Ehec, die Banken und der Euro. Fukushima, die Revolutionen in Nahost, der Massenmord von Utoya und der Terror von Rechts. Die FDP und die Piraten. Kachelmann, Strauss-Kahn, Guttenberg und dann auch noch Wulff. 2011 war ein ungewöhnlich ereignisreiches Jahr. Maybrit Illner, Talk-Lady des ZDF und Moderatorin des „heute journals“, über die gewachsene Bedeutung von Experten, ratlose Politiker und den Widerstand der Bevölkerung.
Frau Illner, Sie verabschieden sich am Ende jeder Sendung mit dem Satz …
Maybrit Illner ist seit mehr als zwölf Jahren Gastgeberin einer politischen Talkshow im ZDF. Zur Premiere am 14. Oktober 1999 hieß ihre Sendung noch „Berlin Mitte“. Seit März 2007 läuft
die Sendung unter dem Titel „Maybrit Illner“.
Die in der DDR aufgewachsene und ausgebildete Journalistin arbeitet seit Anfang der 90er Jahre für das ZDF. Von 1992 moderierte sie das „ZDF-Morgenmagazin“, dessen Leitung sie 1998 übernahm. Neben ihrer Talksendung moderiert sie aushilfsweise das „heute-journal“
Für ihre Arbeit ist Maybrit Illner
mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Im Jahr 2000 erhielt sie den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis, 2003 den Bayerischen Fernsehpreis, 2004 den Deutschen Fernsehpreis und 2009 die Goldene Kamera.
„Bleiben Sie heiter, irgendwie.“
In diesem Jahr schien er besonders passend.
Stimmt. So ein Jahr haben meine Kollegen und ich alle noch nicht erlebt. Schon gar nicht in dieser Intensität und Dichte, in der die Ereignisse Deutschland, Europa und die Welt erschüttert haben.
Fühlten Sie sich davon in irgendeiner Weise getrieben?
Nicht wirklich. Für Journalisten ist das fantastisch: Es gab keine Woche, in der wir uns gefragt haben, was um Himmels Willen wert wäre, Thema der Sendung zu sein.
Ein Kollege vermutete neulich, der Eindruck, dass die Taktzahl der Ereignisse höher erscheint, rühre daher, dass das mediale Grundrauschen zugenommen habe.
Da hat der Kollege unrecht.
Zumindest unter den verbliebenen Verteidigern von Guttenberg, der FDP und Wulff heißt es, Medien tendierten zum Skandalisieren, um die Nachrichtenlage anzuheizen.
Ich glaube nicht, dass die Medien mit Skandalen heute wesentlich anders umgehen als früher. Die Toleranz der Öffentlichkeit gegenüber Verfehlungen hat vielleicht abgenommen. Interessant finde ich, wie sich Schockwellen im Internet fortsetzen und wieder auf die klassischen Medien zurückwirken, siehe Guttenberg. Aber dass dieses Jahr auch ohne Skandale und Skandälchen außergewöhnlich spannend war, ist nicht zu bestreiten. Zumal die Themen tatsächlich große waren. Das waren riesige Räder, die fundamentale, historische Veränderungen mit sich brachten. Denken Sie an den Atomausstieg unter Schwarz-Gelb, der die gesamte Industrie der Energieerzeuger bis hin zu den Verbrauchern vor eine völlig neue Situation stellt. Oder nehmen Sie die Finanz- und Bankenkrise …
… der Sie sich im Durchschnitt in jeder vierten Sendung gewidmet haben.
Mit gutem Grund: Da geht es nicht um etwas, über das man mal rasch redet, und dann ist es abgehakt, sondern um den Verlauf einer Krise, die den Menschen Angst macht. Und so einen Prozess zu erklären, auseinanderzunehmen, zu kritisieren – das ist eine echte Aufgabe für Journalisten. Und die Zuschauer haben uns das gedankt. Da sind eben nicht plötzlich ein paar Verrückte zu News-Junkies geworden, die Leute interessieren sich dafür, weil es sie betrifft. Mehr noch: Sie werden aktiv.
Sie meinen die Chats, die Sie zu Ihrer Sendung anbieten?
