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Medien

16. November 2012

Missbrauchsskandal bei der BBC: Tantchen verspielt ihren guten Ruf

 Von Barbara Klimke
Nicht nur Nachrichten: Im April 1946 posieren Revuetänzerinnen vor der Kamera der BBC.Foto: Getty Images

Falsche Behauptungen, verhinderte Beiträge, gefeuerte Chefs - neunzig Jahre nach Gründung der BBC sind die Folgen des Missbrauchsskandals für diese britische Institution noch unabsehbar

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London –  

An den meisten Abenden steht Nick Robinson, der politische Chefreporter der BBC, für die Hauptnachrichten mit einem Mikrofon vor der schwarzen Tür von Nummer 10, Downing Street. In dieser Woche ist er ausnahmsweise in eine Buchhandlung im Londoner Stadtteil Islington gekommen. Es ist der 90. Jahrestag der ersten Radiosendung des Vorläufers der British Broadcasting Corporation, und Robinson stellt sein neues Buch über Politik, Macht und Medien vor. Der Anlass wäre geeignet, über die ersten News zu reden, die 1922 über den Äther gingen: Vermeldet wurden damals ein Zugüberfall, der Londoner Nebel, eine Wahlkampfrede und die Billard-Zahlen. Doch was das Publikum bei der Lesung an diesem Abend weit mehr bewegt, ist der entsetzliche Pädophilen-Skandal, der die BBC gerade erschüttert. So beginnt der Nachrichtenmann den Abend mit einer Anekdote.

Der frühere britische Premierminister John Major, so erzählt Robinson, sei einmal im Kreml zu Besuch gewesen. Er bat den russischen Präsidenten Boris Jelzin, die Lage der russischen Wirtschaft für ihn zusammenzufassen. Jelzin antwortete mit einem Wort: „Gut.“ – Ob er vielleicht noch etwas mehr dazu sagen könne, hakte der Premier nach. – Jelzin überlegte eine Weile. Dann sagte er: „Nicht gut.“

Klangteppich des Lebens

Mit diesem Gleichnis, glaubt Robinson, sei am treffendsten die zweifelhafte Lage beschrieben, in der sich die BBC nach den jüngsten Enthüllungen befindet. Das Gute ist demnach das, was den Sender neunzig Jahre lang ausgezeichnet hat: die Verlässlichkeit, Kompetenz, Professionalität und politische Unabhängigkeit, die die Anstalt von Anfang an störrisch gegen alle Einflussnahme verteidigt hat. Diese Qualitäten haben die BBC weltweit zum Vorbild für den Rundfunk-Journalismus gemacht. Und sie sind noch immer täglich zu hören und zu sehen, von der Morgensendung Today auf Radio 4 bis zum preisgekrönten Investigativ-Programm Panorama. Robinson ist damit aufgewachsen: „Die BBC-Nachrichten gehören zum Klangteppich meines Lebens“, schreibt er in seinem Buch.

Wie wichtig die Glaubwürdigkeit von Informationen ist, lernte er von seinen jüdischen Großeltern, die bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten aus Deutschland nach Schanghai flohen. Die berühmten Worte „This is London“, die das Programm des World-Service einleiten, bedeuteten für Millionen Menschen, die Europa den Rücken kehrten, vor allem: dass sie dem Gehörten vertrauen konnten.

Dagegen steht das Verheerende, das Nicht-Gute: die nun bekannt gewordenen Vorwürfe systematischen Kindesmissbrauchs gegen den inzwischen verstobenen BBC-Moderator, Discjockey und Publikumsliebling Jimmy Savile. Die BBC hat ihre Situation zusätzlich dadurch erschwert, dass ihr erschreckende Fehlurteile und Falschmeldungen bei der Aufbereitung des Skandals unterliefen. Auch das läuft nun von früh bis spät über den Sender. Denn die Rundfunkanstalt muss seit Wochen mehr über die Geschehnisse im Broadcasting House im Westend berichten als über Kriege, Klagen und Katastrophen im Rest der Welt. Das höchste Gut der BBC, ihr über neunzig Jahre aufgebauter untadeliger Ruf, steht in Gefahr.

Zwei Generaldirektoren hat die BBC im letzten Vierteljahr verloren. Der erste, Mark Thompson, verließ das Haus unter scheinbar geordneten Umständen, um einen neuen Posten bei der New York Times anzunehmen. Der zweite, Georg Entwistle, trat vor einer Woche nach nur 54 Tagen zurück. Den Chefposten hat nun vorübergehend Tim Davie übernommen, der frühere Audio- und Musik-Direktor. Mit Davies Nominierung freilich sind die Vorwürfe nicht aus der Welt geschafft. Am Donnerstag gab die Polizei bekannt, dass die Zahl der potenziellen Opfer von Jimmy Savile auf vierhundertfünfzig angestiegen ist. Die Dunkelziffer ist hoch, weil viele Geschädigte es vorziehen, ihren Missbrauch nicht öffentlich zu machen. Ebenfalls am Donnerstag wurde der vierte Verdächtige, ein Mann in den Sechzigern, festgenommen. Es ist nicht auszuschließen ist, dass Savile Mitwisser oder Mittäter hatte.

