Den Musikmagazinen bröckelt ihre wirtschaftliche Basis weg. Musikmagazine und Tonträgerindustrie verbindet schon immer ein Verhältnis der wechselseitigen Abhängigkeit. Die Magazine sind abhängig von den Anzeigen der Industrie. Die wiederum braucht die Berichterstattung, um ihre Künstler einer interessierten Öffentlichkeit nahe zu bringen. Die unter den Zeichen der illegalen Downloads umsatzschwächelnde Industrie gibt weniger Geld für Werbung aus. Zudem schlägt das EU-Reklameverbot für Tabak negativ zu Buche. Krisenbedingt ist auch eine Delle bei den Inseraten für Markenartikler zu verzeichnen.
Negativer Breakeven-Point
Der Rolling Stone, in den USA eines der einflussreichsten Sprachrohre der Popkultur, etablierte sich nach einem gescheiterten Erststart seit 1994 am deutschen Markt. Auflage: 80.000.
Musikexpress, der Konkurrent aus dem Springer-Konzern, erschien 1971. Springer verpasste dem Magazin Anfang dieses Jahres einen neuen Anstrich mit "klarerer" Bildsprache. Die Auflage liegt bei 79.000.
Spex, erstmals 1980 erschienen, war stilprägend für die Popkritik und Ende der 90er fast Pleite. Die Zeitschrift mit einer Auflage von rund 34 000 Exemplaren überlebte mit neuem Konzept.
Intro, mit rund 117.000 Exemplaren auf dem Markt, ist kostenlos zu haben. Die Netz-Ausgabe gewann den Online-Grimme Award 2008.
Vibe, zum 30. Juni eingestellt, zählt zu den prominenten Opfern der Anzeigenkrise in den USA. Für die Hip-Hop-Szene war das Heft ein wichtiges Informationsmedium. Der US-amerikanische Musikproduzent Quincy Jones hatte Vibe im Jahr 1993 gegründet, zuletzt hatte es eine Auflage von 800.000 Exemplaren.
Beim Intro-Magazin in Köln wurde 2008 "der negative Break-even-Point erreicht", wie Herausgeber Matthias Hörstmann sagt. Und das, obwohl sich die mit IVW-geprüften 117.000 Heften in Klubs und Musikgeschäften kostenlos ausgelegte, dem subversiven Geist des Indiepops verpflichtete Zeitschrift inzwischen mit dem Titel "Deutschlands meistgelesenes Musikmagazin" schmücken könnte. Den führte bisher das mit Jahresbeginn eingemottete WOM-Magazin, das ebenfalls kostenlos über die Filialen der zu Karstadt gehörigen WOM-Kette verbreitet wurde. Der Handelskonzern hat zahlreiche WOM-Standorte geschleift, sucht einen Käufer für die verbliebenen und würde den Magazintitel gern gleich mit durchreichen.
Die neue Nummer 1, Intro also, schreibt rote Zahlen. Um satte fünfzig Prozent ist das Anzeigenvolumen nach Matthias Hörstmanns Schätzung binnen drei Jahren gesunken.
Beunruhigt ist Hörstmann gleichwohl nicht: Intro beackert inzwischen acht Geschäftsfelder, tritt als Festivalveranstalter auf, gibt das Fußballmagazin 11 Freunde heraus und betreibt mit einer fünfzigprozentigen Beteiligung an dem interaktiven Fernsehformat Putpat.TV gemeinsam mit dem einstigen Viva-Chef Dieter Gorny die Rückkehr des Musikfernsehens.
Mit Merchandising, Liveaktivitäten und einer redaktionell gestalteten DVD-Serie arbeitet man auch beim Springer Media House in München, wo die Titel Musikexpress, Rolling Stone und Metalhammer erscheinen, an einer Verbreiterung der Umsatzbasis. Petra Kalb, Verlagsleiterin Lifestyle, vermeldete zuletzt ein Plus bei den Anzeigenerlösen, sogar beim Tonträgermarkt. Bei Rock Hard spürt man laut Redakteurin Jenny Rönnebeck zwar die Krise, will sich aber weiter aufs Kerngeschäft konzentrieren.
Die in den achtziger Jahren als vor allem für den Indiepop einflussreiches "Magazin für Popkultur" gegründete Spex verzeichnet einen als "massiv" charakterisierten Rückgang des Anzeigenvolumens in Sachen Tonträger - und einen Erfolg: Die gesamten Anzeigenerlöse pendeln sich laut Chefredakteur Max Dax bei Plusminus null ein.
Die nach einem Bedeutungsverlust von vielen schon totgesagte Spex hat sich nach der Übernahme durch den Münchner Piranha-Medienverlag Ende 2006 redaktionell grundlegend gewandelt. Musik ist nur noch einer von vielen Schwerpunkten. Mode, Kunst, Literatur und Kino sind im Sinne einer Zeitschrift für Gegenwartskultur hinzugekommen. Die nach redaktionellen Gesichtspunkten getroffene neue Positionsbestimmung zahlte sich in Gestalt einer breiteren Branchenbasis bei den Anzeigenkunden aus.
Jammern will keiner, Strategien haben alle entwickelt. Gleichwohl ist durchaus vorstellbar, dass der eine oder andere Titel im Laufe der nächsten Jahre von der Bildfläche verschwindet. Wer allerdings seine Relevanz in Gestalt einer - mitunter im Detail gewiss noch zu steigernden - journalistischen Qualität zu behaupten weiß, dürfte zumindest beim Leser gut aufgestellt sein.
Denn eine beurteilende Musikrezeption findet zwar auch im Internet statt. Die Zahl der Blogs aber ist schwer überschaubar und eine qualifizierte Meinung oft nicht zu erkennen. Die Funktion der Musikmagazine als Leitmedium erscheint unangefochten. Die Musikindustrie wird weiter auf sie angewiesen sein, besonders beim Aufbau junger Künstler, von denen sie morgen leben will. Der Sparkurs bei den Anzeigen samt Verlagerung ins Internet könnte zuletzt einem Schnitt ins eigene Fleisch gleichkommen.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.