Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Medien

28. Juli 2014

Online-Kommentare: Im Land der „gleichgeschalteten Medien“

 Von 
Erstaunliche Transferleistung: Von der südländischen Pflanze zur rassistischen Tirade.  Foto: imago

Aus der Kampfzone: Wie in jeder anderen Online-Redaktion auch müssen die Mitarbeiter von fr-online tagtäglich Dutzende Kommentare aus dem Netz löschen. Neben der üblichen politischen Hetze aus allen Richtungen steht gerade Medienbashing hoch im Kurs.

Drucken per Mail

Seit Leser die Möglichkeit dazu haben, mischen sie die Online-Auftritte der Nachrichtenmedien auf. Doch die User, um die es hier geht, sind die stereotypen Krawallmacher der jüngeren Vergangenheit. Sie bilden politisch das gesamte Spektrum ab und lieben neben dem Streit die stete Benennung von Feindbildern und die Provokation der FR-Redaktion. Mit dem Generalvorwurf der „verlogenen und gleichgeschalteten Presse“ poltern sie im Schutz der Anonymität durch die Foren, als fände der eigentliche Klassenkampf beziehungsweise der Kampf um die Meinungshoheit genau dort statt.

Zensur wie in der DDR

„Holladiewaldschwuchtel ihr linksversifftes Geschwätz können Sie sich rektal …. einführen“, meinte einer dem politischen Gegner zuflüstern zu müssen und beschwerte sich tatsächlich, als er der Löschung der Online-Redaktion zum Opfer fiel: „Vielen Dank für das Rausnehmen von Kommentaren, ihr linksversifften Wixer von der Rundsau“. Natürlich war dem User völlig klar, dass sein Kommentar es keine zehn Sekunden auf der Seite überlebt, doch galt der eh einzig dem Zweck, die FR einer Zensur zu bezichtigen, wie es nicht mal „die Stasi in der DDR“ fertig gebracht habe.

Das Lied der Zensur wird häufig gesungen, denn nur dann kann sich der Zensierte als Verfolgter fühlen, dessen Meinung eine Zeitung wie die FR nicht verkraftet: „Sie sollten einen Artikel über … veröffentlichen. Das gewollte Zusammenpferchen von gefährlichen Geisteskranken (Türke, Pole, der lange Hans) mit gesunden Wohnungslosen. Weitere Infos? Mit der Hoffnung auf nützliche, deutsche Nachrichten.“ Zu verkraften ist das schon, aber es ist schlicht nicht gewollt, weshalb aus dem Forum das übliche „Dreckige Zensoren! Ihr könnt mich mal am Arsch lecken mit eurem popeligen Käseblatt. Fickt euch in den Arsch, ihr links-grünen Homo-Faschisten“ schallt. Der User fühlt sich bestätigt, wenn auch dieser Post gelöscht wird.

Das Missverständnis über die Meinungsfreiheit

Der Schrei über Zensur ist vollkommen deplatziert, denn Zensur kann nur dort greifen, wo es um das Grundrecht der Meinungsfreiheit geht. Und an diesem Punkt verwechseln viele User die Kommentarspalten im Internet mit dem Tresen ihrer Stammkneipe. Hier sei beispielhaft ein Telefonat mit einem erbosten Leser erwähnt, der sich über das Löschen diverser Postings beschwert hatte:

„Das ist ein Fall für den Presserat, ich kenne mich juristisch aus. Das ist Meinungsfreiheit, die Sie da untergraben.“ – „Nein“, muss da die Redakteurin erklären, „die inhaltliche Hoheit eines Online-Auftritts liegt einzig bei der Redaktion. Die bestimmt über die Netiquette den Diskussionsrahmen. Auf der Straße können Sie sagen, was Sie wollen.“

Doch da will der User nichts sagen, und das möchte er auch nicht hören. Viel lieber meldet er zehn verschiedene Nicknamen an, um sich gegebenenfalls auch mit sich selbst zu streiten. Oder die allgemeine Aufmerksamkeit als xyz59 auf sich zu ziehen, die ihm mit einem solchen Post, sinnfrei unter einem Artikel aus dem Gesundheits-Ressort platziert: „Fickt den Deutschen Bundesaußenminister schmerzbehaftet ins Knie. Anyway: Danke an meine fr-online hier. Meine fr-online performed. Danke an meine fr-online!“ Aber selbstverständlich kann die Online-Redaktion nicht, was sie auch gar nicht will: „Zensoren können niemals die Gedanken löschen, die sich que(e)rköpfig und frei in den Zerebras der Unterprivilegierten tummeln. Sie drängen mit der Macht an das Licht ohne den Anspruch auf Gehör…“

