fernsehen, ist der Weg offenbar schwieriger: Es dauerte zehn Jahre, bis eine Adaption von Sönke Wortmanns Komödie "Der bewegte Mann" (6,6 Millionen Zuschauer) auf Sendung ging. Jüngstes Beispiel ist "Rennschwein Rudi Rüssel": Nach zwei Kinoerfolgen bescherte die Serie der ARD trotz ungünstiger Sendezeit (samstags, 8.25 Uhr) auch bei Erwachsenen im Frühjahr respektable Quoten und wird im September zu elternfreundlicherer Zeit wiederholt.

Kinderserien aber lassen sich nur selten exportieren. "Großbritannien und Amerika haben eigene populäre Kinderbücher und dominieren damit natürlich den Weltmarkt. Nur wenige Autoren schaffen den Sprung aus dem deutschen Ghetto", erklärt ZDF-Redakteurin Irene Wellershoff.

Cornelia Funke ("Die wilden Hühner", "Herr der Diebe") sei eine Ausnahme, die die Regel bestätige. Weil sich keine internationalen Koproduktionspartner fänden, hätten das ZDF und die jeweilige Produktionsfirma gar keine andere Möglichkeit, als die Verfilmungen zweigleisig, also für Kino und Fernsehen, zu planen.

Die Kinoauswertung bringe allerdings auch einen erheblichen Mehraufwand mit sich: "Für die große Leinwand ist natürlich eine viel bessere Qualität nötig. Im Fernsehen genügt auch mal ein schlichter Hintergrund. Im Kino sieht das gleich billig aus, und dann hat man im Wettbewerb mit den Filmen von Pixar überhaupt keine Chance."

Laut WDR-Redakteur Grewenig gibt es noch einen Wermutstropfen: Von den Kinoeinnahmen sieht sein Sender keinen Cent.

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