Bei welchem Magazin ein Musikjournalist arbeitet, kann man an seinem Mittagessen erkennen: Rolling Stone, Musikexpress und Metal Hammer aus dem Axel-Springer-Verlag sitzen seit Jahresbeginn nicht mehr im teuren Münchner Stadtteil Neuhausen, sondern in Berlin-Kreuzberg, drei Häuser entfernt vom legendären Imbiss "Curry 36". Die Spezialität dort: die legendäre Currywurst. Ohne Darm.
Bei Spex gibt es Nudeln. Das Musikmagazin, das 2007 ebenfalls nach Kreuzberg gezogen ist, hat im August eine Tonne Nudeln von einem Pastahersteller bekommen, dessen Logo seitdem im Impressum abgedruckt wird. Man wolle durch die Kooperation auf Probleme vieler Printmedien aufmerksam machen, sagte Chefredakteur Max Dax damals. Die Auflage ist unter ihm auf knapp 20.000 Exemplare gestiegen; doch was er meinte, sind Anzeigenschwund und wachsende Abhängigkeit von Werbepartnern.
Wie die Musik- steht auch die Musikzeitschriftenbranche vor einer großen Frage: Was tun mit dem und gegen das Internet, wo schon viele Meinungen zu neuen Platten sowie die Musik selbst zu finden sind, wenn die Printmusikjournalisten erst zu arbeiten beginnen? Die Spex hat nichts weniger als "das Ende der Schallplattenkritik, wie wir sie kannten", verkündet. Sie setzt auf einen "Neustart" der Musikkritik als sogenanntes Popbriefing: "Statt eines Autoren, Betonung auf Einzahl, der aus seiner schlussendlich subjektiven Perspektive ein Album verreißt oder lobt, diskutiert ab dieser Spex ein Pool von Autorinnen und Autoren über die Musik zur Zeit."
Das Magazin hat damit einigen Aufruhr verursacht, schließlich handelt es sich bei der Spex nach wie vor um ein Leitmedium der Branche, in dem es eher um das popkulturelle Ganze als um mundgerecht dargebotenen Service geht. Die Spex-Redaktion argumentiert, es entstehe so Offenheit. Tatsächlich lässt sich in kurzen Texten über Promoplatten wenig Überraschendes anstellen. Kritiker aber halten dagegen, das Popbriefing - das Wort schon! - schränke das Denken ein. Manche der Texte des ersten Spex-Popbriefings sind intensiv und abwechslungsreich, andere leiden darunter, dass keiner der Teilnehmer seine Gedanken zu Ende formulieren kann, weil der nächste schon das Gegenteil sagen muss.
Und Rolling Stone, Musikexpress und Metal Hammer? Der Axel-Springer-Verlag feierte soeben in einem Desinformationsschreiben die im vergangenen Jahr gestiegenen Auflagen. Seit Ende 1999 aber ist die Auflage des Musikexpress von 75.000 auf etwa 55.000 Exemplare gefallen, die des Rolling Stone von 85.000 auf knapp 54.000. Auch hier wird nun etwas Neues ausprobiert. Nach dem Umzug der Musikzeitschriften und ihrer Redaktionen, die zum Teil aus mitgezogenen, zum Teil aus neuen Mitgliedern bestehen, dringt an Inhaltlichem zunächst nur so viel nach außen: Sie "bleiben dem bewährten Konzept" der Plattenkritik "treu". An allem anderen werde "getüftelt".
Musikexpress und Rolling Stone teilen sich den neuen Chefredakteur Rainer Schmidt. Ulf Poschardt, der stellvertretende Chef der Welt am Sonntag, der 2005 allen Anhängern des Pop die FDP empfahl und mit einer Arbeit über DJ-Kultur promoviert hat, wird zusätzlich Herausgeber der Musikmagazine.
Auch das Subkulturmagazin Metal Hammer, dessen Auflage um die 50.000er-Marke pendelt, hat einen neuen Chef, den Heavy-Metal-Spezialisten Christof Leim. Schmidt leitet zudem - er und Poschardt kennen sich aus der Vanity Fair-Chefredaktion - das unter dem Dach des Rolling Stone und eigentlich im Dreimonatsturnus erscheinende Sounds, ein Magazin mit großer Vergangenheit. Die Zukunft von Sounds ist allerdings ungeklärt: Das Gerücht, es liege auf Eis, wird vom Verlag dementiert, wann die nächste Ausgabe erscheine, sei aber offen.
Es gehe um "ein ausführliches Schwerpunktthema, das losgelöst von kurzfristigen Trends betrachtet wird", hieß es, als das Magazin Sounds 2008 neu aufgelegt wurde. Klang nach einer Reaktion auf die medialen Entwicklungen: Kurzkritiken ab ins Netz, wo sie gegenüber der gedruckten Form ja tatsächlich nichts an Wert verlören. Und das ganz große Rad wird dann auf bedrucktem Papier gedreht.
Insgesamt bedeutete die Loslösung "von kurzfristigen Trends" aber vor allem, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen: mit den "250 besten Alben aller Zeiten" oder mit "60 Jahre Pop in Deutschland". Sounds, der Guido Knopp der Musikmagazine? Zukunftsträchtig wirkt das nicht.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.