Medien

07. August 2012

Olympia: Sieg für die Heimat

In London geben die Athleten alles – für einen Platz auf dem Treppchen und die Zuschauer daheim.  Foto: reuters/fabrizio bensch

Schrill oder nüchtern: Wie in anderen Ländern über die Olympischen Spiele berichtet wird. Eine Übersicht von China bis Thailand.

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China

Vier Jahre nach den Spielen von Peking ist Olympia in London für die Chinesen erneut ein patriotisches Jubelfest – und die staatlichen Medien tun alles, um die Erfolge der chinesischen Sportler als nationale Errungenschaft zu inszenieren. Chinesische Goldmedaillengewinner sind stets darauf bedacht, ihren Sieg schnell ihrer Heimat zu widmen, und wer es im Rausch der Gefühle vergisst, wird von den Reportern des Hauptsenders CCTV, dem zentrales Jubelmedium, prompt daran erinnert. Umgekehrt verlangen Misserfolge nach Entschuldigungen. Als Gewichtheber Wu Jingbiao etwa nur Silber gewann, bat er seine Landsleute weinend und mit tiefen Verbeugungen um Verzeihung: „Es tut mir leid für mein Vaterland.“

Allgegenwärtig sind auch Vergleiche zwischen den Londoner und den Pekinger Spielen, wobei die Chinesen sich gerne das herauspicken, was bei ihnen vermeintlich besser war. Mit großer Genugtuung wird etwa kolportiert, dass die Wettkampfrichter in London alleine per U-Bahn ihren Weg zu den Stadien finden müssen. In Peking stand dafür eine Flotte an Shuttlebussen zur Verfügung. Bei der Eröffnungsfeier sehen sich die Chinesen ebenfalls vorne: Hundert Millionen Dollar wurden in Peking für das Rahmenprogramm ausgegeben, mehr als doppelt so viel wie in London. (bar.)

Russland

Russlands einstiger Status als Supermacht gründete sich nicht nur auf Atomraketen, sondern auch auf Goldmedaillen. Spitzensport ist staatliche Selbstrepräsentation, er wird vom Kreml mit großen Investitionen gefördert, und vom Siegertreppchen können Sportler gleich in die Staatsduma klettern.

Kein Wunder, dass der Erste Kanal ausgiebig Russlands erfolgreiche Judoka zeigte. Man sah die „Triumphatoren der Olympiade“ nach Moskau zurückkehren, wo sie sogleich eine Lesginka tanzten, den flotten Tanz der kaukasischen Bergler. Die meisten kommen nämlich aus Dagestan. Außerdem sah man Präsident Wladimir Putin, wie er als Zuschauer in London die Arme hochriss, Archivbilder zeigten ihn selbst auf der Matte, zusammen mit Russlands Nationaltrainer.

Außer im Judo gibt es aber nicht viel zu feiern, finden giftige Kommentatoren der Printmedien. Mit vier Goldmedaillen (davon drei im Judo) liegt Russland derzeit auf Rang neun. Das sind zwei, drei Ränge zu tief, fand Sportminister Vitali Mutko und drohte mit Konsequenzen. Mehr wollte er freilich nicht sagen, „denn jetzt befinden wir uns ja sozusagen im Krieg, und da ist es das Wichtigste, die Heimat zu verteidigen.“ (che.)

Frankreich

Die Olympischen Spiele bestehen vor allem aus Schwimmen, Judo und Kanu. Am Ende steigt ein Franzose aufs Treppchen und bekommt eine Medaille. Andere Nationen machen auch mit, sind aber nicht wichtig. So müsste die Bilanz eines Beobachters lauten, der allein anhand französischer Medien die Spiele in London verfolgt.

Wer in anderen Disziplinen unter anderem Banner triumphiert oder trauert, interessiert wenig. Was zählt, sind die Auftritte französischer Athleten. Was nicht heißt, dass die Medien nationale, gar nationalistische Töne anschlügen.

Die Boulevardzeitung Le Parisien reicht erst nach einem halben Dutzend Seiten über die Erfolge französischer Sportler den Medaillenspiegel nach. Der Vergleich mit den anderen Nationen, das Gefühl, besser zu sein, ist nicht wichtig. Das Gefühl, gut zu sein, genügt. (vei.)

Italien

Dem Reporter des italienischen Fernsehens bricht fast die Stimme. Es ist Gold, Gold, Gold, in dieser Königsdisziplin der Italiener, dem Florettfechten. Drei Mal Gold, insgesamt sieben Medaillen hat Italien in den Fechtwettbewerben errungen. Bei den Siegerehrungen schmettern die Italiener ebenso selbstverständlich wie inbrünstig die Nationalhymne, sie sind stolz auf ihr Land und ihre Sportler, Pathos und große Gefühle inklusive.

