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Medien

28. Januar 2009

Nachrichtenagenturen: Das Netz reißt

 Von DANIEL BOUHS
Aus der Blütezeit der Nachrichtenagenturen: der Ticker.  Foto: Getty

ddp verkauft, dpa abgehängt: Der Markt der Nachrichtenagenturen ändert sich gewaltig.

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Am Anfang stand die Solidarität: Keine Zeitung, kein Sender konnte es sich leisten, ständig überall Reporter herumspringen zu lassen. Deshalb installierten sie irgendwann Nachrichtenagenturen. In Amerika schlossen sich Mitte des 19. Jahrhunderts Zeitungen zur Associated Press (AP) zusammen. Fortan tauschten sie untereinander Geschichten aus, ein Korrespondentennetz wuchs.

In der Bundesrepublik nahm am 1. September 1949 die Deutsche Presse-Agentur (dpa) ihren Dienst auf. Dort tauschten zwar nicht Redaktionen nach US-Vorbild ihre Geschichten aus. Doch weil Zeitungen und Sender Eigentümer der dpa sind, stand die Agentur auch immer für ein Miteinander der hiesigen Medien.

Heute "tickern" neben einigen Fachagenturen und der dpa als historisch gewachsenem Marktführer noch deutsche Dienste von AP und dem britischen Dienst Reuters sowie der staatlich subventionierten Agence France Presse (AFP) Meldungen in die Redaktionen. Gut 10 500 waren das in einer von Wissenschaftlern untersuchten Woche im Jahr 2005 allein von diesen Agenturen - etwa die Hälfte mehr als vor dem Mauerfall. Mit der Wiedervereinigung kam der frühere DDR-Dienst (heute ddp) dazu - inzwischen die zweitgrößte Agentur des Landes. Jetzt haben zwei Privatinvestoren sie gekauft.

Während der Agenturmarkt hier bis zuletzt wuchs und dpa die Konkurrenz nur vereinzelt zu spüren bekam, steht die Welt der Meldungsschreiber nun vor gewaltigen Umwälzungen. Die WAZ-Gruppe ließ zum Jahreswechsel für ihre vier nordrhein-westfälischen Titel die Verträge mit dpa auslaufen. Mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung hängt die auflagenstärkste Regionalzeitung samt drei Schwesterblättern nun dpa ab. Nutznießer davon sind die kleineren Dienste. "Erster Journalist" der WAZ-Titel ist Ulrich Reitz. Er hatte schon zuvor bei der Rheinischen Post dafür gesorgt, dass dpa nicht mehr bezogen wird. Das ist so geblieben, was belegt, dass es auch ohne dpa geht.

Mit dem WAZ-Ausstieg ist jetzt ein großer Teil des bevölkerungsreichsten Bundeslandes dpa-freie Zone. Das mag für die einzelnen Titel wirtschaftlich sinnvoll sein. Letztlich geht es aber um die Frage, ob nicht wenigstens eine Agentur im Land breit aufgestellt sein sollte, um bei Katastrophen und relevanten politischen wie wirtschaftlichen Entwicklungen auch in den entlegeneren Winkeln der Republik präsent zu sein.

Christian Nienhaus, der Geschäftsführer der WAZ, nannte den Agentur-Marktführer jüngst "ein Umverteilungsinstrument von großen Zeitungen, die eigene Journalisten beschäftigen, die eigene Reportagen schreiben, die eigene journalistische Leistungen erbringen, zugunsten von kleineren Zeitungen".

Der Geschäftsführer von dpa, Malte von Trotha, sagte dazu der FR, er sehe "mit Unverständnis", wie "ein wesentlicher Baustein der Meinungs- und Medienvielfalt in Deutschland in Misskredit gebracht wird". Von dem habe schließlich auch die WAZ-Gruppe in den vergangenen 60 Jahren "nicht unwesentlich" profitiert.

Dazu passt ein Schreiben von dpa-Chefredakteur Wilm Herlyn an die verbleibenden Kunden seines Angebots. Daraus geht hervor, dass die WAZ es nicht schaffte, rechtzeitig alle auf ihren Internetseiten verwendeten dpa-Meldungen zu löschen.

Natürlich ist es ddp hoch anzurechnen, es vom einst insolventen Unternehmen wieder in die Gewinnzone geschafft zu haben. Die Agentur stockt derzeit sogar ihre Landesbüros auf. Doch noch immer stehen 150 ddp-Mitarbeitern 811 bei dpa gegenüber. Größe bedeutet eben auch Vernetzung, die Verlässlichkeit schafft. Und wer weiß schon, wann die neuen ddp-Investoren die Lust am Nachrichtengeschäft wieder verlieren?

Die dpa wiederum wird nicht von Finanz-Investoren, sondern von der Medienindustrie selbst getragen. Bisher kann dpa so ein einmaliges Netz an Reportern vorhalten. Aus provinznahen Städten wie Darmstadt, Koblenz und Würzburg liefern sie zwar auch manche entbehrliche Meldung. Sie stehen aber vor allem für den Fall der Fälle bereit. Ein Gut, dem nun Gefahr droht.

Die Problematik von Reitz' Ansatz enthüllte sich bei seinem Auftritt neulich im Medienmagazin "Zapp". Nachrichtenredakteure, sagte er da, würden heute ja viel im Internet surfen und könnten sich dort diverser Quellen bedienen. WAZ-Redakteure finden dpa-Meldungen also künftig nicht mehr in ihren Agentur-Programmen, aber dafür auf den Internetseiten der Konkurrenz…

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