Kaum vorstellbare Ehrfurcht vor Autoritäten

Über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten soll der Rundfunk-Entertainer, den Scotland Yard einen „raubtierhaften Sexualstraftäter“ nennt, Kinder und Jugendliche missbraucht haben. Dass er die Übergriffe offenbar perfekt hinter der enormen Popularität verbergen konnte, die ihm die älteste öffentlich-rechtliche Sendeanstalt ermöglichte, ist der Gedanke, der am meisten erschüttert. Im Nachhinein, so wird nun deutlich, haben viele, die mit Savile zusammentrafen, den Mann mit den wasserstoffblondgefärbten Haaren, dem protzigen Goldschmuck, den geschmacklosen Trainingsanzügen und der Zigarre zwischen den Zähnen für einen merkwürdigen Kauz gehalten. Aber solange er vor der Kamera stand, fand das Publikum ihn nur brüllend komisch. Savile moderierte die britische Hitparade „Top of the Pops“ und von 1975 bis 1994 eine Kindersendung, „Jim’ll fix it“. Seine Popularität schnellte in Höhen, die in Deutschland unvorstellbar sind.

Sir Jimmy wurde von der Queen geadelt und vom Vatikan geehrt, weil er neben seiner Fernsehtätigkeit fleißig Geld für wohltätige Zwecke sammelte. Wie sinister seine Absichten offenbar waren, lassen erst jetzt die Aussagen von Opfern und Zeugen vermuten. Die Millionenspenden erlaubten Savile, sich scheinbar ungehindert Zugang zu Kinderheimen und Krankenhäusern zu verschaffen, in denen Minderjährige besonders verletzlich sind. In einer psychiatrischen Einrichtung war er im Aufsichtsrat und soll ein eigenes Zimmer zur Verfügung gehabt haben – samt einem Schlüssel zu den Krankensälen. Es gibt Hinweise, dass er Kinder möglicherweise auch auf dem Gelände der BBC, in Umkleiden und in seinem Wohnwagen missbrauchte.

Ein Kinderhilfswerk, Children in Need, hatte sich von Savile fern gehalten, weil die Verantwortlichen, ohne weitere Indizien zu haben, den Fernsehstar „gruselig“ fanden; aber das scheint die Ausnahme gewesen zu sein. Und so ähneln die Verbrechen dem Muster, das aus anderen Institutionen, aus katholischen Bistümern, Schulen und Internaten bekannt ist. Die Kinder wurden nicht geschützt, weil die Kinderschänder als Respektspersonen galten. Eines der Opfer, das den Missbrauch erst jetzt, nach Jahrzehnten öffentlich zu machen wagte, sagte: „Er drohte, man würde mir ohnehin nicht glauben – er sei König Jimmy.“

Mancher Zeitzeuge, der in den 70er-Jahren in England aufwuchs, ist nicht überrascht. In einem Magazinbeitrag erinnert sich Tom Carver, ein früherer Auslandskorrespondent der BBC, an die „schmutzigen alten Männer“, die Lustmolche, wie sie hießen, vor denen damals allseits gewarnt wurde. „Im Nachhinein“, schreibt er, „ist es unerklärlich, dass niemand etwas gegen sie unternahm. Man beschwerte sich, aber sie wurden als ärgerlicher Tatbestand des Lebens angesehen.“ Die Polizei, glaubt Carver, habe damit nichts zu tun haben wollen. „Wenn einer minderjährige Mädchen im Wohnwagen befummelte“, so folgert er, „war das Gesetz nicht interessiert.“

Hinzu kam in Großbritannien eine Ehrfurcht vor Autoritäten, zu denen auch Entertainer zählten, die heute kaum noch vorstellbar sei, sagt Tom Carver: „Wer es in den Hochsicherheitszaun des Establishments geschafft hatte, konnte machen, was er wollte.“

Massiver Vertrauensverlust unter Hörern und Zuschauern

Saviles Aura war so groß, dass erste Anschuldigungen erst ans Licht kamen, als er im Oktober 2011 mit 84 Jahren starb. Die BBC-Nachrichtensendung Newsnight begann, in der Sache zu recherchieren. Opfer wurden interviewt. Doch die Sendung wurde nie ausgestrahlt. Die Gründe dafür sind bisher nicht restlos geklärt, der Leiter der Redaktion gab zunächst handwerkliche Mängel an; er hat seinen Posten inzwischen geräumt. Fakt ist, dass statt des Hintergrundberichtes zur Weihnachtszeit eine schmalzige Hommage an den TV-Star ins Programm gehoben wurde. Und dass es schließlich der Konkurrenzsender ITV war, der Savile als mutmaßlichen Kinderschänder enttarnte.

