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Ohne Schlips bei der FDP

Broder trifft Diekmann und zieht mit ihm eine Nacht lang um die Häuser

Früher, sagt Henryk M. Broder und rechnet nebenher nach, wie lange das her ist, so um die 40 Jahre ist es her, früher also habe er Springer enteignen wollen, was er ja mit vielen vernunftbegabten Menschen gemeinsam hat. Jetzt ist er auf dem Weg zu Kai Diekmann, Bild-Chefredakteur. Er trifft ihn nicht ganz freiwillig, sondern möglicherweise, weil Hasko Baumann für Arte einen Film darüber drehen will, wie Diekmann und Broder sich treffen und eine Nacht lang in Berlin um die Häuser ziehen.

Broder gibt sich witzig, Diekmann wichtig. Beide reden launig und recht präsent aufeinander ein und aneinander vorbei, wobei Broder Entertainer-Qualitäten und eine gewisse Gewandtheit im Einnehmen verschiedener Haltungen und beim Aufsetzen verschiedener Mützen zeigt und Diekmann eine seelische Ödnis mit Handy und Chauffeur.

"Was ich gern sehen würde", sagt Broder im Springer-Haus, "wo werden hier die Sklaven ausgepeitscht?" Diekmann lacht erst nach einer Schrecksekunde und macht sich mehrfach große Sorgen, dass er nicht ohne Krawatte zu einem Empfang der FDP gehen kann, wo sich alles einfindet, was blau-gelb und prominent ist.

Zunehmend lässt sich der krawattenlose Diekmann von Broders betont aufmüpfig aufgetragener Lässigkeit anstecken. Ein bisschen jedenfalls, und trinkt noch ein Bier. Über die eigene Bürgerlichkeit reden sie dann, und Diekmann sagt: "Ich war nie links." Und Broder sagt: "Ich bin es immer noch." Und Diekmann sagt schlagfertig: "Was ist denn links?" Nicht alle Dialogstellen in diesem Film sind so schwach.

Wenn Broder ins Reflektieren und Schwadronieren kommt, hört Diekmann staunend zu, und Claudia Roth findet er in Ordnung. "Zahlen!" ruft Broder da einem fiktiven Ober zu. Und irgendwann, nach einem Künstlerbesuch und einem Besuch an jenem hochinteressanten Ort, wo Bild gedruckt wird, und in einer Atmosphäre zunehmender Mitteilsamkeit des Bier trinkenden Geistesbiedermanns Diekmann ist dieser Abend auch vorbei. Es war gar nicht so schlimm. Henryk M. Broder sollte sich öfter mit uninteressanten Leuten treffen.

Durch die Nacht mit ... Henryk M. Broder und Kai Diekmann, Arte, 0.10 Uhr.

Autor:  HANS-JÜRGEN LINKE
Datum:  22 | 1 | 2009
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