Die Idee für Washingtons jüngstes Museum hat es in sich. Wenn Pressefreiheit ein Grundstein der Demokratie ist, lautet die These, dann sind die Medien die Wächter der Freiheit. Ausgedacht hat sich das Al Neuharth, Gründer der Tageszeitung "USA Today". Knapper, griffiger, bunter als die grauen Damen "Washington Post" und "New York Times" ist die junge "USA Today" heute mit 2,3 Millionen verkauften Exemplaren die auflagenstärkste Zeitung des Landes. Dass sie im Vergleich mit Amerikas großen Qualitätsblättern auch die bessere Zeitung sei, hat nie jemand behauptet. In der Branche nennen sie "USA Today" schmallippig "McPaper". Genau hier beginnt das Problem mit der Neuharth-Idee, die US-Medien im soeben eröffneten Newseum als edle Stützpfeiler von Freiheit und Demokratie zu inszenieren.
Journalismus zum Anfassen
Dabei ist der 450 Millionen Dollar teure Ausstellungskomplex, den die von Neuharth gegründete Stiftung Freedom Forum finanziert hat und der am Wochenende als "größtes Medien-Museum der Welt" eröffnet wurde, gewiss die 20 Dollar Eintritt Wert.
Überall da etwa, wo der helle Glaspalast Medienarbeit spielerisch erklärt, bietet er wirklich so etwas wie Journalismus zum Anfassen. Über dem Foyer schweben ein Nachrichtensatellit und ein TV-Hubschrauber. Es gibt Fernsehstudios, in denen der Besucher sich als Korrespondent oder "Anchorman" versuchen darf, echtes Live-Radio, digitale Zeitung zum Selbermachen, über 130 interaktive Monitore. Wer will, kann die Hintergründe des Tierausbruchs im Zoo recherchieren (Clown Kinky war's) oder im Ethik-Center knifflige Entscheidungen treffen: "Ihre Zeitung hat das Alter des Schulrektors falsch gemeldet. Berichtigen Sie den Fehler?" (Ja)
Besonders eindrucksvoll ist die Sammlung historischer Titelblätter. Über 30 000 Frontseiten aus der fast 500-jährigen Geschichte der Printmedien hat das Newseum zusammengetragen, viele werden gezeigt. "Frieden! Die Hunnen geben auf", meldet die "Evening News" am 7. November das Ende des Ersten Weltkriegs. "Hitler greift Polen an". "Mann auf dem Mond". Zu sehen sind weltweite Zeitungstitel vom 12. September 2001, dem Tag nach den Terroranschlägen auf New York und Washington - darunter die "Basler Zeitung" (sorry, keine FR, keine BZ). In 15 Kinosälen gibt es historische Ton- und Filmaufnahmen.
Eine Milchglaswand mit den Namen von 1843 Journalisten, die bei der Ausübung ihres Berufes ums Leben kamen, verweist auf die Risiken, die Reporter zuweilen eingehen. Zu sehen sind der zuverlässig gepanzerte, außen von Kugeln durchlöcherte Chevrolet, mit dem "Time"-Mitarbeiter im Balkankrieg durch Sarajevo fuhren - oder Laptop und Reisepass des in Pakistan entführten und ermordeten "Wall Street Journal"-Korrespondenten Daniel Pearl.
Während all das angemessen wirkt, verirrt sich das Newseum anderswo in eitlen Mythen und übersteigertem Heldenpathos. Eine Berlin-Galerie stellt - mit acht gewaltigen Betonsegmenten der Berliner Mauer unterfüttert - die Westmedien als wichtige Türöffner im November 1989 dar. So sehen sie sich halt gern, die Hearsts und Murdochs, die das Newseum mit großzügigen Spenden unterstützt haben. "Die Freiheit der Presse ist das einzige, was uns ein freies Land bleiben lässt", postulierte zur Eröffnung New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg, in seiner Doppelrolle als Politiker und Medienunternehmer eher ein fragwürdiges Beispiel derselben.
Man muss die Bedeutung der Pressefreiheit nicht kleinreden, um im Newseum über die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu stolpern. Frei heißt eben nicht zwingend auch unabhängig, hintergründig, kritisch. Wie die Sinnkrise der Medien in Zeiten des Internet wird auch deren Versagen vor dem Irakkrieg allenfalls gestreift.
An der Pennsylvania Avenue 555 befindet sich das Newseum prominent auf Washingtons berühmter Machtachse, zwischen Kapitol und Weißem Haus. Wir gucken euch auf die Finger, soll das heißen. Nur sucht die "vierte Gewalt" hier eine Spur zu selbstzufrieden die Nähe zur Macht.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.