Aus Sicht der Fernsehabteilung der BBC handelt es sich um einen Coup: Mitten in der Nordkorea-Krise hat sich der britische Journalist John Sweeney in das Land eingeschleust und heimlich eine Reportage in dem abgeschotteten Staat gefilmt. Über „North Korea Undercover“, so der Titel der Dokumentation, ist eine heftige Kontroverse entbrannt – weil das Reporterteam sich in eine Studentengruppe einer Londoner Universität einbetten ließ. Acht Tage lang ist Sweeney mit seinem Team und den Studenten der London School of Economics (LSE) durch den scharfkontrollierten, kommunistischen Staat gereist, von Pjöngjang in die entmilitarisierte Zone an der Grenze mit Südkorea. Die Reportage aus dem „Land unbeschreiblicher Kargheit“, wie es im Film heißt, sollte am Montagabend gesendet werden.
Die Vorwürfe gegen das Filmteam lauten, dass Sweeney die Studenten quasi als Tarnung anheuerte. Denn ausländische Wissenschaftler und Akademiker erhalten Einreisevisa vom Regime in Pjöngjang, ausländische Journalisten nicht. Die Studierenden seien von der BBC als „menschliche Schutzschilde“ missbraucht worden, argumentiert die Studienvertretung der LSE. Die Universität hatte den öffentlich-rechtlichen Sender bis Montagabend mehrfach aufgefordert, die Reportage abzusetzen. Außerdem wurde eine förmliche Entschuldigung verlangt.
Der Streit entzündete an der Frage, inwieweit die zehn Mitglieder der LSE-Reisegruppe, zwischen 18 und 28 Jahren alt, über die Anwesenheit eines Kamerateams in ihren Reihen unterrichtet waren; ob sie die Gefahren abschätzen konnte und ob sie hinreichend informiert waren, als sie ihre Zustimmung zu der Undercover-Aktion gaben. Laut Fernsehreporter Sweeney wussten die Studenten vor der Abreise, dass ein Journalist mitreisen würde. Auch klärte er sie nach eigener Aussage übermögliche Repressalien auf, sofern seine Tarnung aufflöge. Dass Sweeney allerdings nicht allein war, sondern ihn zwei weitere BBC-Fernsehreporter begleiteten, wurde den Studenten offenbar erst beim Zwischenstopp in Peking offenbart.
Die BBC verteidigt ihre Recherchemethoden. Es bestehe ein enormes öffentliches Interesse an den Vorgängen hinter dem eisernen Vorhang des Regimes, erklärte Fernseh-Nachrichtenchef Ceri Thomas am Montag: „Die einzige Partei, die wir hinters Licht geführt haben, ist Nordkorea.“ Im öffentlichen-rechtlichen Sender sei das Vorgehen an oberster Stelle abgesegnet worden: „Wir glauben, dass die Risiken, so wie wir sie den Studenten erklärten, gerechtfertigt waren; hätten wir Hinweise auf Gefahr für ihr Leben gehabt, hätten wir das Ganze abgesagt“, sagte Thomas. „Nach unserer Gefahrenanalyse wäre das Äußerste eine Zwangsausreise gewesen. Aber wir haben den Studenten auch erklärt, dass zu den weiter reichende Gefahren Festnahme, Haft und Ausreiseverbot gehören könnten.“ Allerdings gab der BBC-Manager zu, dass es versäumt wurde, eine schriftliche Zustimmung der Studenten einzuholen.
Zwar war die Reise staatlich genehmigt, aber keine Professoren oder Lehrbeauftragten der London School of Economics fuhren mit. Organisiert wurde die Reise nämlich nicht von der Universität, sondern von der Frau des BBC-Reporters Sweeney, die eine Absolventin der LSE ist. Ein Studenten-Verein der Universität, der Grimshaw International Relations Verein verschickte die Einladungen über seinen Verteiler, wie ein LSE-Sprecher bestätigte. Der Verein hatte im Vorjahr selbst eine Nordkorea-Reise organisiert. Was die Universität zusätzlich erzürnt, ist die Tatsache, dass sich Sweeney Nordkorea als LSE-Akademiker ausgegeben hatte und offenbar als Professor ansprechen ließ.
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