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Medien

29. Dezember 2009

Print kann vom Internet profitieren: König der Piraten

Bücher, die online gelesen werden können, erzielen eine höhere Auflage. Foto: dpa

Paulo Coelho hat schon zahlreiche Bücher geschrieben. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen empfindet er das Internet nicht als eine Bedrohung für die Printmedien und stellt Raubkopien seiner Werke ins Netz.

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Ein Schreckgespenst geht seit einiger Zeit in den Verlagshäusern um. Die neuen elektronischen Datenträger in ihren diversen Ausformungen werden als Bedrohung für die klassischen Printmedien empfunden.

Vor zehn Jahren, 1999, kam mein Agent aus Russland zurück und hatte schlechte Neuigkeiten: Der Verleger meines Romans "Der Alchimist" hatte den Vertrieb eingestellt, weil weniger als 3000 Exemplare verkauft worden waren. Nach langen Mühen fanden wir einen russischen Verleger in Kiew, der allerdings Schwierigkeiten hatte, Papier aufzutreiben (was damals in der Ukraine nicht allzu ungewöhnlich war).

Paulo Coelho hat 26 Bücher geschrieben, darunter Der Alchimist, das über 65 Millionen Mal verkauft wurde.
Paulo Coelho hat 26 Bücher geschrieben, darunter "Der Alchimist", das über 65 Millionen Mal verkauft wurde.
Foto: dpa

Zufälligerweise war ich wenige Wochen zuvor im Internet auf eine Raubkopie der russischen Übersetzung gestoßen, und mein erster Gedanke war natürlich, dass die niedrigen Verkaufszahlen in Russland auf diesen Akt der Piraterie zurückzuführen seien.

Wie alle Autoren möchte auch ich, dass meine Bücher gelesen werden. Da es keine Druckversion des Buches mehr gab und es völlig unklar war, wann der neue Verleger sein Papier bekommen würde, kam ich auf die Idee, das Buch in elektronischer Form zu veröffentlichen. Ohne lange nachzudenken, stellte ich die Raubkopie der russischen Übersetzung auf meiner Internetseite zum kostenlosen Download bereit.

Ende 2000 teilte mir mein ukrainischer Verleger stolz mit, dass 10 000 Exemplare verkauft worden waren! Ein Jahr später waren es 100 000, und bis zum Jahr 2002 hatten die russischen Verkaufszahlen die Million erreicht.

Übersetzung online

Während dieser Zeit bekam ich viele Emails wegen der Raubkopie, die ich auf meiner Internetseite zur Verfügung gestellt hatte. Viele davon lauteten: "Ich freue mich sehr, dass ich Ihr Buch gefunden habe." Meine Schlussfolgerung war: Russland ist ein sehr großes Land, in dem der Vertrieb ein erhebliches Problem darstellt, und das Internet hilft dabei, das Buch unter die Leute zu bringen.

Aus dieser Überlegung heraus lag es natürlich nahe, meine anderen Bücher ebenfalls ins Netz zu stellen. Allerdings gab es ein rechtliches Problem: Die russische Übersetzung war vom Übersetzer selbst online gestellt worden, aber was war mit all den Übersetzungen, an denen ich die Rechte nicht hatte? Meine Lösung bestand darin, alle Links zu Filesharing-Seiten zu sammeln und mein eigenes Raubkopie-Portal aufzumachen.

"Pirate Coelho" wurde dann sehr beliebt bei diversen Netzgemeinschaften, die es weiter publik machten. Als ich 2007 einen Vortrag auf der "Digital, Life, Design"-Konferenz in München zu dem Thema hielt, waren die Besucherzahlen der Internetseite schon bei einer Million pro Monat. Auf der Seite waren fast alle meine Bücher in verschiedenen Sprachen erhältlich - von Deutsch bis hin zu Malayalam (einer Sprache, die im Südwesten Indiens gesprochen wird). Inzwischen waren die Verkaufszahlen in den Buchläden weiter gestiegen. Da sich noch keiner meiner Verleger beschwert hatte, nahm ich an, dass sie zwar von der Internetseite wussten, aber beschlossen hatten, nichts zu dagegen zu unternehmen.

