Wenn Wladimir Petrowitsch Rasumnyj seine Lieblingssendung einschaltet, dann begegnen sich zwei Welten. Auf dem Bildschirm erscheint ein sowjetisches Wohnzimmer mit einem uralten Flimmerkasten, abgeschabten Holzmöbeln und einem Moderator in einer Art besserem Jogginganzug.
Rasumnyj dagegen sitzt auf einem schicken Ecksofa, schaut zu einem Fernseher von luxuriösen Ausmaßen und checkt mit der rechten Hand Mails auf einem Notebook. Der 69-jährige Bauunternehmer hat alle Annehmlichkeiten des Kapitalismus in seiner Wohnung im Südosten von Moskau versammelt, aber er liebt die Reise in die sowjetische Vergangenheit.
In Erinnerungen schwelgen
"Geboren in der UdSSR" heißt die Talkshow, die Wladimir an vier Abenden pro Woche ansieht. In dem Sowjet-Wohnzimmer-Studio hocken dann mehr oder weniger prominente Russen und schwelgen gemeinsam mit dem Moderator in Erinnerungen an ihre Jugend. An diesem Abend ist es Kristina Orbakaite, die stark geschminkte Tochter der russischen Popmatrone Alla Pugatschowa. "Natürlich waren wir alle Pioniere und Komsomolzen", erklärt die 38-jährige Sängerin mit einem breiten pinkfarbenen Lächeln. Schön sei das gewesen. Eine Zuschauerin ruft an und bekundet beglückt, wie sehr sie Orbakaite, die zuletzt mit einem schmutzigen Sorgerechtsstreit Schlagzeilen machte, verehre.
Diese Sendung ist das Flaggschiff des russischen Kabelsenders Nostalgia, der sich seit fünf Jahren komplett der Sehnsucht nach der Vergangenheit verschrieben hat. Im Logo des Kanals steht anstelle des Buchstaben O eine Sichel, in der ein Hammer hängt. Das Programm stammt fast ausschließlich aus den Archiven des sowjetischen Staatsfernsehens, manchmal schicken Zuschauer alte Videos ein, einige Talkshows werden für die rund acht Millionen Abonnenten aktuell produziert. Diese Eigenproduktionen tragen vielsagende Namen wie "Geboren in der UdSSR", "Zurück in die UdSSR" und "Lasst uns singen, Freunde". Nostalgia erklärt sich in seinem Slogan zum Sender "für diejenigen, die etwas zu erinnern haben". Nach Angaben des Chefredakteurs und Gründers Wladimir Ananitsch sind es vor allem Zuschauer, die in den 60er- und 70er Jahren jung waren. Für sie wählt der Sender Filme, Sendungen und Musikprogramme aus. "Wir zeigen all das, woran sich die Leute gerne erinnern, nicht das, was sie damals schon unsäglich langweilig fanden", sagt Ananitsch. Politik kommt deshalb wenig vor. "Wenn wir Breschnew zeigen, dann als Helden von Anekdoten. Er ist für viele eine Kindheitserinnerung."
Gegen den Vorwurf, ein Programm für Ewiggestrige zu machen, wehrt sich der Fernsehmann entschieden. Ausgewogen und neutral sei die Auswahl der Sendungen. Der Kanal habe deshalb auch ganz unterschiedliche Zuschauer, sagt Ananitsch. Solche, die meinen, dass früher alles besser war und solche, die den Sender einschalten, um sich darin zu bestätigen, wie furchtbar alles war. Die positivste Meinung über die Sowjetunion hätten oft die Russen, die schon vor Jahrzehnten nach Amerika ausgewandert seien. Etwa 40 000 Haushalte haben dort den Sender abonniert.
So ein Quatsch
Über die Anrufe und die Schwärmereien dieser Auslandsrussen kann sich Wladimir Rasumnyj furchtbar aufregen. "Was soll es denn damals Gutes gegeben haben?", fragt der Unternehmer mit Halbglatze und Bauchansatz. "Die Hälfte des Landes saß im Lager!". "Uns ging es wunderbar, erzählen sie, wir wohnten mit 40 Leuten in einer Gemeinschaftswohnung. Wir waren alle gut befreundet, wie schön das war! So ein Quatsch, ein Albtraum war es!", schnaubt Rasumnyj. "Ich habe auch in so einem Ding gewohnt."
Der alte Moskauer gehört zur zweiten Kategorie der Zuschauer, die Nostalgia einschalten, obwohl sie früher vieles unerträglich fanden. An die Politik, die Ideologie, die Unfreiheit will sich Rasumnyj nicht erinnern, wohl aber an die schönen Seiten seiner Jugend, an Theater und Musik und die Kultur dieser Zeit. "Es gibt die Nostalgie der Jugend, die hat nichts mit der Nostalgie für ein Land, ein System, eine Politik zu tun", sagt der Unternehmer.
Er hat sich in seinen Erinnerungen förmlich eingerichtet. An allen Wänden des Wohnzimmers hängen Ölgemälde mit historischen Stadtansichten, die Straße, in der er gewohnt hat, Jugendbilder seiner Eltern. "Die Jugend ist doch die schönste, unbeschwerteste Zeit", sagt Rasumnyj seufzend. Weil er seine nun einmal in der Sowjetunion verbraucht hat, wird er sie weiter anschauen, die Sendung "Geboren in der UdSSR".
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.