Wer in modern geführten Unternehmen arbeitet, muss sich daran gewöhnen, bisweilen als Letzter zu erfahren, wie seine Zukunft aussieht. Diese Erkenntnis mussten am Montagabend auch die gut 220 Mitarbeiter der Nachrichtenagenturen ddp und AP lernen. Die Reporter konnten dem Online-Auftritt der Süddeutschen Zeitung entnehmen, dass der ddp den hiesigen Dienst der AP geschluckt hat, bis dahin ein Rivale.
Die ddp-Eigner Martin Vorderwühlbecke und Peter Löw zogen es also vor, die Neuigkeit mit anderen Journalisten zu teilen statt mit ihren eigenen.
Löw und Vorderwühlbecke sind Finanzinvestoren. Ihr Beteiligungsfonds Blu-O übernimmt Pillenhersteller, Modefirmen oder Automobilzulieferer. Außerdem sind beide in den Medien unterwegs. Seit fast einem Jahr gehört ihnen mit dem ddp, dem Deutschen Depeschendienst, eine 1971 gegründete Nachrichtenagentur, die um die Jahrtausendwende kurz vor der Pleite stand. Für Menschen wie Löw und Vorderwühlbecke, die Firmen aufpäppeln und auf Profit trimmen, gewiss ein spannendes Projekt.
Mit dem ddp machen sie, womit sie auch sonst ihr Geld verdienen: Sie investieren in das Unternehmen, das inzwischen knapp jede zweite tagesaktuell arbeitende Redaktion bei Zeitungen und Sendern beliefert - und rentabel ist. Der Kauf des deutschen AP-Dienstes, bis Anfang dieser Woche ein Tochterbetrieb der mächtigen US-Nachrichtenagentur Associated Press, ist in dieser Strategie bisher ihr größter Coup.
Was das genau heißt, ist noch nicht klar. Klar ist nur, dass der ddp die gut 110 Mitarbeiter des AP-Ablegers übernimmt. Bis zu 15 Stellen sollen wegfallen. Der Kaufpreis liegt im zweistelligen Millionenbereich. Damit hat der ddp auch für mindestens 15 Jahre das Recht erworben, die Meldungen der weltweit 3 000 AP-Korrespondenten zu übersetzen und an Redaktionen in Deutschland zu verkaufen. Unter welchem Namen - ob weiter unter AP oder unter ddp - ist noch offen.
Eindeutig ist hingegen, dass der ddp mit dieser kräftigen Stärkung für den Marktführer, die Deutsche Presse-Agentur (dpa), noch gefährlicher wird als je zuvor. Löw und Vorderwühlbecke lassen sich dazu mit hochtrabenden Sätzen zitieren: Sie wollen "die beste Voll-Agentur in Deutschland" werden. Und sie wollen "dpa verzichtbar machen".
Bei ihrem Kampf gegen die dpa kann der ddp jetzt damit punkten, auch das Weltgeschehen abzudecken. Zum Komplettdienstleister fehlt ihm nur noch der Sport, für den als Alternative zur dpa aber der Sportinformationsdienst sid parat steht, eine Tochter der Agence France-Presse (AFP). Und weil AP Deutschland seit Jahren auch eine umfangreiche Inlandsberichterstattung bietet, bei der AP im ständigen Wettlauf um die schnellste Eilmeldung oft an der Spitze liegt, legt der ddp auch in diesem Feld auf einen Schlag zu.
Wie gefährlich die Situation für die dpa ist, zeigen zwei Beispiele: Seit Januar verzichten gleich vier nordrhein-westfälische und drei in Thüringen erscheinende Blätter der Essener WAZ-Gruppe auf ihre Dienste. Sie setzen bereits auf einen Mix aus ddp, sid und anderen Alternativen. Außerdem hat der Tagesspiegel angekündigt, dpa loswerden zu wollen. Nicht, weil die Agentur zu teuer sei, sondern weil sie ihren Redaktionssitz im Verlag von Axel Springer nehmen will. Diese Kündigung mag zwar nur ein politisches Signal sein. Es zeigt aber auch: Verlage sind durchaus bereit und in der Lage, auf dpa zu verzichten.
PAP International hat unterdessen damit angefangen sicherzustellen, dass ihr englischsprachiger Dienst auch künftig über das Geschehen in der Bundesrepublik berichtet. Im Projekt "New AP" hat sie einige Mitarbeiter der AP GmbH abgeworben. Die übrigen Mitarbeiter sprachen gestern davon, es drohe "ein stolzes Kapitel deutscher Mediengeschichte" zu enden.
Beim Betriebsrat heißt es, die Gründe für den Verkauf seien ohnehin "zum großen Teil ein Rätsel". Immerhin habe die deutsche AP-Tochter bis zuletzt Jahr für Jahr mehrere Millionen Euro Gewinn an New York abgeführt. Aber auch hier hat die Erklärung mit modernen Unternehmen zu tun. Die beschränken sich nämlich gerne auf ihr Kerngeschäft. Und das liegt für die Associated Press eben in den USA.
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