Das auch, ja. Wir haben da wirklich kluge Beiträge bekommen und tolle Diskussionen im Netz geführt. Aber ich meine etwas anderes. Die Menschen schließen sich plötzlich einer Bewegung wie Occupy an, wo die Hausfrau mit Halskette direkt vom Friseur auf die Straße geht, und neben ihr sitzt der 21-jährige Student aus dem Camp, der sich die Krise auch nicht erklären kann, aber nicht alleine für sie den Kopf hinhalten will. Die Leute vernetzen sich, nutzen das Internet, überführen mal schnell einen Minister der Lüge und schieben ihn damit aus dem Amt. Sie gründen eine Partei wie die Piraten und wollen Demokratie noch einmal ganz neu definieren. Sie organisieren sich über Social Communities oder lösen Revolutionen wie die in Arabien aus. Das ist kein mediales Grundrauschen – da verändert sich gerade die Welt.
Ob Ehec, Fukushima oder Finanzkrise: Waren Experten die heimlichen Stars dieses Jahres?
In gewisser Weise, ja. Wir hatten jedenfalls noch nie so viele Experten in unserer Sendung wie in diesem Jahr. Als Redaktion waren wir echt gefordert, Leute mit Sachkenntnis zu finden. Börsenexperten, Wissenschaftler, Konjunkturforscher, Juristen. Das hat auch unsere Sendung verändert.
Inwiefern?
Früher setzte man gerne mal fünf Generalsekretäre um den Tisch. Heute braucht man für eine gute Diskussion Fachpolitiker und ergänzt sie durch Experten, Freidenker und Andersdenkende. Es geht nicht mehr nur darum, eine Meinung zu vertreten. Die Welt ist weniger ideologisch gespalten, dafür komplizierter. Da braucht es echtes Fachwissen.
Eine dieser Fernsehentdeckungen des Jahres war „Mister Dax“.
Dirk Müller, zum Beispiel. Er war ein paar Mal bei uns in der Sendung, und er war wirklich gut. Wenn er Investmentbankern und Hedgefonds-Managern vis-à-vis saß, ist so jemand im Vergleich zu mir natürlich ein gefährlicherer Gegenpart.
Wie das?
Ich habe mich zwar auch durch jede Menge Literatur zur Finanzkrisenarithmetik gewühlt. Aber er kann als Börsenmakler den Jargon eines Bankers viel besser und schneller decodieren und damit auch entlarven als ich.
Sie sagen, die Ereignisse haben die Bevölkerung verändert. Die Politiker auch?
Klar, sie sind verunsichert und streckenweise echt ratlos. Während der Sendung ist es vorgekommen, dass ein Politiker den Experten fragte: Wie würden Sie es denn machen? Völlig ironiefrei, aus echter Ratlosigkeit. Das sind Situationen, die zeigen, dass die Politik an die Grenzen ihrer Entscheidungsfähigkeit gekommen ist. Schon deshalb, weil es nicht mehr um nationale, sondern europäische und globale Fragen geht. Denken Sie an jene Sitzung im Bundestag, in der der EFSF durchgewunken werden sollte und sich Journalistenkollegen den Spaß machten, Abgeordnete nach der Summe für den Rettungsschirm zu fragen oder danach, wie sich die vier Buchstaben übersetzen lassen.
Und keine beziehungsweise falsche Antworten bekamen?
Na ja, das war nicht gerade ein Ausweis für das Funktionieren parlamentarischer Demokratie in Krisenzeiten. Es zeigt, unter welchem Druck die Politik steht.
Welche nicht-politische Nachricht hat Sie in diesem Jahr am meisten bewegt?
Mich hat der Tod von Christa Wolf sehr getroffen. Mit dieser Schriftstellerin bin ich aufgewachsen. Ihre Bücher waren zu DDR-Zeiten sogenannte „Bückware“. Ich komme aus dem Osten. Deshalb bleibt auch jene Sendung, in der ich Stefan Heym zu Gast hatte, lange ist’s her, eine meiner persönlichen Mount Everests. So wie ich mich auch über Michail Gorbatschow als Gast persönlich mehr gefreut habe als über jeden anderen internationalen Politiker. Das Gespräch führte Ulrike Simon.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.