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Medien

10. Juli 2012

Nachrichten: RTL News statt Tagesschau

 Von Peer Schader
Buntes schlägt Politik: Passantin im Unwetter. Foto: dpa

Junge Leute sehen lieber „RTL 2 News“ als „Tagesschau“. Die Welt verstehen sie so kaum, denn die nachrichtlich wichtigen Themen werden bis zur Unkenntlichkeit verkürzt und verstümmelt.

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Hurra, die Eurokrise ist rum! Oder etwa nicht? Zumindest war schon lange nichts mehr davon zu hören – in den „RTL 2 News“, die allabendlich um 20 Uhr direkt gegen die „Tagesschau“ antreten. Kürzlich meldete RTL 2 stolz, seine „News“ seien bei jungen Erwachsenen im Alter von 14 bis 29 Jahren erfolgreicher als die „Tagesschau“: In den ersten vier Monaten des Jahres habe der Marktanteil in dieser Altersgruppe durchschnittlich bei 9,5 Prozent gelegen, wohingegen die ARD-Nachrichten nur auf 8,2 Prozent gekommen seien. Das ist ein ziemlich abwegiger Direktvergleich. Weil es in beiden Sendungen darum geht, was auf der Welt passiert – allerdings mit sehr unterschiedlichen Schwerpunkten.

Dass sich der Verfassungsschutz in der vergangenen Woche zerbröselt hat und die Ermittlungen zur Mordserie des Neonazi-Trios eine Katastrophe gewesen sind, wird in den „RTL 2 News“ kurz erwähnt. Mindestens genauso wichtig ist dort, dass sich Katie Holmes nach der Trennung von Tom Cruise mit ihrer Tochter von Scientology verfolgt fühlen soll.

Nicht zu viel Merkel

Politik wird in den „RTL 2 News“ nicht völlig ausgeblendet, allerdings aufs Nötigste zusammengekürzt. Mehr als einmal Angela Merkel pro Sendung mag man dem Publikum nicht zumuten. Das ist kein Versehen, sondern Absicht. Jürgen Ohls, der die Sendung verantwortet, sagt: „Man kann der herrschenden Politikverdrossenheit medial auf zwei Arten begegnen: Entweder man macht weiter wie immer und lässt schwer verständliche Texte vortragen, oder man verjüngt die Nachrichtensendung und kombiniert Dinge, die junge Leute wissen müssen, mit Dingen, die junge Leute wissen wollen.“

Die Frage ist nur: in welchem Verhältnis? „Boxen unterwegs – mit welchen mobilen Lautsprechern die Musik vom Handy vollen Sound bekommt“, kündigt „News“-Moderatorin Sandra Thier gleich zu Beginn einer Ausgabe das Topthema an. Aktuelle Berichte von Videospielemessen sind immer ausführlicher als die aus Krisengebieten. „Die ‚RTL 2 News‘ gehen auf die Interessen jüngerer Zuschauer ein und reduzieren Komplexität – auch wenn es manchmal schmerzhaft ist“, findet Ohls – und macht dabei einen entscheidenden Denkfehler. Weil sich Komplexität eben nicht dadurch reduzieren lässt, dass man jungen Leuten, die sonst vielleicht gar keine Nachrichten gucken würden, ein paar Satzbrocken über den Fiskalpakt oder die Lage in Syrien hinwirft und dann auf jegliche Erklärung verzichtet. Ohls kann hinterher zwar sagen: Das Thema hatten wir in der Sendung! Aber verstanden haben die RTL-2-Zuschauer die Ereignisse dann trotzdem nicht.

Drei Tage nacheinander berichten die „RTL 2 News“ über den zehnjährigen Jungen, der auf Amrum verschwunden ist. Die Geiselnahme in Karlsruhe ist bei RTL 2 genauso wichtig wie in der „Tagesschau“. Aber bei der Berichterstattung über Nicolas Sarkozy lässt sich erahnen, wie weit die Schwerpunkte voneinander entfernt liegen. Während das Erste meldet, dass es beim früheren französischen Präsidenten Hausdurchsuchungen wegen illegaler Wahlkampfspenden gegeben hat, weiß RTL 2, dass Gattin Carla Bruni nicht nochmal schwanger ist.

Regelmäßige Zuschauer der „RTL 2 News“ wissen aus den vergangenen beiden Wochen, dass in Ecuador ein Hochhaus gebrannt hat, dass sich auf einer chinesischen Autobahn ein riesiges Loch aufgetan hat und dass in Budapest eine Wasserleitung geplatzt ist – aber nichts über den IWF-Jahresbericht zur US-Wirtschaft und fast gar nichts zur Arbeit des NSU-Ermittlungsausschusses.

Altbacken und öde

Zunehmend boulevardisierte „News“, die sich nach der Hälfte ihrer Sendezeit vom Tagesgeschehen verabschieden, um Elektroniktests und VIP-Neuigkeiten zu zeigen, sind eben kaum mit Nachrichten vergleichbar, die den Anspruch haben, ihrem Publikum einen Überblick der wichtigsten Ereignisse aus Politik und Wirtschaft zu verschaffen. Selbst wenn die „Tagesschau“ dabei oft ganz furchtbar altbacken und langweilig aussieht.

Außerdem kommen die guten Marktanteile bei RTL 2 bestimmt nicht daher, dass alle 14-Jährigen um Punkt acht von sich aus die „News“ einschalten, um sich auf den neusten Stand zu bringen. Unmittelbar davor läuft nämlich „Berlin Tag & Nacht“, das sich im Laufe der vergangenen Monate in der jungen Zielgruppe als absoluter Quotenhit entpuppt hat (Berliner Zeitung vom 2. Juni). Gerade einmal zehn Minuten räumt RTL 2 täglich dafür frei, seinem Publikum die Welt zu erklären. Dass dabei die aktuellen Kinocharts eine genauso große Rolle spielen wie Bilder vom „Laufsteg-Debüt“ der Moderatorin Sylvie van der Vaart auf der Berliner Fashionweek, ist für einen Privatsender weder ungewöhnlich noch anprangernswert. Aber feiern lassen braucht er sich dafür auch nicht.

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