Am Tag nach meinem Vortrag in München berichteten die Tageszeitungen darüber, und dann fing mein Telefon an zu klingeln. Einige meiner Verleger zeigten sich entsetzt und meinten, dass sich das sicher schlecht auf den Absatz meiner Bücher auswirken würde.

Ich wies darauf hin, dass "Pirate Coelho" seit 2005 im Netz stand und dass die Absatzzahlen stetig angestiegen waren. Daraus folgte, dass die klassische Art des Vertriebs von der Filesharing-Variante profitierte. Meinen hochverehrten Verlegern fiel es allerdings schwer, die Sachlage richtig einzuschätzen.

Inzwischen waren mehr als 100 Millionen meiner Bücher verkauft worden, und so ließ man mich meine Internetseite (die heute immer noch besteht) weiter betreiben, trotz des "schlechten Beispiels", mit dem sie voranging.

Wie lässt sich dieser Vorgang erklären? Der Begriff von "Gier" ist nicht nur in der Finanzwelt ein problematischer Faktor, sondern in jedem Geschäftsbereich, wo ein Monopol beansprucht werden soll, sei es auf ein bestimmtes Produkt oder eben auf die Verbreitung von Informationen. In meinem Fall war es so, dass die Leute anfingen, meine Bücher am Bildschirm zu lesen, dann aber in einen Buchladen gingen und eine gedruckte Ausgabe kauften - was auf Dauer praktischer und billiger ist. Und so ging das jahrelang.

Somerset Maugham sagte: "Wir schreiben nicht, weil wir es wollen; wir schreiben, weil wir es müssen." Und auch, so würde ich hinzufügen, weil wir gelesen werden wollen.

Im 16. Jahrhundert erstellte die Katholische Kirche den "Index Librorum Prohibitorum" (Verzeichnis verbotener Bücher). Ungeachtet der Tatsache, dass viele der indizierten Autoren auf dem Scheiterhaufen landeten, wurde der Index während seines vierhundertjährigen Bestehens immer umfangreicher. In jüngerer Zeit verbreiteten regierungskritische Autoren der Sowjetunion Kopien ihrer Schriften, um interessierten Lesern ihre Ideen zugänglich zu machen. Zwei dieser Autoren, Boris Pasternak und Alexander Solschenizyn, erhielten später Literaturnobelpreise.

Die Musikindustrie hat schwer darum gekämpft, Napster schließen zu lassen, nur um dann mit ansehen zu müssen, wie andere Filesharing-Portale wie Pilze aus dem Boden schossen. Das Verlagswesen sieht sich nun neuen Produkten wie Kindle, Nook, dem Sony-Reader sowie diversen Anwendungen für iPhone und Blackberry gegenüber, die es dem Autor, der früher seiner Bücher kostenlos in einem Blog veröffentlichte, ermöglichen, seine Werke in elektronischer Form zu vermarkten. Und so kann es passieren, dass Buchverlage - genau wie einst die Plattenfirmen - irgendwann überflüssig werden.

In Ländern, wo Filesharing verboten werden soll (in Frankreich ist dieses Jahr eine entsprechende Gesetzesvorlage durchgebracht worden) werden die Autoren bald einen Wettbewerbsnachteil haben. Verbote sind selten eine Lösung. Viel klüger wäre es, die Vorteile der neuen Technologie zu nutzen, um gute Literatur zu unterstützen und zu verbreiten.

Viele sagen, dass ich mir das nur leisten kann, weil meine Bücher so hohe Auflagen erreichen. Dabei ist es genau umgekehrt: Meine Bücher erreichen so hohe Auflagen, weil ich mir Mühe gebe, meine Werke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Wenn man mich heute vor die Wahl stellte, entweder für drei Millionen Dollar ein Buch zu schreiben, das von drei Leuten gelesen wird, oder ein Buch zu schreiben, für das ich nur drei Dollar bekomme, das aber von drei Millionen Menschen gelesen wird, dann würde ich mich für letzteres entscheiden.

Ich bin überzeugt, dass die meisten Schriftsteller das genauso sehen.

Pirate Coelho ist zu finden unter: www.paulocoelhoblog.com/pirate- coelho

© 2009 Paulo Coelho; NYT Synd.

Übersetzung aus dem Englischen: Andrian Widmann

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