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Mehr Recherche: Investigativ gegen Kostendruck

Immer mehr Medienkonzerne gründen eigene Recherche-Teams. Dahinter steckt ein Strategiewechsel: Nach langen Sparzwängen soll die Qualität gesteigert werden, um nicht noch mehr Leser zu verlieren.

Top-Rechercheure: Carl Bernstein und Robert Woodward deckten 1974 die Watergate-Affäre auf.
Top-Rechercheure: Carl Bernstein und Robert Woodward deckten 1974 die Watergate-Affäre auf.
Foto: AP

Die Zeit, altehrwürdig und traditionsbewusst, steht nicht im Verdacht, jedem Trend hinterher zu hecheln. Einer Entwicklung kann aber auch sie sich nicht verschließen: Ab Januar wird es bei der Hamburger Wochenzeitung ein Investigativ-Ressort geben – den gleichen Schritt waren zuvor schon WAZ und Welt, die Nachrichtenagentur dapd, der Focus und der Stern, die taz und weitere Zeitungen gegangen.

Stephan Lebert wird das vierköpfige Recherche-Team leiten und sieht die Ressort-Gründung als Antwort auf eine Entwicklung, mit der Medien zunehmend zu kämpfen hätten: „Wir werden als Teil der Macht wahrgenommen.“

Problem der Glaubwürdigkeit

Beinahe zwei Drittel der Deutschen sind überzeugt, dass sich Journalisten von Interessen der Wirtschaft beeinflussen lassen und nur noch 40 Prozent halten Tageszeitungen für glaubwürdig.
Mit dem Investigativ-Ressort will die Zeit gegensteuern, „Distanz zur Macht halten“, sagt Lebert. Sein Team soll sich auf Themen konzentrieren, bei denen sonst oft nur oberflächlich berichtet werde, also etwa die weltweiten Geldkreisläufe beleuchten oder Ursachen des internationalen Terrorismus erklären.

USA als Vorreiter

Bedingt ermittlungsbereit nannte Lars-Marten Nagel 2007 seine Diplomarbeit, in der er den Zustand des investigativen Journalismus in Deutschland und den USA verglich.

Sein Fazit: Die Amerikaner sind uns weit voraus.

Vier Jahre später haben viele Verlage reagiert und in Investigativ-Ressorts investiert. Neugründungen gab es etwa bei taz, WAZ und Welt, der Nachrichtenagentur dapd und den Magazinen Focus und Stern.

Auch der NDR und der SWR leisten sich eigene Recherche-Pools.

Johannes Ludwig ist Medienwissenschaftler und hat ein Buch über investigativen Journalismus geschrieben, er sagt: „Die schwindende Glaubwürdigkeit der Medien hängt eng mit der schwierigen wirtschaftlichen Situation zusammen.“

Die Zeit wird 2011 mit einem Rekordgewinn abschließen, doch die meisten Verleger haben auf sinkende Auflagen und den Einbruch des Anzeigengeschäfts mit einem radikalen Sparkurs reagiert, Personalabbau inklusive.

„Wenn ein Redakteur heute die Arbeit von zweien erledigt, verschlechtern sich die Bedingungen für investigative Recherche dramatisch“, sagt Ludwig. Und nicht nur das: „Wenn weniger Geschichten selbst recherchiert werden, wird die Zeitung auch irrelevanter.“

Strategiewechsel gegen die Abwärtsspirale

Die Zahl der PR-Texte steige, das Vertrauen der Leser sinke. Auf geringere Verkaufserlöse folgen Kostenreduktionen, die neuerliche Abo-Kündigungen nach sich ziehen. Die Abwärtsspirale versuchen einige Medienkonzerne nun mit einem Strategiewechsel zu durchbrechen: „Die Chefetagen scheinen zu merken, dass sie den Bogen überspannt haben“, sagt Ludwig.

Die Regionalzeitung WAZ hat 2009 ein Rechercheteam aufgestellt – während gleichzeitig rund 300 Stellen abgebaut wurden. David Schraven leitet das Team seit 2010 und sagt, dass ein neues Ressort nicht zwangsläufig zu höheren Ausgaben führen müsse: „Wenn wir uns stärker spezialisieren, können wir effizienter arbeiten.

Ein Rechercheur sollte recherchieren und ein Seitenredakteur Seiten machen.“ Er hält das Investigativ-Ressort der WAZ für einen Weg, mit dem Kostendruck umzugehen. So könne Arbeitszeit sinnvoller eingesetzt werden, ohne an Qualität zu verlieren.

Johannes Ludwig ist da skeptischer: „Wenn so viele Stellen gestrichen werden, ist es fraglich, ob die Qualität gehalten werden kann“. Aber natürlich sei es besser, den Sparmaßnahmen mit gezielten Investitionen zu begegnen, als bloß Stellen abzubauen.

Bruchstücke im Puzzle

Und die Recherche-Abteilungen kommen zum richtigen Zeitpunkt: Durch das Internet können Dokumente leichter veröffentlicht werden – doch meist erzähle eine einzelne Information noch keine Geschichte, sondern sei bloß Bruchstück in einem Puzzle, sagt Ludwig. Für die Puzzlearbeit brauche es Zeit, die im Redaktionsalltag selten bleibe. Genau für solche Aufgaben könnten Recherche-Teams eingesetzt werden.

Besonders hervorgetan haben sich dabei die New York Times und der englische Guardian. Das liegt auch daran, dass Datenjournalismus, also die Auswertung und Visualisierung großer Datenmengen, dort einen höheren Stellenwert hat als hierzulande.

David Schraven sagt, dass diese Form des Journalismus auch beim Investigativ-Ressort der WAZ immer wichtiger werde: „Es braucht Leute, die diese Daten aufarbeiten. Ein Rechercheressort ohne Zugang zu datenjournalistischer Kompetenz wird bald keine Lebensberechtigung mehr haben.“

Schraven sagt, dass es in Amerika eine ganz andere Investigativ-Tradition gebe. Er hat beim Time Magazine gearbeitet und lobt dessen Selbstverständnis: „Die sagen dort: Wir haben nicht alles, aber alles, was wir haben, ist super.“ Noch seien solch gründlich recherchierte Geschichten selten in deutschen Zeitungen. Daran würden auch die zahlreichen neugegründeten Investigativ-Ressorts nichts ändern. „Bis man als Team richtig funktioniert, das dauert. Jahre, nicht Monate.“

Manche Verleger könnten da ungeduldig werden. Denn die würden oft kurzfristig kalkulieren und sich schnelle Ergebnisse wünschen, sagt Medienrechtler Ludwig. „Aber es ist zu hoffen, dass der neue Trend nicht nur eine Modeerscheinung ist.“

Autor:  Simon Hurtz und Jonas Rest
Datum:  28 | 12 | 2011
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