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Medienkritik: Der Spielverderber

Stefan Niggemeier hat die Fehler der Bild-Zeitung in seinem Bildblog entlarvt. Nun hört er auf. Bild hat gelernt, auf das Blog zu reagieren, Niggemeier will das Spiel nicht mehr mitspielen. Von Marin Majica

Der Journalist Stefan Niggemeier.
Der Journalist Stefan Niggemeier.
Foto: dpa

Es ist still in Stefan Niggemeiers Büro. Er sitzt an seinem Schreibtisch allein im großen Raum, und von der Bild-Zeitungs-Uhr über der Tür ist kein Ticken zu hören. Das Werbeprodukt der größten Boulevardzeitung Europas gibt den Takt stumm vor. "Eigentlich ging die immer falsch", sagt Niggemeier und schaut zur Uhr hoch.

Früher hat er sich um diese Zeit meist schon intensiv mit dem beschäftigt, was am Morgen in Bild stand. Er hat das nachrecherchiert, um es in dem von ihm mitgegründeten Bildblog zu kommentieren. An diesem Vormittag nimmt Niggemeier in seinem Büro in Berlin-Kreuzberg erstmal einen Schluck aus der Kaffeetasse.

Fünfeinhalb Jahre lang hat der Medienjournalist Niggemeier zusammen mit anderen der Bild mit seinem Blog im Internet auf die Finger gesehen. Vor einem Jahr ist sein Kollege Christoph Schultheis ausgestiegen, nun will sich auch Niggemeier um andere Dinge kümmern.

Sein Kollege Lukas Heiser wird aus Bochum das mehrfach preisgekrönte Bildblog weiter betreiben, Niggemeier gelegentlich Texte beisteuern und wieder mehr für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreiben, bei der er bis 2006 Redakteur war. Hat die Kontrolle durch Bildblog etwa dazu geführt, dass es an Bild nichts mehr zu bemängeln gibt? Ist die Bild durch Bildblog besser geworden?

"Ich habe immer reflexhaft nein gesagt, aber ich bin mir nicht mehr sicher. Diese krassen, halb selbstausgedachten Geschichten sind weniger geworden", sagt Niggemeier. Fehler, die Bildblog entdeckt, korrigiere Bild zumindest in der Online-Ausgabe schnell. Es gehöre nun zur Strategie des Hauses, sich nicht mehr als unfehlbare Instanz darzustellen, sich von einem Leserbeirat Kritik anzuhören - und auch mit Selbstironie aufzutreten.

Das Spiel wollte Niggemeier nicht mitspielen. Als Bild-Chefredakteur Kai Diekmann ein witziges Blog startete, erinnerte Niggemeier an alte Bild-Sünden, was nach Spielverderber klang. "Das sind wir eh, mit dem Vorwurf lebe ich gern", sagt Niggemeier.

Die Rolle des Kontrolleurs, der im Dienste der Öffentlichkeit Bild-Berichte nachrecherchiert, müssen nun andere übernehmen. "Ich habe das gern gemacht, aber ich will das nicht für den Rest meines Lebens machen", sagt Niggemeier.

Was er seinem Nachfolger überlässt, sei eine funktionierende Website, die 40 000 Besuche am Tag verzeichne und sich über Werbeanzeige so gut finanziere, dass man davon leben könne. Ein fester Kreis an Unterstützern liefert weiterhin Hinweise und hilft bei der Recherche. "Man kann das Bildblog schon deshalb nicht zumachen, weil man diese Leute so enttäuschen würde."

Eine Wand in Niggemeiers Büro füllt eine Tafel für Notizen, doch welche Pläne er für die Zukunft hat, ist der nicht zu entnehmen. "Ausdenken, was ich an die Tafel schreiben kann", steht da etwa. Hingeschrieben hat das jemand bei der Party zu Niggemeiers Geburtstag, er ist im Dezember vierzig geworden. Leeres Büro, keine Pläne, schwieriges Alters - muss man sich Sorgen machen? Niggemeier lacht und erzählt, die Leute von der Software-Firma, mit denen er sich die Büroräume teilt, kämen sicher gleich. Und die Pläne für neue Projekte sicher auch bald. "Es ist alles nicht so dramatisch", sagt er und trinkt seinen Kaffee aus.

Autor:  Marin Majica
Datum:  1 | 2 | 2010
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