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Medienkrise: Journalismus first

Immer schneller, immer weiter. Distanzlosigkeit als Berufskrankheit. Eine Berliner Runde diskutiert die Überlebenschancen der Printbranche. Von Harry Nutt

Passiert was auf dem Platz, sind die Fotografen schon da.
Passiert was auf dem Platz, sind die Fotografen schon da.
Foto: Getty Images

Die medienpolitische Kompetenz des früheren SPD-Vorsitzenden Kurt Beck hat in Berlin deutliche Spuren hinterlassen. So jedenfalls ist zu erklären, dass die Landesvertretung von Rheinland-Pfalz in der Hauptstadt am Dienstagabend bis zum letzten Platz gefüllt war. "Das Ende des Journalismus" stand zur Debatte, und im Untertitel der vom SWR-Reporter Thomas Leif moderierten Runde wurde gar gefragt: Ist unsere Mediendemokratie noch zu retten?

Ganz so apokalyptisch wollten die gefragten Journalisten ihr Berufsbild aber nicht ausmalen. Es gebe Demokratie und es gebe Medien. Das Kompositum Mediendemokratie mochten die Podiumsteilnehmer als Leitbegriff ihres beruflichen Tuns nicht akzeptieren. Wenn die Pose wichtiger werde als die Politik, witzelte Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur des Online-Portals der Süddeutschen Zeitung, dann befinde man sich wohl im Feld der Mediendemokratie.

Dass der politische Journalismus immer stärker auf Posen setze, bekräftigte Frank A. Meyer, Chefpublizist des Schweizer Ringier Verlages. Aus der Omnipräsenz der Medien, so Meyer, sei so etwas wie journalistische Omnipotenz erwachsen. "Wir treten immer mehr als Macht auf und haben uns von dem Anspruch entfernt, eine Gegenmacht zu sein."

Ein kritisches Geleitwort hatte zu Beginn des Abends Richard Meng ausgegeben. Bis 2007 stellvertretender Chefredakteur der FR, beobachtet Meng den politischen Journalismus nun vom Fensterplatz der Berliner Staatskanzlei aus. Der Sprecher von Klaus Wowereit wollte ebenfalls nicht ans Ende des Journalismus glauben. Es werde das Berufsbild gewiss auch in Zukunft geben. Die Frage sei vielmehr, wie es inhaltlich gestaltet werde.

Die Pathosformel des Qualitätsjournalismus betrachtete Meng skeptisch. Er äußerte den Verdacht, dass sie bisweilen als Schutzschild zur Gefahrenabwehr hochgehalten werde. Man dürfe die Qualitätsdebatte aber nicht einfach wegschenken. Und so purzelten denn auch die Beispiele für den Niedergang des Journalismus durch die Diskussion. Journalisten, die direkt für die Imagekampagnen von Politikern arbeiten, wurden kritisiert, und das Bild von der Hauptstadtmeute wurde einmal mehr beschworen.

Immer schneller, immer weiter. Distanzlosigkeit als Berufskrankheit. Dabei sei der Hauptstadtjournalismus gar nicht so schlecht wie sein Ruf. Brigitte Fehrle, stellvertretende Chefredakteurin der Berliner Zeitung, wies den Begriff Medienhysterie zurück. Es gebe vielmehr gesunde Aufgeregtheiten, aus denen sich zusammengenommen ein sehr differenziertes Politikbild entwickle.

Der Wettbewerb, in den sich derzeit Print- und Onlinejournalisten als Konkurrenten verwickelt sehen, wurde schließlich als vorübergehendes Luxusproblem angesehen. Qualitätsjournalismus sei keine Frage des Mediums, in dem er stattfindet. Es zeige sich gerade nach der Ausweisung der akkreditierten Journalisten aus Iran, dass der Online-Journalismus auf anarchische Weise eigene Skills entwickle, so Wolfgang Blau von Zeit-Online. Im Internet findet seither eine rege Diskussion über die Authentizität von Handy-Filmen und deren Wirkung statt.

Trotz der prekären Lage vieler Verlage lehnten die meisten Podiumsteilnehmer Modelle eines staatlich geförderten Printjournalismus ab. Es sei die Stunde der Verleger, so Frank A. Meyer, sich zur Devise "Journalismus first" zu bekennen. Zu einem dritten Weg rief zum Ende der Diskussion Stephan-Andreas Casdorff auf, Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel. Es könne zu einer staatlichen Aufgabe werden, in journalistische Ausbildung zu investieren. Die Demokratie brauche den Journalismus, aber guter Journalismus brauche Recherchezeit.

Autor:  HARRY NUTT
Datum:  24 | 6 | 2009
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