Vorbei die Zeiten, als es im deutschen Fernsehfilm so wenige türkische Figuren gab, dass jede zweite von Renan Demirkan gespielt werden musste: Zwischen der ironischen ARD-Serie „Türkisch für Anfänger“ und der klassisch-kitschigen Degeto-Krimireihe „Sinan Toprak“ ist ein breites Panoramafenster entstanden, durch das die deutsche Mehrheitsgesellschaft interessiert auf die türkische Gemeinde nebenan blickt. Und dabei gelegentlich sich selbst wiedererkennt.
So ist auch der ARD-Film „Takiye“ gemeint. Der Film ist in seinem emotionalen Kern ein Familiendrama, das sich überall auf der Welt so zutragen könnte: Metin (Erhan Emre) ist gläubiger Moslem und steckt nicht nur das gesamte Familienvermögen, sondern auch das Geld von Freunden und Geschäftspartnern in einen islamischen Fonds, der hohe Renditen verspricht.
Dem deutschen Zuschauer wird en passant erklärt, was die deutsch-türkische Koproduktion auf türkischer Seite als bekannt voraussetzen kann, weil die Story auf einer wahren Begebenheit fußt: Der islamische Fonds funktioniert nach dem Schneeballsystem, die hohen Gewinnausschüttungen werden eine Weile von den neuen Fondseinlagen bezahlt – bis genügend Gutgläubige ihr Geld abgegeben haben. Um seine Ehre und vielleicht auch ein bisschen Geld zu retten, macht sich Metin auf, in der Türkei nach beidem zu fahnden.
Wie alle Thriller dieser Bauart krankt auch „Takiye“ ein wenig daran, dass aus dem braven Familienvater über Nacht ein versierter Gegenspieler gegen das organisierte Verbrechen werden muss. Um diese Rochade glaubwürdiger zu machen, baut Drehbuchautor Kadir Sözen einen Nebenstrang in die Geschichte ein, in dessen Zentrum der deutsche Verfassungsschutz in Gestalt der attraktiven Agentin (Suzan Anbeh) steht, die Metin an entscheidender Stelle professionell beispringen kann.
Von Regisseur Ben Vergong wesentlich dichter und anrührender inszeniert ist „Takiye“ immer dann, wenn Metin sich an der familiären Front behaupten muss. Vor allem im Zusammenspiel mit dem älteren Bruder (Stipe Erceg) entwickelt der Film seine großen, sehenswerten Momente. Metins Zwiespalt zwischen Verantwortung und Rachegelüsten, zwischen der Einsicht in die Fehlbarkeit und der Hoffnung, alles wieder ins Lot bringen zu können, ist das eigentliche menschliche Drama dieses vermeintlichen Thrillers. Im Laufe seines Abenteuers wird Metins Glauben schwer erschüttert. Aber der Film achtet genau darauf, Glauben und Gier, Moschee und Mammon getrennt zu halten. Letztlich passiert in „Takiye“ etwas, das vor zwei Jahren bundesweit mit den Papieren der Lehman Bank geschah: Blindes Vertrauen und wachsende Gier machten möglich, dass brave Bürger zu Zockern wurden. „Takiye“ ist also kein Thriller über den islamischen Terrorismus, sondern ein Drama, das auch in der deutschen Parallelgesellschaft hätte spielen können.
Takiye – Spur des Terrors, 20.15 Uhr, ARD
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