kalaydo.de Anzeigen

Neues Deutschland: Sehnsucht in zwei Worten

Das ND, es existiert. Noch. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ist die Auflage des einstigen Zentralorgans der SED auf 40.600 Exemplare geschrumpft. Nun ist die Existenz des Blattes bedroht. Von Ulrike Simon

Beim SED-Parteitag 1963.
Beim SED-Parteitag 1963.
Foto: dpa

Die Türen beim Neuen Deutschland sind grellgrün lackiert. Trotzdem wirkt der langgestreckte Gang so farblos wie der PVC-Belag. Eines der Türschilder verheißt Geheimnisvolles: "Ort der Visionen" steht darauf. Die Tür öffnet sich, der Blick fällt auf einen massiven Tisch. Er ist aus demselben Holz wie die Schrankwand, durch die eine weitere Tür zu jenem Zimmer führt, das früher der Ruheraum von Günter Schabowski war. Was heute "Ort der Visionen" heißt, war bis 1985 sein Büro, das Büro des Chefredakteurs des Neuen Deutschland. Vier Jahre später sollte Schabowskis Nachricht zur neuen Regelung von Privatreisen ins Ausland dazu führen, dass die Mauer fiel. Damals verkaufte das Neue Deutschland 1,1 Millionen Exemplare.

Sieben Männer und eine Frau sitzen um den Tisch auf ausladenden Stühlen, die mit ihren Holzlehnen und dem dicken Polsterbezug aus farblosem Cordstoff den Charme jener Zeit versprühen, in denen das Neue Deutschland nach der Jungen Welt die zweitgrößte Zeitung der DDR war. Es ist halb elf. Die Redaktionskonferenz beginnt.

Das ND, es existiert. Noch. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ist die Auflage des einstigen Zentralorgans der SED auf 40600 Exemplare geschrumpft. Nur 2000 davon werden im Westen der Republik gelesen. Vergangenen Sonnabend rief die Redaktion in einer Anzeige im eigenen Blatt um Hilfe. Sie braucht neue Abonnenten, sonst ist die Existenz des ND bedroht. Im Durchschnitt ist der ND-Leser 65 Jahre. Alter, Krankheit und Tod raffen die Abonnenten dahin. 2008 rutschte der Verlag mit minus 400000 Euro in die roten Zahlen.

Die acht Redakteure, einer mit wallendem Vollbart, zwei sächselnd, einige mit Sandalen an den bloßen Füßen, alle sehr leger gekleidet, besprechen am "Ort der Visionen" die Themen der nächsten Ausgabe. Es geht darum, dass die Abwrackprämie im Osten weniger genutzt wurde als im Westen, und darum, dass aus dem Westen DDR-Kunst in den Osten zurückgeschickt wird. Man müsse sich das nur mal umgekehrt vorstellen, sagt der Mann mit dem Bart, Feuilletonchef Hans-Dieter Schütt, wenn also ein Baselitz oder Immendorff im Osten gewesen und an die BRD zurückgeschickt würde

Jürgen Reents ist ein blasser Sechzigjähriger mit altersmilden Falten um die Augen und gutmütigem Lächeln. Seit mehr als zehn Jahren ist der Westdeutsche Chefredakteur des Neuen Deutschland. Anfangs hatte er Visionen, heute staunt er immer wieder, wie trotz Mangelwirtschaft täglich eine Zeitung entsteht - voller Texte, aber fast ohne Anzeigen. Geschäftsführer Olaf Koppe dröselt die Einnahmequellen auf: Nur etwa acht Prozent der elf Millionen Euro Umsatz pro Jahr kommen aus dem Anzeigengeschäft, zwei Prozent beträgt der Anteil aus Nebengeschäften mit Büchern über Stalin oder Leserreisen nach Masuren; der ganze große Rest der Einnahmen stammt aus den Verkäufen von gerade einmal 1800 Exemplaren am Kiosk und 37000 Abonnements. Und die werden immer weniger.

