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Medien

29. Februar 2016

Neue Zeitung „The New Day“: „The New Day“ erscheint erstmals

 Von Sebastian Borger
Nur am ersten Tag kostenlos: Die neue britische Zeitung "The New Day".  Foto: AFP

„Eine moderne, peppige Zeitung“ für Optimisten: „The New Day“ versucht sich auf dem umkämpften Londoner Zeitungsmarkt, während der „Independent“ demnächst aus den Kiosks verschwinden wird.

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Unabhängig. Furchtlos. Analytisch. Überparteilich. Solche Eigenschaften pflegen sich britische Blätter zuzuschreiben. Das neuste Produkt auf dem heißumkämpften Londoner Zeitungsmarkt hingegen versucht es mit einem Memento Mori: „Das Leben ist kurz“, heißt es unter dem in dicken Buchstaben gedruckten Titel „The New Day“ (Der neue Tag). Spaßvögel könnten hinzufügen: besonders für neue Zeitungen. Das wäre aber schon deshalb unangemessen, weil das Motto weitergeht: „Life’s short, let’s live it well“ – wenn das Leben schon so kurz ist, sollten wir es wenigstens „gut leben“, frei übersetzt: „etwas daraus machen“.

Warum eigentlich nicht? Das mögen sich jene Briten gesagt haben, die am Schalttag 2016 ein Exemplar des 40 Seiten starken, im Tabloid-Format erscheinenden Blattes aus dem Verlagshaus Trinity Mirror ergatterten, zur Feier des Tages auch noch kostenlos. Fesch sieht er aus, der neue Tag mit türkis gehaltenem Titelblock, in dem die Wörter „the New“ in schwarzer, „Day“ in weißer Schrift gedruckt sind. Die „exklusive“ Titelgeschichte handelt von jenen 40 000 jungen Briten, die als Pfleger ihrer kranken oder behinderten Eltern fungieren. Das lange Feature dreht sich um das Schicksal der Albinos in Tansania. Einer Semiprominenten wird das Recht zugesprochen, sich einen jüngeren Partner zu suchen – „human touch“ allerorten.

Premierminister David Cameron darf seine Argumente für die EU vortragen, eine Kunsterzieherin wünscht sich „mehr Informationen“ über die bevorstehende Volksabstimmung, alles sehr gepflegt und unumstritten – hat da jemand langweilig gesagt?

Aufsehen, aber auch Skepsis

„Eine moderne, peppige Zeitung“ will Chefredakteurin Alison Phillips machen, und zwar für Optimisten, die ein zur Hälfte gefülltes Glas halbvoll wähnen, nicht halbleer. Die meisten Verleger und Print-Journalisten gehören also nicht zur Zielgruppe, schließlich klagen diese gerne über den seit Jahren scheinbar unaufhaltsamen Sinkflug ihrer Branche. Dementsprechend hat die erste Neugründung einer landesweiten Zeitung seit 30 Jahren neben Aufsehen auch viel Skepsis erregt, zumal das damals gegründete Modell praktisch zeitgleich vom gedruckten Markt verschwindet.

Der „Independent“ machte sich 1986 die Entmachtung der bis dahin unanfechtbaren Druckergewerkschaften zunutze, druckte auf neuen Maschinen glänzende Reportagen und preisgekrönte Fotos in klarem Layout, bedrohte mit einer Auflage von 420 000 den linken „Guardian“ und die rechte „Times“ gleichermaßen. Dann bliesen die Etablierten zum Gegenschlag: Der „Guardian“ erschien in frischem Gewand, „Times“-Verleger Rupert Murdoch zettelte einen ruinösen Preiskrieg an. Rasch musste der „Independent“ seine Unabhängigkeit aufgeben, erlebte hektische Wechsel in der Chefredaktion, die Umstellung auf das Tabloid-Format, harte Personaleinsparungen. Den Niedergang konnte niemand aufhalten, auch nicht der frühere KGB-Mann und Milliardär Alexander Lebedew, der das Blatt samt Sonntagsausgabe vor sechs Jahren zum symbolischen Preis von einem Pfund kaufte. Die Druckauflage lag zuletzt noch bei 55 000.

Beim „Independent“ muss die Hälfte der Journalisten gehen

Bald schlägt für sämtliche Druckmaschinen und mehr als die Hälfte der 200 „Independent“-Journalisten das letzte Stündlein. Am Karsamstag verschwindet der gedruckte Independent im digitalen Orkus – letztes Beispiel einer traurigen Entwicklung. Seit 2005 hat das Land mehr als 200 Lokalblätter eingebüßt, die Gesamtauflage britischer Tageszeitungen sank binnen sieben Jahren um ein Drittel. Wie Lebedew hoffen die meisten auf digitale Erlöse.

Die Website des Krawall-Boulevardblattes „Daily Mail“ wie jene des seriösen „Guardian“ gehören zu den beliebtesten Englisch-sprachigen Nachrichtenseiten, schreiben aber tiefrote Zahlen. „Financial Times“ (erfolgreich) und „The Times“ (weniger) versuchen es mit digitalen Zugangssperren. Murdochs Flaggschiff „The Sun“ hat ihre Website erst kürzlich wieder freigeschaltet.

Der Verdacht liegt also nahe, dass im Zeitungsgeschäft so bald kein neuer Tag anbricht, jedenfalls kein sonderlich rosiger. Immerhin haben die Verlagsmanager bei Trinity Mirror (jüngster Gewinnrückgang vor Steuern: minus 18 Prozent) hart kalkuliert: Schon 100 000 verkaufte Exemplare würden dem „New Day“ den ersehnten Break Even, also die schwarze Null bringen. In Zukunft sollen die Käufer 50 Pence (64 Cents) auf den Ladentisch legen. Das ist kein hoher Preis.

Allerdings liegt das journalistisch anspruchslose Konkurrenzblatt „Metro“ in allen U-Bahnhöfen gratis aus, und auch die Londoner Abendzeitung „Evening Standard“ gibt es kostenlos. Mal sehen, ob sich die Briten ihren täglichen Schuss Optimismus etwas kosten lassen.

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