Medien

20. September 2012

Piraten-Partei: Angst vorm Kontrollverlust

 Von Thomas Schuler
„Das geht so nicht. Sorry.“: Julia Schramm, Autorin und Piratin.  Foto: dpa/Marcus Brandt

Mit den Piraten bekämpft Julia Schramm das vorherrschende Urheberrecht, wehrt sich aber gegen Raubkopien ihres Buches.

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Julia Schramm lebt im Internet. Dort ist ihr Zuhause, dort ist die 26-Jährige „ziemlich glücklich“, wie sie gleich in den ersten Zeilen ihres Buches „Klick mich“ bekennt. Mit dem Buch wollte sie, schrieb sie in ihrem Blog, Erfahrungen in der analogen (sprich: der alten) Welt der gedruckten Bücher sammeln. Die „Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin“, so der Untertitel, sind am Montag im Knaus Verlag erschienen, und Schramm konnte inzwischen vielleicht mehr Erfahrungen sammeln als ihr lieb ist.

Der Verlag wirbt: „Julia Schramm erzählt ihre Geschichte. Was sie macht. Wie sie lebt. Wie sie denkt.“ Es ist nicht wirklich ein Roman, die Autorin erzählt fragmentarisch aus ihrer Internetwelt. Erste Kritiken haben das Buch verrissen. Es sei „nur der 200 Seiten lange Blogeintrag einer Mittzwanzigerin“, schrieb die Süddeutsche Zeitung, es seien „schwurbelige, auch eitle Selbstbetrachtungen“. Schramm verliere sich „im Faselmorast“, urteilte Spiegel Online. „Das Buch ist ein Desaster“, das im eigenen Kultur-Ressort zur Besprechung wegen Schülerzeitungsniveau abgelehnt werde.

Schramm steckt in einem Konflikt

Interessant dagegen ist der Konflikt, in dem Julia Schramm steckt. Ihr Buch erscheint im Verlag Random House, der zu Bertelsmann gehört. Gleichzeitig kämpft die Autorin mit ihrer Partei, den Piraten, gegen das Urheberrecht, das sie reformieren will – Schramm bezeichnete den Begriff des geistigen Eigentums als „ekelhaft“.

Hinzu kommt, dass die Piratenpartei kritisch gegenüber Bertelsmann eingestellt ist und Parteikollegen in Nordrhein-Westfalen der Bertelsmann Stiftung den Status der Gemeinnützigkeit entziehen wollen. Sie werfen ihr Lobbyismus vor und fassten zum Entzug der Gemeinnützigkeit im April einen Parteibeschluss, der – falls umgesetzt – das Medienunternehmen unter großen Druck setzen würde. Immerhin ist die in NRW zugelassene Stiftung Eigentümerin des Unternehmens; wäre sie illegitim, würde die steuerbegünstigte Lobbying-Konstruktion des Unternehmens zusammenbrechen. Bertelsmann hat allen Grund, Anhänger im Kreis der Piraten zu suchen. Deshalb fragten sich Piraten-Anhänger, ob sich Julia Schramm für einen sechsstelligen Vorschuss von Bertelsmann habe kaufen lassen. Immerhin sitzt Schramm im Bundesvorstand der Piratenpartei, ihr Mann Fabio Reinhardt ist Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus.

Schramm musste sich in ihrem Blog verteidigen, als die FAZ schrieb, dass Random House ihr angeblich mehr als 100 000 Euro Vorschuss zahle. Andere Verlag hätten mehr geboten, schrieb Schramm. Sie habe sich nicht wegen des Geldes, sondern wegen des Lektorats bewusst für Knaus und Random House entschieden. Die FAZ schrieb, Schramm habe zunächst den Eindruck erweckt, als wolle sie ihr Honorar der Partei spenden, aber davon sei später keine Rede mehr gewesen. Die Höhe des Vorschusses dementiert Schramm nicht.

Buch stand vollständig im Netz

Noch am Erscheinungstag am Montag stellte jemand das vollständige Buch ins Internet. Jeder konnte sich die 200 Seiten bei Dropbox herunterladen. Der Link kursierte im Internet und über Twitter. Die Berliner Zeitung wollte vom Verlag Knaus wissen, wie er damit umgehe. Wenige Stunden später war der Zugang blockiert. Julia Schramm habe die Raubkopie sperren lassen, hieß es auf der Website Dropbox. Der Knaus Verlag legte Beschwerde wegen Urheberrechtsverletzung ein. „Unsere Rechtsabteilung hat Dropbox darauf hingewiesen, dass das illegal ist“, sagte Verleger Wolfgang Ferchl.

Knaus bietet „Klick mich“ gedruckt und als E-Book an. Ein Interesse an einer kostenlosen Version kann der Verlag deshalb nicht haben. Eine Knaus-Sprecherin sagt: „Man muss heutzutage immer mit Piraterie rechnen. Dadurch entsteht Schaden, dessen Höhe man nicht beziffern kann, denn nicht jeder illegale Download ersetzt einen regulären Kauf. Soweit wir von illegalen Downloads Kenntnis erhalten, versuchen wir, dies zu unterbinden.“

In ihrem Blog schreibt Julia Schramm zum Thema Urheberrecht: „Ja, ich möchte, dass für meine Bücher bezahlt wird, dass Menschen sie gerne kaufen. Aber wenn sie es nicht tun, dann möchte ich keinen Überwachungsapparat, der sie wie Schwerstkriminelle behandelt, weil sie meine Sachen kopieren. Das geht so nicht. Sorry.“

Dass ihr Verlag gegen die Raubkopie einschritt und die Verbreitung schnell unterbunden hat, beurteilt sie positiv: „Ich bin froh, dass mein Verlag und ich uns dazu entschieden haben, nicht gleich eine hohe Strafzahlung zu fordern, sondern zunächst eine nicht kostenpflichtige „Gelbe Karte“ zu vergeben. Das ist ein konstruktiver Vorschlag, wie es in der festgefahrenen Urheberrechtsdebatte weitergehen kann. So könnte auch eine politische Forderung aussehen.“ Aber was geschieht, wenn weitere Kopien kostenlos auftauchen? Im Netz kursieren hämische Aufrufe dazu.

Auf dem Rücken des Buches heißt es: „Das Internet bedeutet den t o t a l e n Kontrollverlust. Ich finde das gut.“ Offenbar hatten Julia Schramm und ihr Verlag am Ende doch Angst, die Kontrolle über ihr Buch zu verlieren.

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