Darauf beging die BBC einen zweiten Fehler, unheilvoller als der erste. Sie überreagierte und gab alle journalistische Sorgfalt auf. Vor zwei Wochen strahlte Newsnight einen Beitrag über Fälle von Pädophilie in walisischen Kinderheimen in den 70er-Jahren aus. In der Dokumentation wurde ein früherer Tory-Politiker als vermeintlicher Kinderschänder genannt; die Vorwürfe indes stellen sich als haltlos heraus. Der Bericht hätte niemals über den Sender gehen dürfen, sagte BBC-Generaldirektor Georg Entwistle, ehe er seinen Hut nahm.

Enthüllungsberichte sind ihrem Wesen nach explosive Angelegenheiten. In diesem Fall aber hat die „Bombe von Newsnight“, wie die Journalismusprofessorin Emily Bell den Fall kommentierte, einen Menschen fast zerstört. Der betreffende ehemalige Politiker wurde zwar nicht namentlich genannt, aber ihn zu identifizieren, war nicht schwer. Inzwischen hat er sich öffentlich zu Wort gemeldet. Der Hass, der ihm nach der Sendung entgegenschlug, habe ihn wie ein Schock getroffen, sagte er: Es gebe „nichts Schlimmeres, was man einem Menschen antun könne“, als ihn der Pädophilie zu bezichtigen. Die BBC hat ihm jetzt eine finanzielle Entschädigung von 185000 Pfund (230000 Euro) zugestanden.

Dass bei der BBC nun Posten geräumt werden müssen, ist das eine. Weit katastrophalere Auswirkungen aber könnte der Vertrauensverlust unter Hörern und Zuschauern haben, die als Gebührenzahler die Geldgeber dieser Anstalt mit 23000 Mitarbeitern sind. Bis zu siebzig Prozent der Briten haben laut einer neuen Meinungsumfrage den Glauben an das Rundfunkhaus verloren.

Wer nie auf den britischen Inseln wohnte, wird kaum erahnen, welchen besonderen Platz die BBC in der nationalen Psyche einnimmt. In britischen Haushalten ist der Sender so präsent, dass ihn viele wie ein Mitglied der Familie betrachten. „Auntie knows best“, heißt es hier: Tantchen weiß es besser. „Der Grund, weshalb die Leute einschalten, ist simpel“, erklärt der Reporter Nick Robinson: „Sie wissen, dass sie sich auf das verlassen können, was sie hören. Journalismus ist nie die ganze Wahrheit; aber im besten Fall versucht die BBC, der Wahrheit so nahe zu kommen, wie das an diesem einen Tag möglich ist.“

Feiglinge und Nichtskönner

Robinson ist überzeugt, dass sein Haus die Qualitäten besitzt, den Skandal durchzustehen. In ihrer Geschichte habe die BBC eine Reihe schwerer Krisen überstanden. Zuletzt im Jahr 2003 mit dem Hutton-Report, der in den Anfängen des Irakkriegs die Umstände des Freitods des Waffenexperten Dr. David Kelly gerichtlich untersuchte. Ein BBC-Bericht hatte der Regierung von Tony Blair die gezielte Aufbauschung eines Dossiers über die Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein unterstellt. Auf der Suche nach der Quelle für die Behauptung wurde schließlich öffentlich der angesehene Wissenschaftler David Kelly genannt. Der Untersuchungsbericht sprach die Regierung frei von Schuld und machte die BBC für die Enttarnung verantwortlich.

Im Unterschied zu damals geht es bei dem jetzigen Skandal allerdings um Dinge, die die Leute in ihrem Alltag bewegen: Kindesmissbrauch, Prominente und die Frage, wem man trauen kann.

So gibt es Befürchtungen, dass die Regierung die Enthüllungen zum Anlass nehmen könnte, den Sender bei nächster Gelegenheit zu privatisieren oder zu zerschlagen. Gleichzeitig hat bei der BBC ein in Medienbetrieben nicht unüblicher Selbstzerfleischungsprozess eingesetzt. Der geachtete und gefürchtete Moderator Jeremy Paxman hat die „Feiglinge, Nichtskönner und Opportunisten“ im Sender für die Misere zuständig gemacht. Mitarbeiter fürchten, dass der Missbrauchsskandal der BBC einen ähnlich irreparablen Schaden zufügen könnte wie der katholischen Kirche. Wenn es nicht gelinge, die Vorfälle rasch aufzuklären, bestehe die Gefahr, dass der Name BBC auf lange Zeit mit Pädophilie verbunden bleibt.
Leute wie Nick Robinson werden einiges tun müssen, damit man man den Worten „This is London“ auch in Zukunft vertrauen kann.

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