Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Medien

15. Februar 2016

Medien: Redet Russland den Kalten Krieg herbei?

 Von 
Der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew sagt einen Satz, der die Welt in Aufregung versetzt.  Foto: dpa

Ein Satz des russischen Premierministers Dmitri Medwedew von der Münchner Sicherheitskonferenz sorgt für die Konstruktion von einfachen Wahrheiten bei den großen deutschen Medien. Dabei ist die Aussage nicht als Drohung, sondern eher als Mahnung zu verstehen.

Drucken per Mail

Über die legendäre Foto-Agentur Magnum geht das Gerücht um, dass sie ihre Fotografen dazu auffordert: „Die Welt so zu zeigen, wie sie ist, und nicht, wie sie sich irgendjemand vorstellt.“ Wozu es führt, wenn Journalisten diesen Anspruch ignorieren, ließ sich gut am Wochenende auf der Münchner Sicherheitskonferenz beobachten, an der Wahrnehmung des Auftrittes des russischen Premierministers Dmitri Medwedew.

Ginge es hier nicht um Krieg und Frieden, nicht um Schuld und Verantwortung, könnte man es bei der einfachen Wahrheit belassen, die so gut wie alle großen deutschen Medien – vor allem aber die Nachrichtensendungen von ZDF und ARD – über den Auftritt Medwedews verbreiteten: Die Russen reden den Kalten Krieg wieder herbei.

Es geht um einen Satz Medwedews aus einer insgesamt 22 Minuten dauernden Rede. Und hier fangen die Probleme an: um welchen Satz genau? Von ihm gibt es zwei offizielle Versionen der russischen Regierung: eine russische und eine englische. Und es gibt die tatsächlich gesprochene und auf Video dokumentierte Version.

Vor neun Jahren

In der ersten Hälfte seiner Rede erinnert der russische Premier an den Auftritt Putins vor neun Jahren; er sagt, dass die Welt heutzutage in einer schlimmeren Verfassung sei als damals befürchtet, er spricht über die Spannungen zwischen Russland und der Nato und schließt diese Gedanken mit dem Satz …

a) die von der Deutschen Presse Agentur (dpa) verbreitete deutsche Version: „Wir sind in die Zeiten eines neuen Kalten Krieges abgerutscht.“

b) die von der dpa verbreitete Version aus der Original-Fassung der englischen Übersetzung der russischen Regierung: „We are rapidly rolling into a period of a new cold war.“

c) die hier neu übersetzte Version des vollständigen Satzes*: „Man kann es auch schärfer sagen: Im Grunde sind wir in die Zeit eines neuen Kalten Krieges gerutscht.“ Diesen Satz verbreitet die russische Regierung im Redemanuskript und diesen Satz hat Medwedew tatsächlich auch ausgesprochen.

Er sagt eben nicht „Ich kann es auch noch deutlicher sagen: Wir sind in einen neuen Kalten Krieg zurückgerutscht.“ (Anne Gellinek, ZDF heute) Und auch nicht: „Wir sind abgerutscht in die Ära eines neuen Kalten Krieges.“ (Arnd Henze, ARD Tagesschau)

Wie gesagt: Die ganze Aufregung und die Sezierarbeit an einem kurzen Satz wäre unsinnig, ginge es nicht um reale Konflikte, um unsere Wahrnehmung dieser Konflikte und die trügerische Gewissheit genau zu wissen, wo die Schuldigen zu suchen seien. So sehr Russland und seine diplomatischen Vertreter auch an anderen Stellen Kritik verdienen – in München hat der russische Premier keinen Kalten Krieg herbeigeredet und ihn auch nicht konstatiert. Seine Aussage ist – wenn man sie interpretieren will – eine Mahnung. Er wählt dabei zwei relativierende Momente: „Man kann es auch schärfer sagen: …“ (in der offiziellen englischen Fassung: „Speaking bluntly, …“ ) und „im Grunde …“. Beides gibt weder dpa wieder noch übersetzen die wichtigsten deutschen Nachrichtensendungen die sensible Aussage mit der nötigen Präzision.

Der verantwortliche ARD-Redakteur Arnd Henze ahnte vielleicht sogar, dass sein Beitrag auf wackligen Beinen stand. Weil der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier die Rede Medwedews mit eher wenig Aufregung vernommen hatte, unterstellt Henze ihm: „Manche wollten es nicht wahrhaben: Medwedew habe doch nur vor einem Kalten Krieg warnen wollen, meinte zum Beispiel der deutsche Außenminister.“

Der russische Premier warb übrigens mehrfach um Kooperation – aber auf Augenhöhe, so wie sie auch Putin 2007 in München eingefordert hatte. Medwedew zitierte zum Schluss auch John F. Kennedy, der vor den Gefahren der Außenpolitik in den 60er Jahren gewarnt hatte. „Ich glaube, dass wir heute alle klüger und erfahrener und verantwortungsvoller sind“, schloss Medwedew. Das war nach dem Wochenende nirgends zu lesen oder zu hören.

Über den Anspruch der Foto-Agentur Magnum: „Die Welt so zu zeigen wie sie ist …“ können Natur- wie Humanwissenschaften freilich nur lachen: Wie wir die Welt wahrnehmen, darüber entscheidet immer auch unsere Vorstellung über die Welt mit. Aber unsinnig ist der Anspruch dennoch nicht: Ohne feste Freund-Feind-Bilder, ohne die fertige Story vor der Recherche würden wir, Journalisten, der Welt, so wie sie ist, vielleicht etwas näher kommen. Nur: Die Komplexität würde nicht in knackige schnelle Nachrichten und nicht in den klassischen 2-Minuten-TV-Bericht hineinpassen.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ hat sich die FR-Redaktion ihre Krimis selbst geschrieben. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern waren aber rein zufällig.

Medien
Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Filmtipps
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Anzeige

Videonachrichten Leute
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.