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Medien

23. Juni 2015

Printmedien: Die Zeitung als Luxusprodukt

 Von 
Thibaut, Gerlach, Opoczynski, Mika und Novy (von links nach rechts) sprechen über die Printmedien.  Foto: christoph boeckheler*

Im Frankfurter Haus am Dom diskutieren Experten über die Zukunft des Journalismus - die Probleme sind erkannt, doch eine Lösung ist noch lange nicht in Sicht.

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Frankfurt –  

Eine fragile Existenz sei sie, sagte Michael Opoczynski, ein gebeuteltes Blatt. Aber immerhin, es gebe sie noch, die Frankfurter Rundschau. Und es habe schließlich nicht nur sie getroffen: Die Zeitungskrise sei schon lange Wirklichkeit; wie hart sie die Branche treffen könne, sehe man nicht zuletzt auch am jüngsten Schicksal der Stuttgarter Medien, wenn aus zwei ehemals konkurrierenden Redaktionen nun eine feste Zusammenarbeite entstehe.

Opoczynski, langjähriger Leiter des Magazins Wiso im ZDF, moderierte am Montagabend die Podiumsdiskussion unter dem Motto „Qualität braucht Vertrauen – Wohin driftet der Journalismus?“. Die Frankfurter Rundschau und die Karl-Gerold-Stiftung hatten in das Frankfurter Haus am Dom eingeladen, um mit den Podiumsteilnehmern öffentlich zu diskutieren. In diesem Jahr feiert die FR ihren 70. Geburtstag. Der Abend wurde außerdem zu Ehren von Roderich Reifenraths 80. Geburtstag veranstaltet, der von 1992 bis 2000 FR-Chefredakteur war.

Eine der drängendste Fragen, die Opoczynski seinen Gästen gleich zu Beginn des Abends stellte: Wie lange es noch Zeitungen auf Papier geben werde? Das sei nur noch bis 2040 der Fall, so hat es zumindest der amerikanische Zeitungswissenschaftler Philip Meyer bereits vor zehn Jahren prognostiziert. Dass es tatsächlich so weit kommen könne, bezweifelte Bascha Mika, neben Arnd Festerling Chefredakteurin der FR. „Zeitungen werden nie ganz verschwinden“, so Mika. Sie würden zum Luxusprodukt für bestimmte Communities werden, die bereit sind, mehr Geld für eine gedruckte Zeitung zu bezahlen.

Die Herausforderung der jetzigen Situation sei weniger, sich über das endgültige Verschwinden von Zeitungen Gedanken zu machen, sondern nach Strategien zu suchen, mit denen man Inhalte digital gewinnbringend umsetzen könne, sagte Leonard Novy vom Institut für Medien und Kommunikationspolitik in Köln. „Von einigen Medien werden wir uns wohl verabschieden müssen“, sagte der Wissenschaftler. Doch die Deutschen sprächen immer allzu schnell von einer Krise, so Novy weiter. Es sei allein wichtig, die Realitäten anzuerkennen – für Larmoyanz sei dabei kein Platz. Dass die Printmedien und insbesondere die Tages- und Wochenzeitungen ungemein wichtig für eine funktionierende Demokratie sind, darüber war sich das Podium einig. „Wir brauchen einen Navigator, der uns bei der Einordnung von Informationen hilft“, sagte Frauke Gerlach, Direktorin des Grimme-Instituts in Marl. Die Zeitungen erfüllten genau diese Aufgabe.

Keine Zufallsfunde mehr

Pascal Thibaut, Deutschland-Korrespondent von Radio France Internationale, sieht die Zukunft des Journalismus in einem digitalen Medium, bei dem man sich aus verschiedenen Angeboten seine individuelle Zeitung baut: „Wenn ich mich beispielsweise für Sport interessiere, dann kann ich mir so die Sportberichterstattung verschiedener Zeitungen auf einer Plattform zusammenstellen.“ Das habe aber zur Folge, dass man dann nur noch das lese, was durch die ausgewählten Einstellungen vorgegeben werde.

Dies sei die Schwachstelle der Informationen, die im Internet zu finden seien, sagte Mika. So bekomme man immer nur das, was man suche. Es sei nicht mehr möglich, zufällig auf einen Artikel aufmerksam zu werden, indem man durch die Zeitung blättere. Weiter fragte sie: „Wie stellen wir ohne die klassischen Medien eine Öffentlichkeit her, die uns diskursfähig macht?“ Auf jeden Fall nicht mit ungefilterten Diskussionen in den Onlinekommentar-Spalten, die bestenfalls einem „digitalen Stammtisch“ entsprächen, fand Gerlach.

Doch wie sind die Zeitungen nun zu retten? Eine staatliche Finanzierung, ähnlich den schon existierenden Rundfunkgebühren, stand in der Debatte bereits öfter im Raum und traf im Haus am Dom größtenteils auf Ablehnung: Eine Finanzierung durch den Staat könne keinen unabhängigen Journalismus mehr garantieren, sagte Mika. Eher könne sie sich eine Unterstützung durch Stiftungen vorstellen.

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Dem pflichteten die anderen Podiumsteilnehmer bei – schließlich gibt es bereits erfolgreich bestehende Stiftungsmodelle in den Verlagen, wie die Fazit-Stiftung, die die Mehrheit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hält. Einhellig war man jedoch der Meinung, dass auch in Stiftungen nicht immer alles richtig gemacht wurde. Eine auf Anhieb einleuchtende Lösung für die Zeitungskrise konnte also auch an diesem Abend nicht gefunden werden.

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