Das erwartet man auch von den Kommentatoren, die die Kunst der freien Rede in der Regel virtuos beherrschen wie kaum ein deutscher Kollege. Dass Italien derzeit im Medaillenspiegel vor dem Land von La Merkel liegt, vermerkt auch der Zeitungshändler jeden Morgen mit feiner Genugtuung. Zwar hat Deutschland mehr Medaillen erkämpft als Italien, am Ende aber zählt eben doch nur eines: das Gold. (kd.)

Mexiko

In Mexiko hätte ein TV- oder Radioreporter keine Chance, wenn er nicht die eigenen Olympioniken anfeuern würde. Sportreporter sind in erster Linie Mexikaner und Fans und erst dann Beobachter. Je nationaler die Töne, desto besser.

Wenn mexikanische Athleten Medaillenchancen haben wie Aída Román im Bogenschießen, dann wird eine dramatische Musik unter die Übertragung des entscheidenden Wettkampfes gelegt, und die Reporter sagen Sätze wie: „Mach’ es Aida, hol’ Gold für Mexiko, wir wollen, dass sich das Podium in unseren Farben einfärbt.“ Dabei sind sich die Kommentatoren auch nicht zu schade, häufiger mal die Dezibelzahl der Stimme soweit zu heben, dass man es schon als Schreien interpretieren könnte.

Mexiko hatte bis zum Montag lediglich drei Silber- und eine Bronzemedaille gewonnen. Der neutrale nicht-mexikanische Beobachter ist geneigt zu sagen: Zum Glück. (keh.)

USA

Wie in den besten Zeiten des Kalten Krieges hat man als Zuschauer den Eindruck, dass in London nicht nur Athleten, sondern Systeme gegeneinander antreten. Nur dass heute nicht mehr die Sowjetunion, sondern China die verfeindete Supermacht ist. So zeigte der Olympiasender NBC ein Vorrunden-Match im Frauenwasserball zwischen China und den USA in voller Länge. Der Sieg der amerikanischen Basketballdamen gegen die chinesischen wurde freudig als „Lehrstunde“ bezeichnet.

Mindestens ebenso wie der Prestigekampf der Nationen erhitzt unterdessen hierzulande das Übertragungsmonopol des US Fernsehnetzwerks NBC die Gemüter der Olympiafans. NBC hat für 4,68 Milliarden Dollar die olympischen Senderechte bis 2020 erworben und wacht entsprechend streng über die Verbreitung olympischer Bilder. Weil die Hauptereignisse erst im Abendprogramm gezeigt werden, können Amerikaner deshalb große Entscheidungen oft erst Stunden nach dem Rest der Welt sehen.

Als NBC in der ersten Woche in einem Werbespot für ein Interview mit Olympiasiegerin Missy Franklin warb, bevor die Zuschauer ihren Olympiasieg gesehen hatten, hagelte es deshalb hämische Kommentare. „NBC zeigt Amerika den Mittelfinger“, schrieb etwa der Kommentator des Sportnachrichtenportals ESPN. (sem.)

Thailand

Als Pimsiri Sirikaew spät in der Nacht Ortszeit ihr doppeltes Körpergewicht in die Höhe stemmte und bei den Olympischen Spielen eine Silbermedaille für das südostasiatische Königreich holte, musste so mancher Sportfan erst aus dem Bett geholt werden, um das seltene Ereignis noch mitzubekommen. Ein Zeitunterschied von sechs Stunden nach London und mangelnde Konkurrenzfähigkeit in vielen Sportarten halten das nationale Interesse an den Olympischen Spielen auf kleiner Flamme. Doch wer nachts die Augen offen halten kann, kommt in Thailand und benachbarten Ländern zu einem mittlerweile selten gewordenen Genuss. Auf vier Fernsehkanälen wird nicht ins nationalistische Horn geblasen, sondern den Zuschauern ein Querschnitt aller Sportarten geboten. Es gibt koreanische Bogenschützen, afrikanische Langstreckenläufer, asiatische Badmintonspieler oder den deutschen Diskuswerfer Robert Harting. Selbst die nationale Aufregung um Pimsiri Sirikaew beschränkt sich bislang auf die Streitkräfte. Deren Oberkommandierender General Prayuth Chanocha verkündete nach dem überraschenden Silbermedaillengewinn, dass die Gewichtheberin in der Armee herzlich willkommen sei. (ger.)

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