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Potenzial iPad: Geeignet für den Kaffeetisch

Verlage in den USA und Deutschland loten das Potenzial des iPad als Lesegerät aus. Vor allem Magazine und Zeitungen setzen auf die neue Geräteklasse. Doch gilt es noch einige grundsätzliche Fragen zu beantworten. Von Marin Majica

Schöne neue Zeitungswelt auf dem iPad?
Schöne neue Zeitungswelt auf dem iPad?
Foto: ddp

Das Kramen nach Kleingeld am Zeitungskiosk fällt aus, und zum Briefkasten muss sich bald auch niemand mehr einige Treppen runter- und wieder hochquälen, um die Frühstückszeitung zu lesen. Zu den vielen Dingen, die Apples neuer Tablet Computer iPad beherrscht, zählt auch das Darstellen von Presseerzeugnissen in ansprechender Form. Und diese elektronischen Nachrichten, Reportagen und Hintergründe kommen per Internet ins Haus.

Das iPad, seit dem 28. Mai im deutschen Handel, hat hier ein interessantes Potenzial. Wie dieses am besten genutzt werden kann, loten Verlage in den USA und auch in Deutschland derzeit aus. Andere beobachten noch zurückhaltend die ersten Versuche der Konkurrenz. Denn bei der Umsetzung für die neue Geräteklasse, in der zahlreiche Hersteller im Laufe des Jahres Konkurrenten für das iPad vorlegen wollen, gilt es noch einige grundsätzliche Fragen zu beantworten: Wie ähnlich etwa soll die App dem jeweiligen Online-Angebot sein oder soll sie eher an das Print-Produkt erinnern? Vor allem: Welches Bezahlsystem ist erfolgsversprechend?

So hat etwa das Nachrichtenmagazin Der Spiegel direkt zum iPad-Verkaufsstart eine Anwendung ("App") entwickelt, die das Heft auf dem Tablett serviert. Beim Start stehen jeweils der aktuelle Spiegel oder ältere Ausgaben zum Preis von 3,99 Euro bereit zum Download. Wer das Heft erwirbt, kann es später komplett auch ohne Anbindung ans Netz lesen, was etwa für Reisen im Flugzeug oder durch Zugtunnel von Vorteil ist. Die Aufmachung der Spiegel-App ist ansprechend, übersichtlich und ähnelt der des Blattes, allerdings sind auch kleinere Filme oder Bilderstrecken integriert. Gelesen werden kann das Magazin je nach Vorliebe im Hoch- oder Querformat. Ob das aber bereits den im Vergleich zur Printausgabe 19 Cent höheren Preis rechtfertigt, ist fraglich.

Ebenfalls sehr stark am gedruckten Heft orientieren sich das Wirtschaftsmagazin Brand Eins (6,99 Euro pro Heft) und das amerikanische Time Magazine (3,99 Euro pro Heft). Beide sind eine Augenweide. Vor allem die elektronische Ausgabe von Brand Eins besticht durch ein minimalistisches, stilvolles Layout, das auf dem Bildschirm sehr gut aussieht und sich auch auf dem Kaffeetisch mindestens so repräsentativ macht wie die gedruckte Ausgabe. Durch längere Artikel blättert man von oben nach unten, durch das Heft von links nach rechts.

Positiv stimmende Zahlen

Die Tücken dieses Navigationsprinzips lässt sich beim Time Magazine beobachten. Hat man sich hier durch eine achtseitige Titelgeschichte wie etwa jene zu den globalen Auswirkungen der Fußball-Weltmeisterschaft nach unten "geblättert", muss man den ganzen Weg wieder zurück scrollen, um weiter durchs Blatt zu kommen. Dafür bieten die Fotostrecken so brillante Bilder, wie sie im Internet selten zu sehen sind. Das Technikmagazin Wired zeigt mit kleinen beweglichen Animationen - der Mars zum Drehen mit sämtlichen bisherigen Mars-Missionen - was man sich jenseits von Text, Fotos und Videos auch noch an Inhalten vorstellen kann. Unübersichtlich ist hingegen die App der Zeitung Die Welt, die in einem eher öden Zeitungsdesign daherkommt.

Das Nachrichten-Magazin Focus hat sich für eine andere Strategie entschieden. Die kostenlose App wurde am ersten Wochenende bereits 25 000 Mal heruntergeladen. Sie bietet in einem sehr übersichtlichen Design aktuelle Informationen und Hintergründe, das Navigieren durch die Artikel ist simpel. Allerdings mutet das Angebot so sehr wie eine Internetseite an, dass sich nicht ganz erschließt, weshalb Nutzer mit ihrem iPad nicht direkt entweder über WLAN oder UMTS zur Website von Focus gehen sollten. Da die App beim Start zur Aktualisierung den Netz-Zugang benötigt, ist dieses Angebot unpraktisch für unterwegs. Sinnvoll ist es für Multimedia-Angebote wie Filme, die ohne Flash-Technologie im Safari-Browser des iPad nicht laufen. Auch der Sender N24 liefert eine App, mit der sich Nachrichten-Filme betrachten lassen.

Während manche Verlage bereits recht positiv stimmende erste Download-Zahlen vermelden, tüfteln andere noch. Die legendäre Bademoden-Ausgabe des US-Magazins Sports Illustrated gibt es derzeit nur in einer abgespeckten Version für das iPhone. Dabei würde sich der größere iPad-Bildschirm für das Durchblättern solcher Druckerzeugnisse freilich viel besser eignen - wenn Steve Jobs, ein notorischer Feind erotischer Inhalte, das denn zulässt.

Autor:  Marin Majica
Datum:  7 | 6 | 2010
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