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Politthriller "Die Grenze": Rechts gegen links

Sat.1 gelingt ein spannender Politthriller zu einem hochbrisanten Thema. Der Stoff ist allerdings simpel erfunden. Von Klaudia Wick

Was wäre, wenn Sat.1 mit "Die Grenze" einen geheimen Plan verfolgte? Wenn ausgerechnet die Sendergruppe, die sich so schwer damit tut, Geld für Nachrichtensendungen bereit zu stellen, acht Millionen Euro ausgäbe, um das Publikum für eine wichtige politische Nachricht bereit zu machen? Wenn also das wahre Fernsehereignis nicht der spekulative Event-Zweiteiler über den Wiederaufbau einer Stacheldraht-Grenze quer durch Deutschland wäre, sondern die anschließende echte Dokumentation "Die Grenze - Gefahr für unser Land": Eine Stunde seriös recherchierte Fakten über das Erstarken der Ultra-Rechten.

Noch bevor heute und morgen "Die Grenze" bei Sat.1 ausgestrahlt wird, zeigten sich schon wieder viele Kritiker enttäuscht, dass der "Politthriller" politisch nicht so brisant ist wie erhofft. Tatsächlich ist der Anlass für die Spaltung der Gesellschaft simpel erfunden: Nach einer konzertierten Aktion des internationalen Terrorismus brennen überall auf der Welt die Raffinerien, der Ölpreis steigt, am Ende eines Dominoeffektes stehen die Fischer von Rostock ohne Benzin und damit ohne Arbeit da. Diese Notlage nutzt ein dubioser Milliardär aus: Maximilian Schnell (Thomas Kretschmann) bietet den Abgehängten am Hafenkai Nachbarschaftlichkeit, Armenhilfe, Gemeinschaftsgefühl. Und erfährt damit entsprechend viel Zulauf.

Auf der anderen Seite der Gesellschaft spürt die politische Klasse die Bedrohung: Weil der rechtspopulistische Demagoge sein Privatvermögen einsetzt, um die anstehenden Landtagswahlen für sich zu entscheiden, stimmt Kanzlerin Carla Reuter (Katja Riemann) einer verdeckten Operation zu: Under Cover soll ein alter Freund Schnells in die Schaltzentrale der Rechts-Organisation eingeschleust werden. Rolf Haas (Benno Fürmann) ist ein Werbeprofi und ein guter Mensch.

Im weiteren Verlauf der Handlung wird er offiziell die Politkampagne der Ultrarechten optimieren und insgeheim die Welt vor einem Verrückten retten. Bis das gelungen ist, haben sich die Fischer von Rostock ihrer sozialistischen Wurzeln erinnert. Sie holen ihre alten NVA-Uniformen aus dem Schrank und schotten sich gegen die Rechten mit Stacheldraht und Personalkontrolle ab. Ihr Anführer Franz Geri (Jürgen Heinrich) erhält für diese Autonomiebewegung Wahlkampfunterstützung direkt aus dem Kanzleramt.

Under-Cover-Story

Wer weiß, dass die Idee zu diesem Film vier Jahre alt ist und aufgrund der sich verändernden echten Rahmenbedingungen - Lehman-Pleite, Wirtschaftskrise, Hartz-IV-Debatte - mehrfach umgeschrieben wurde, meint diese verschiedenen Fassungen noch ausmachen zu können. Mehr als die alte Ost-West-Problematik und die neue Arm-Reich-Segregation dominiert nun die alte neue Links-Rechts-Polarisierung als politische Botschaft des Films.

Regisseur Roland Suso Richter erzählt "Die Grenze" vor allem als Under-Cover-Story, in der das Publikum von der Frage in Atem gehalten wird, wann und wie der Held auffliegt - und was sich dann seine coole Agentenführerin (Anja Kling) wohl als nächstes ausdenken wird.Das trägt ebenso zum Schauwert bei wie die weißen Anzüge von Thomas Kretsch-mann, wenn auch die penetrante Visualisierung der kalten Gedanken seiner Figur als Welt der "Weißen Riesen" etwas zu konsequent ausgefallen sein mag. Und das ist ja wirklich wichtig: Dass die Leute überhaupt hinschauen! Nicht nur, weil Sat.1 ein werbefinanziertes Programm ist, das nur "gesellschaftsrelevantes" Fernsehen macht, wenn das auch "erfolgreiches" Fernsehen ist. Sondern auch, weil das Auseinanderdriften der TV-Publika in eine kleine, alternde, GEZ-zahlende Infoelite einerseits und eine jüngere unterhaltungsorientierte, entpolitisierte Quotenmacht andererseits auch seine Gefahren in sich birgt.

Politikvermittlung ist in einer aufmerksamkeitsflüchtigen Medienwelt vor allem eine Frage der Affektsteuerung geworden. "Die Grenze" bietet deshalb bald emotionale Entlastung an und entwirft den gefährlichen Demagogen Maximilian Schnell als durchgeknallten Sadisten, der aus Lust am (Macht)-Spiel die Grundfesten der Demokratie aus den Angeln heben will.

In der anschließenden Dokumentation werden die persönlichen Motive für das Handeln von Rechtspopulisten wie Udo Pastör nicht thematisiert. Aber die Drahtzieher werden auch nicht als Verrückte verharmlost. Man möchte dem Film von Falko Korth und Thomas Riedel viele Zuschauer wünschen, die sich - nach langer Zeit oder vielleicht sogar zum ersten Mal - Gedanken darüber machen, was ihnen Medienvielfalt, Wahlrecht und Meinungsfreiheit wert sind. Von der eigenen Fernbedienung mal abgesehen.

Die Grenze, 20.15 Uhr, Sat.1 (15.03.2010); Teil 2: Dienstag, 20.15 Uhr

Autor:  Klaudia Wick
Datum:  14 | 3 | 2010
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