Reents wirkt erstaunlich gelassen. Der Mann, einst der führende Kopf im Kommunistischen Bund Nord, später für die Grünen im Bundestag, dann Sprecher der PDS und auf Drängen von Gregor Gysi Mitglied der Partei, wirkt wie ein müde gewordener Revolutionär. Parteimitglied ist er immer noch, was sich nicht unbedingt mit dem Beruf des Journalisten verträgt. Andererseits macht das Neue Deutschland keinen Hehl aus seiner Nähe zur Linkspartei. Zwar ist die Rede von einer Mitarbeiterbeteiligung oder genossenschaftlichen Organisation wie bei der taz. Derzeit gehört das ND aber zur Hälfte über eine Treuhandgesellschaft der Linkspartei. Die andere Hälfte hält eine Beteiligungsgesellschaft, die der Linken nahe steht: Communio, unter anderem aktiv im kommunalen Wohnungsbau.

Reents redet viel von Unabhängigkeit, davon, dass die Partei keinen Einfluss nehme auf das Neue Deutschland. Als Parteizeitung will Reents sein Blatt nicht verstanden wissen. Wohl aber, das räumt er ein, sei die ND-Klientel weit überwiegend Anhänger der Linkspartei. Die wächst, wie die jüngsten und auch die prognostizierten Wahlergebnisse zeigen. Warum also wächst die Auflage des ND nicht?

Geschäftsführer Olaf Koppe nimmt Reents eine weitere Zigarette aus der Schachtel, zündet sie an und erklärt, dass es nun mal etwas anderes ist, ob jemand sein Kreuz bei der Wahl macht oder monatlich 25 Euro für ein Zeitungsabonnement zahlen soll. Da ist es auch kein Trost, dass eine Süddeutsche oder FAZ im Osten Deutschlands noch weniger Abonnenten haben als das ND. Auflage macht dort die Super Illu, Quote der MDR. Ihr Rezept: Ostalgie statt Politik.

Reents sagt, die Leser interessierten sich vor allem für die Dritte Welt und Osteuropa. Russland sei für viele Kunden immer noch die Sowjetunion, der große Bruder, und was Putin mache, sei erst einmal nicht schlecht. Man dürfe aber nicht die Meinungen der Leserbriefe mit den Meinungen der Leser verwechseln. Alte Leute haben eben Zeit. Manche schicken täglich ihren Leserbrief ans Neue Deutschland.

Jakob Augstein, der Sohn des Spiegel-Gründers, hat vor einem Jahr die ebenfalls in Berlin erscheinende Ost-West-Zeitung Freitag gekauft. Mit ihr will er das schaffen, was seiner Ansicht nach in der deutschen Medienlandschaft fehlt: eine linksliberale, publizistische Stimme. Zeit und Spiegel folgten dem politischen Mainstream, sagt Augstein, die permanent ums Überlebenden kämpfenden Titel Junge Welt und Jungle World würden im öffentlichen Diskurs nicht wahrgenommen - folglich sei neben der täglichen taz genug Platz für den wöchentlichen Freitag, der online wie gedruckt ein Forum zur Debatte sei. Über das Neue Deutschland sagt er, es sei ein geschichtskontaminiertes Blatt, belastet durch das Erbe der SED.

1 von 2
Nächste Seite »
Autor:  Ulrike Simon
Datum:  21 | 8 | 2009
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
World Press Photo
Das beste Pressefoto 2012: Eine jemenitische Frau hält einen verwundeten Verwandten in ihren Armen.

Beeindruckende Aufnahmen: FR-online.de präsentiert interaktiv die Pressefotos des Jahres.

TV-Kritik
Indianer-Squaw in Türkis: Für Joan Franka und die Niederlande hat es nicht gereicht.
ESC 2012 Halbfinale 
Höhepunkt des 1. ESC-Halbfinales: der Auftritt der Buranowski Babuschki.
Eurovision Song Contest in Baku 
Jogger an der Außenalster in Hamburg.
TV-Kritik "Der adidas Check" 
TV-Moderator Günther Jauch.
Thilo Sarrazin bei Günther Jauch 

Video

Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Meistgeklickt
Das DFB-Bundesgericht mit dem Vorsitzenden Goetz Eilers hat entschieden: Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt.
Kein Wiederholungsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin 
        

Petra Roth spricht über das Buch, das Matthias Arning (rechts) geschrieben hat.
Petra Roth 
Diese Schilddrüse ist eindeutig krank.
Skandal am Klinikum Hildesheim 
        

2006 mit der Seeger Session Band in der Festhalle. Springsteen präsentiert ein Album, das er mit 17 Straßenmusikern aufgenommen hat.
Bruce Springsteen