Medien

30. Oktober 2009

Neuer ZDF-Sender Neo: Ganz nah dran

 Von Ninette Krüger
Deutsch-Türke "Süper Tiger" lädt auf Neo zur Late Night ein. Foto: Murat Ünal/zdf

Zur besten Sendezeit sendet das ZDF TV-Schnulzen und Unterhaltungsshows. Um dennoch junge Zuschauer bietet der Sender jetzt den digitalen Kanal "Neo" an. Zum Ärger der Privaten. Von Ninette Krüger

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Zur besten Sendezeit sendet das Zweite Fernsehschnulzen und Unterhaltungsshows. Selbst ein knackiger Förster in Falkenau lockt keinen unter 60 mehr vor den Bildschirm. Die Folge: Jüngere Zuschauer drohen dem ZDF immer mehr abhanden zu kommen. Nun steuert der Sender gegen und verpasst sich selbst einen jugendlichen Stempel. "Neo" heißt die digitale Alternative zu den gescheiterten senderinternen Verjüngungsversuchen, die am 1. November als Sparten-Angriff auf das Privatfernsehen auf Sendung geht. Ein Angriff deshalb, weil der Sender die tendenziell desorientierten, daueradoleszenten Bürger einfangen will, die sonst nur noch bei den Privaten ihr Heil fanden. Factual Entertainment nennt sich das im Marketing-Sprech.

Das realitätsnahe Orientierungsfernsehen sei gemacht für eine Lebensphase, "in der man zwar Orientierung sucht, aber nicht unbedingt in einer herkömmlichen Ratgebersendung", sagt Redaktionsleiterin Simone Emmelius. So zeigt Neo den "Straßenchor", eine Doku-Soap mit Obdachlosen, Junkies und Prostituierten, denen das Singen neuen Lebensmut gibt.

Wissen und Werte-Vermittlung in Ehren, und man muss ja auch den öffentlich-rechtlichen Programmauftrag erfüllen, aber solche Formate erinnern doch stark an die aus den Untiefen des abgehängten Prekariats berichtenden Doku-Soaps der Privaten. Die betrachten - wie zuletzt auf den Münchner Medientagen kritisiert - ZDF-Neo als "Frontalangriff". Der Vorwurf, der Sender würde mit Gebührengeldern den Privaten den Markt abgraben und den alten Doku-Kanal "heimlich" in die Kopie eines privaten Vollprogramms umwandeln, scheint nicht ganz unberechtigt. Neo-Chef Norbert Himmler kann die Aufregung aber nicht nachvollziehen. Die Privaten hätten fiktionale Serien wie "30 Rock" oder BBC-Comedys erwerben können, "die waren ihnen aber offenbar nicht kommerziell genug. Wir nehmen hier niemandem etwas weg".

Dass zumindest die Jüngeren der einst von Ex-RTL-Chef Helmut Thoma erdachten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen (bei Neo sind es die 25- bis 49-Jährigen) - von Kritikern als Geldeintreibungschimäre der Werbeindustrie entlarvt - weniger kaufkräftig sind als die Generation 60plus, braucht den Sender werbepolitisch nicht zu kümmern: Alles ist frei von Werbung und Sponsoring, Filme laufen ohne Unterbrechung. So setzt der Sender gezielt auf die unter 50-Jährigen, die dem Hauptprogramm schon lange abhanden gekommen sind, und hofft, dass die den heiligen Feierabend mit "hochwertigem", "intelligentem" Fernsehen ausklingen lassen.

Dass sich Neo als echte Konkurrenz zu den privaten Senderfamilien etabliert, könnte zunächst an der Reichweite scheitern. Bislang können rund 40 Prozent der Zuschauer den Sender, der den ZDF Dokukanal ersetzen wird, empfangen. In der Online-Mediathek allerdings sollen die Sendungen, bis zur vollständigen Digitalisierung in rund zweieinhalb Jahren, abrufbar sein. Bis dahin kann sich ein Teil der mittelalten Zielgruppe, die laut ZDF fernsieht, wenn die Kinder im Bett sind - um 21 Uhr beginnt die Primetime - mit Dokus und Fiktion verlustieren. Diese orientierungslos-clevere Kaste, die angeblich gern auf Nachrichten, Unterhaltungsshows und Sport, aber keinesfalls auf Comedy und Musik verzichtet, freut sich über US-Serien sowie Naturdokumentationen. Und sie steht laut den Programmplanern vom Lerchenberg auf Trashiges, wie die Late Night "Süper Tiger Show" aus Berlin-Kreuzberg, mit einem im Türkendeutsch vor sich hin quasselnden Berliner Türken. Im Netz hat er schon eine beachtliche Fangemeinde. Motto: "Jeder kann schaun, auch ohne deutsche Pass."

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