Medien

11. Januar 2013

New York Times: Lawine im Netz

Bei dem Unglück in Tunnel Creek starben 2012 drei Skifahrer.  Foto: reuters

Mit einer spektakulären Multimedia-Reportage demonstriert die New York Times den Journalismus der Zukunft.

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John Branch ist Sportredakteur bei der New York Times und Autor der Multimedia-Reportage „Snow Fall“ über ein Lawinenunglück im Westen der USA. Kurz vor Weihnachten sorgte das Stück international für Furore. Die Aufbereitung der aufwendigen Reportage mit Videos, animierten Infografiken, Fotos und Karten ist revolutionär. „Snow Fall“ wurde bereits von über vier Millionen Lesern angeklickt, viele davon besuchen die Seite der New York Times sonst nicht.

Mr. Branch, haben Sie erwartet, dass „Snow Fall“ ein derart großes Aufsehen erregt?

Ich kenne mich in der Multimedia-Welt nicht so gut aus und wusste nicht, ob die Leute dort es für genauso spektakulär halten wie wir. Deshalb hatte ich keine Ahnung, wie die Resonanz sein würde. Aber wir haben natürlich versucht, mit diesem Stück etwas ganz Besonderes zu machen.

Ihr Ressortleiter hat gleich, als Sie mit dem Thema ankamen, darin Potenzial für etwas Außergewöhnliches gesehen. Hatte er von Anfang an diese Präsentation im Kopf?

Nein überhaupt nicht. Ich glaube, er hat nur das Potenzial der Geschichte gesehen. Was dann daraus geworden ist, hat sich erst im Laufe der Zeit entwickelt. Er hat mich einfach losgeschickt und gesagt: Sammle Material und sag’ mir, was du denkst. Ich habe dann im Sommer vergangenen Jahres drei Wochen lang Interviews mit den Überlebenden geführt und bin damit wieder zu ihm gegangen. Ich habe ihm etwa 30.000 Wörter an Zitaten vorgelegt, die er fantastisch fand. Ich glaube, er hat sich erst zu diesem Zeitpunkt überlegt, dass das eine größere Geschichte für unser Magazin sein könnte und auch etwas, was sich unsere Multimedia-Leute anschauen sollten.

Am Anfang stand also nicht das große Medienkonzept, sondern gute alte Reporterarbeit.

Ganz genau. Ohne die Bereitschaft der Überlebenden, sich mir gegenüber so vertrauensvoll zu öffnen, hätte es keine Geschichte gegeben. Es ist eine starke Geschichte, die in eine tolle Präsentation verpackt wurde. Aber sie könnte auch alleine stehen.

Was bietet „Snow Fall“, was eine traditionelle Reportage nicht leistet?

Wir haben sehr viele Figuren in dieser Geschichte, alle Überlebenden haben mit mir ausführlich gesprochen. Ohne einige der Grafik- und Video-Elemente wäre es für den Leser schwer gewesen, den Überblick zu behalten. In einer klassischen Print- oder Onlinedarstellung hätte ich wahrscheinlich einige Figuren weglassen und die Geschichte stark vereinfachen müssen. Es ist toll, wenn man bei einer Figur, die seit vielen Seiten nicht mehr aufgetaucht ist, den Namen anklicken kann und ein Bild und ihre Geschichte angezeigt bekommt. Das Gleiche gilt für die Chronologie der Ereignisse. Der Leser sieht auf der Grafik immer genau, wo sich die Skigruppe zum jeweiligen Zeitpunkt am Unglückstag am Berg befunden hat.

Das Wichtigste bleibt aber die Geschichte.

Ja, es war von Anfang an unsere Philosophie, dass die visuellen Elemente dabei helfen sollen, die Geschichte zu erzählen, und nicht von der Geschichte ablenken sollen. Wir haben bei früheren Geschichten den Fehler gemacht, sie zu überfrachten. Man verliert sich dann und klickt von einem zum nächsten und vergisst, wo man ist.

Wie stark waren Sie als Reporter in die Konzeption einbezogen?

Meine Rolle bei der Produktion war die eines Beraters. Ich habe den Grafik-Leuten viel über die Schulter geschaut. Sie kamen mit Fragen zu mir, ob beispielsweise die Grafik des Bergs ausreichend den Eindruck vermittelt, wie steil und gefährlich das in Wirklichkeit ist, und ich habe dann meine Meinung dazu gesagt. Wie die das genau alles machen, verstehe ich nicht.

        

Texts, Fotos, Video, Grafik: die Reportage „Snow Fall“.
Texts, Fotos, Video, Grafik: die Reportage „Snow Fall“.

Was haben Sie denn als Reporter bei dieser Geschichte gelernt?

Zweierlei – Dankbarkeit für das Vertrauen und die Offenheit meiner Quellen, ohne die wir keine Geschichte gehabt hätten. Und dann, dass es immer noch möglich ist, Leute mit gutem, gründlichen Journalismus zu begeistern, vor allem auch andere Medienleute, die schon alles gesehen haben und schwer hinter dem Ofen hervorzulocken sind. Es hat mir wieder Hoffnung für unseren Beruf gegeben.

Glauben Sie, dass uns „Snow Fall“ die Zukunft des Journalismus zeigt?

Es ist ein wenig verfrüht, das zu sagen. Ich bin mir aber sicher, dass journalistische Produkte immer mehr eine Symbiose zwischen Text und visuellen Elementen sein werden. Ob jede Geschichte so aussehen wird wie unsere, hängt davon ab, wie sehr man den Prozess technisch vereinfachen kann. Es war sehr aufwendig, das zu produzieren. Unter Zeitdruck, im Tagesgeschäft, geht das noch nicht.

Wie sah das konkret aus?

Es waren 16 Leute beteiligt, die über einen Zeitraum von sechs Monaten daran gearbeitet haben. Die Kosten gehen also sicher in den sechsstelligen Bereich. Es war eine riesige Investition, und ich kann nur dankbar sein, für eine Organisation zu arbeiten, die bereit ist, in ein solches Projekt zu investieren.

Hatten Sie irgendwelche Schwierigkeiten dabei, das Projekt bei den Verlagschefs der New York Times genehmigt zu bekommen?

Nein, überhaupt nicht. Mein Ressortleiter hat ganz alleine entschieden, das Projekt in diesem Umfang zu verfolgen, er musste mit niemandem Rücksprache halten. Das ist eine der schönen Sachen bei der Times, dass die Leute große Entscheidungs- und Handlungsfreiheit haben.

Würden Sie gerne häufiger solche Geschichten machen?

Natürlich war es toll, so lange an einer Geschichte zu sitzen, anstatt immer nur schnelle, tagesaktuelle Sachen zu machen. Es ist schön bei einer Firma zu arbeiten, die uns so etwas noch ermöglicht.

Das Interview führte Sebastian Moll.

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