Aktuell: US-Wahl | Türkei | Olympische Spiele | Brexit
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Medien

19. September 2010

Medienforscherin Claudia Mast: Aufregen hilft nicht!

Die Medienforscherin Claudia Mast spricht im FR-Interview über Dreiklassen-Journalismus, Scheinnachrichten und Zeitungsleser.

Drucken per Mail

Tageszeitungen gelten als altes Medium, manche sagen gar ihren Tod voraus und verweisen auf die Rückgänge von Auflagen und im Anzeigengeschäft. Ist die Zeitung noch eine funktionierende publizistische Geschäftsidee? Darüber spricht an diesem Dienstag Claudia Mast, Professorin für Kommunikationswissenschaft und Journalistik an der Universität Hohenheim (Stuttgart) im Rahmen des Jahreskongresses des Zeitungsverlegerverbandes BDZV in Essen. Vorweg spricht sie im Interview über die Ergebnisse einer unabhängigen bundesweiten Umfrage unter Chefredakteuren von Tageszeitungen. Nach 2002 und 2006 ist das die nunmehr dritte Umfrage.

Neigen Chefredakteure von Tageszeitungen zu Optimismus oder sind das eher pessimistische Menschen?

Mast: Ihre Aufgabe verlangt ja geradezu, dass sie zuversichtlich sind, auch wenn die Bedingungen für sie immer schwieriger werden. Sie wollen ihre Redaktionen fit machen, einerseits Leser zu fangen, andererseits ihnen crossmedial und multimedial – über alle verfügbaren Kanäle –Leistungen anzubieten. Die meisten Chefredakteure halten daher Untergangsvisionen über das Zeitungssterben für „Unfug“ oder „Quatsch“, zumal solche pessimistischen Stimmen für die alltägliche Motivation der Redaktionen wenig hilfreich sind. Daher können sich auch nur 26 Prozent der befragten Chefredakteure vorstellen, dass es in zehn bis 20 Jahren viele Druckausgaben der Zeitungen nicht mehr geben werde, die deutliche Mehrheit blickt auch für die gedruckten Zeitungen optimistisch in die Zukunft.

Zu Recht?

Ja – aber Zeitungen werden sich gravierend ändern müssen, um mit der digitalen Welt Schritt zu halten. Dreh- und Angelpunkt erfolgreicher publizistischer Konzepte sind die Leser, ihre Interessen und Befindlichkeiten, die „gefühlten“ Themen, die Zeitungen aufgreifen müssen, aber auch die knappe Zeit im Alltag. Die Menschen haben andere Informationsbedürfnisse als vor 10 oder 20 Jahren. Zeitungen müssen zu Medien der Orientierung werden und den Lesern helfen, die täglichen Entscheidungen aufgeklärter, fundierter und bewusster zu fällen.

Welche unterschiedlichen Strategien verfolgen die Chefredakteure?

Einerseits wird die Berichterstattung auf den Leser als Staatsbürger oder Entscheider ausgerichtet. Sie erhebt den Anspruch, Entscheidungsprozesse zu analysieren, wer wann und warum Einfluss nimmt und welche Positionen und Hintergründe eine Rolle spielen. Sie will den Leser ansprechen, der sich für Politik oder Wirtschaft als prägende Faktoren der Gesellschaft interessiert. Und zwar nicht nur für die Ergebnisse politischer Entscheidungen, sondern für die Art und Weise, wie und warum sie zustande kommen. Andererseits wollen Zeitungen Service für die Leser bieten und sie vorrangig in ihrer Rolle als Verbraucher ansprechen, der sich für die Ergebnisse von politischen oder wirtschaftlichen Vorgängen interessiert und vor allem für die persönlichen Konsequenzen, die sich daraus ergeben – aber nicht, wie sie zustande kamen. Diese Zeitungen wollen eine schnelle Hilfe im Alltag bieten. Die Frage ist, ob Leser tatsächlich nur „Konsumenten“ sein wollen oder nicht doch mehr.

Inwiefern haben der Umgang mit dem Internet und die Notwendigkeit zum Sparen die Arbeit und die Arbeitsabläufe in den Redaktionen verändert?

Ressortgrenzen wurden durchlässig oder aufgehoben, Newsrooms sind als neue Formen der Zusammenarbeit und Steuerung entstanden, Arbeitsvolumen und Druck nahmen enorm zu und altbekannte, vertraute Routinen in den Redaktionen laufen ins Leere. Hinzu kommt der Umgang mit dem dynamischen Internet, die ständig wachsende Informationslawinen und die Beschleunigung der Arbeitsabläufe. Journalismus wird inhaltlich immer anspruchsvoller, aber auch anstrengender, einfach stressiger.

Wird es künftig eine stärkere Trennung geben zwischen produzierenden Redakteuren, die kaum noch das Haus verlassen, und Journalisten, die sich vor allem auf’s Recherchieren und Schreiben konzentrieren?

Das zeichnet sich schon ab, allerdings steuern wir eher auf einen Dreiklassen-Journalismus zu: die Blattmacher und die Autoren in den Redaktionen und – nicht zu vergessen – das Heer an freien Journalisten, die um Aufträge ringen und ihre Themen anbieten. Die Kernredaktionen werden immer mehr ausgedünnt und Aufträge flexibel an freie Journalisten oder Journalistenbüros vergeben. Das verändert den Journalistenberuf mindestens genauso wie die innerhalb der Redaktionen stattfindende Spezialisierung nach Aufgaben.

Man sollte meinen, es gehöre zum Kern von Journalismus, komplexe Vorgänge und vernebelte Missstände aufzudecken. Manche Chefredakteure gründen neuerdings eigene Ressorts für solche investigativen Recherchen: aus Prestigegründen?

Sicher: In vielen Fällen ist das Image ausschlaggebend. Zeitungen wollen auf sich aufmerksam machen mit neuen, exklusiven Themen und wollen zum Beispiel von Nachrichtenagenturen zitiert werden. Inzwischen ist schon ein richtiger Wettlauf darüber ausgebrochen. Aber das Streben nach Exklusivität ist zweischneidig. Es bringt im Wettbewerb Beachtung, wenn der Nachrichtenwert stimmt. Wird jedoch eine Schein-Exklusivität produziert, wenn Details, Nebensächlichkeiten oder vermeintliche Widersprüche mit dem Vergrößerungsglas betrachtet und „hochgezogen“ werden, kostet diese Aufgeregtheit der Berichterstattung langfristig die Reputation der Zeitungen.

Unterm Strich: Sind Chefredakteure heutzutage mehr Krisenmanager, Mängelverwalter oder Journalisten?

Alles in einem – und noch viel mehr: Strategen, die publizistische Konzepte planen und erproben, Moderatoren, die die Einbindung der vielfältigen Leseraktivitäten steuern und manchmal auch Kommunikatoren, die in TV-Talkshows auftreten.

(Interview: Ulrike Simon)

Claudia Mast ist Professorin für Kommunikationswissenschaft und Journalistik an der Universität Hohenheim (Stuttgart).

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Medien
Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Filmtipps
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Anzeige

Videonachrichten Leute
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.