Journalisten sind schlecht und korrupt

Journalisten-Bashing – „scheißdreckige korrupte Journalisten-Wixer, das musste einfach raus“ – in den Kommentarspalten ist derzeit besonders beliebt. Seit auf Montagsdemonstrationen bundesweit die Presse der kollektiven Lüge bezichtigt wird, scheinen noch weniger User es für angebracht zu halten, ihre sicherlich oft berechtigte Kritik zu begründen: „Sagt mal, ihr Journalisten: Schämt ihr euch eigentlich so für gar nichts? Ihr seid die Handlanger einer kriegstreibenden und abzockenden Politikbande! Euer Schmierblatt sollte keiner mehr kaufen! Ihr belügt und manipuliert eure Leser! Und für den ganzen Krampf lasst ihr euch auch noch gut bezahlen...abartig!!!“, stand unter einem Kommentar, der sich mit genau jenen Montagsdemonstrationen auseinandersetzte. „Sehr geehrte Katja Thorwarth, leider nur bullshit, den Sie da verbreiten. Suchen Sie sich einen anderen und seriösen Beruf“, ist ebenfalls keine reflektierte Textkritik, gibt aber immerhin einen Rat mit auf den Weg, den man befolgen würde, müsste man den ganzen Tag Kommentare wie diese lesen.

Israel, Putin und die Medien

Die politische Lage im Nahen Osten und in der Ukraine hat unter der Leserschaft besonders viele Experten hervorgebracht, die die deutschen Medien zur differenzierten Berichterstattung für nicht befähigt halten. Im Gegenteil handele es sich bei westlichen Journalisten um Marionetten, die im Auftrag der Amerikaner und des Großkapitals das Volk mit flächendeckender Propaganda gefügig machen und klein halten. „Die deutsch-amerikanischen Medien gehören den Zionisten und berichten sehr einseitig und falsch“, denn „das ist bei den westlichen Medien so üblich, Propaganda“. Die vielfältige Presselandschaft unserer östlichen Nachbarn außer Acht lassend, hat die Redaktion nichts anderes im Sinn, als „scharfe Kritik“ von der Seite zu nehmen, auch wenn sie dies nur deshalb tut, weil sie sie schlicht nicht einordnen kann. Das ist auch nicht immer einfach, wenn es in einem Kommentar gegen den „üblen n a z i s t i s c h e n H e r r e n m e n - s c h e n – A n t i s e m i t i s m u s aus der Position eingebildeten rassischen bzw. wirklichen gesellschaftlichen & ,militärischen‘ Übermacht gegenüber den ohnmächtigen Juden“ geht, aber auch um „a n t i - k o l o n i a l i s t i s c h e n Hass der letztlich ohnmächtigen paläst. Opfer“. Ein anderer User weiß es besser: „Ihr deutschen Politiker und Medien, ihr habt Angst, die Wahrheit rauszubringen!!! Ihr gehört der israelischen Regierung, ihr seid schlimmer als die Nazis.“

Völlige Bezugslosigkeit

Amen? Noch immer nicht. Es fehlen noch diejenigen Kommentare, die vollkommen losgelöst vom Inhalt dem eigenen Sendungsdrang dienen. Unter so manchem Artikel steht gerne bezugslos Ähnliches, wie „Die Einheits-Meinungs-Presse lügt – Anti-Putin-Hetze“ – ob es sich um den Flughafenausbau oder die Ukraine handelt. Es geht aber auch noch ganz anders. Ein User schaffte die Kurve vom Text „Ein Ort wie im Märchen“ (FR-Baumserie) zu „Asylbetrügern aus dem Kaukasus“: „Wirklich ein schöner Ort. Aber südländische Pflanzen in Frankfurt sind wirklich nicht das Problem, auch wenn manche Art wie der giftige Beerenklau genauso unangenehm ist wie manch ein Asylbetrüger aus dem Kaukasus. Steineiche und Co aus dem berühmten Südland verhalten sich angenehm unauffällig in Deutschland. Ganz im Gegenteil dazu verhalten sich hier gerade Scheinasylanten und Wirtschaftsflüchtlinge aus Vorderasien und Nordafrika. Nicht zu vergessen die unbeliebten Rotationseuropäer aus Rumänien und anderen Balkanländern.“ Der Einwurf fiel dem Einheits-Zensor zum Opfer, der hier mehr den rassistischen Inhalt denn die beeindruckende Transferleistung im Blick hatte.

Anarchie

Es ist nicht das Problem, dass einige User die Funktion der Kommentarspalte für ihre Zwecke umdeuten. Betreuter Anarchismus hat noch keiner Seite geschadet. Zum Ärgernis wird es, wenn differenzierte Berichterstattung gezielt ignoriert und der inhaltsleere – und zumindest in Deutschland – vollkommen unberechtigte Vorwurf der Mediengleichschaltung Diskurse erschlägt, die den Raum dringender bräuchten.

Anm. der Redaktion: Die Orthografie der Kommentare ist zum besseren Verständnis in Ansätzen korrigiert, die Grammatik ist unverändert geblieben.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Medien
Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Filmtipps
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Anzeige

Videonachrichten Leute
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.