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Private Terrorjagd: Van Helsing im Netz

"Das macht komplett süchtig": Die private Jagd nach Terrorgruppen im Internet floriert, stößt aber auch auf Kritik. Von Ulrich Hottelet

Im Internet auf Terroristen-Jagd (Symbolbild).
Im Internet auf Terroristen-Jagd (Symbolbild).
Foto: getty

"Keiner von uns hat ein normales Leben. Wir gehen nicht bowlen, wir spielen kein Golf. Wir machen das hier", beschreibt Douglas Hagman, einer von 18 ehrenamtlich tätigen Analysten des Northeast Intelligence Network (NEIN), das Ausmaß seines Anti-Terror-Kampfs. Das Netzwerk sichtet, übersetzt und analysiert Inhalte terrorverdächtiger Websites ins Englische. Hagman richtete NEINs Website mit der amtlich klingenden Adresse www.homelandsecurityus.com unter dem Eindruck des 11. September 2001 ein.

NEIN steht nicht allein: Nach den Anschlägen von New York und Washington haben sich in den USA Dutzende von Privatleuten solo und in Gruppen zu virtuellen Terroristenjägern aufgeschwungen. Ihr Selbstverständnis bringt der Aktivist Jonathan Galt auf den Punkt: "Wir sind die selbsternannten Van Helsings des www." Wie der Vampirjäger in Bram Stokers "Dracula" sind sie hochmotiviert, mit ihren Mitteln gegen das Böse vorzugehen.

Vor dem heimischen PC überwachen und werten sie Tausende terroristischer Websites aus, auf denen sich Anhänger und Mitglieder von El Kaida & Co. austauschen, Propaganda verbreiten, zu Spenden aufrufen und Unterstützer sammeln. Die Erkenntnisse veröffentlichen sie auf eigenen Sites oder bieten sie als Beratungsleistung Behörden und Unternehmen an - zum Teil gegen Entgelt, zum Teil durch Spenden finanziert.

Monatlich 30.000 Leser

Einer der bekanntesten Köpfe der Szene ist Aaron Weisburd. Der Programmierer und Webentwickler gründete das Netzwerk "Internet Haganah" (http://internet-haganah.com/haganah/). Das historische Vorbild "Hagana" war eine zionistische paramilitärische Untergrundorganisation in Palästina während des britischen Mandats von 1920 bis 1948. Weisburd begann 2002 von seinem Arbeitszimmer in Carbondale, Illinois, aus, das Treiben der Islamisten im Internet zu verfolgen. Inzwischen arbeitet er mit Fachleuten zusammen, die ihre Kenntnisse freiwillig einbringen, ob als Nahost-Experten, Arabisch-Übersetzer, Berater oder Technik-Freaks aus dem Silicon Valley. Die Website hat monatlich 30.000 Leser.

Weisburd hat als einziges Mitglied des Verbunds aus seiner Berufung einen Beruf gemacht und ist als Berater tätig. Internet-Haganah-Aktivisten forderten immer wieder die Provider dschihadistischer Seiten auf, diese zu sperren. Mit beachtlichem Erfolg: Die Zahl der vom Netz genommenen Seiten beläuft sich mindestens auf 700. Dabei schrecken manche auch vor aufdringlichen Mitteln wie der Einschaltung des privaten Umfelds des Provider-Unternehmers nicht zurück.

Wenn hinter der Seite eine vom US-Außenministerium gelistete Terrororganisation steht, werden auch die Banken des Host-Unternehmens kontaktiert und auf drohende Geldstrafen hingewiesen. Die offiziellen Terrorbekämpfer der Polizei, Geheimdienste und Sicherheitsbehörden sind über derlei Aktivitäten gespalten: Während einige das rigorose Sperren befürworten und den Aktivisten für so manchen Tipp dankbar sind, sehen andere das Treiben der privaten "Konkurrenz" kritisch.

Ohnehin stehen über 500 einschlägige dschihadistische Internetseiten unter Beobachtung. Geht eine von ihnen vom Netz und taucht unter neuer Adresse wieder auf, so wird der Überwachungsjob erschwert. "Vieles, was wir über El Kaida wissen, wird auf diesen Websites ausfindig gemacht. Als Quelle für Geheimdienstinformationen sind sie wertvoller als wenn sie verschwänden", sagte Steven Aftergood, Direktor des Projekts zur regierungsamtlichen Geheimhaltung in der Federation of American Scientists.

Morddrohungen gegen Initiator

Weisburd hält dem entgegen: "Es geht nicht darum, die Extremisten zum Schweigen zu bringen, sondern sie von einer Adresse zur anderen in Bewegung zu halten, sie zu zwingen, Fehler zu machen, so dass wir Schritt für Schritt so viele Informationen wie möglich über sie erhalten." Als kreative Möglichkeiten der Terrorbekämpfung im Internet empfiehlt er: "Man kann Sites herunternehmen oder einrichten, Vertrauen bilden oder Misstrauen säen, Kommunikation überwachen oder sie unterbinden. Ganz abgesehen von all den Gelegenheiten für verdeckte Operationen oder den Einsatz paramilitärischer oder militärischer Kräfte." Auf welch gefährlichem Terrain sich Weisburd bewegt, wurde ihm spätestens klar, als er Morddrohungen erhielt.

Eine ähnlich außergewöhnliche Persönlichkeit in der Szene ist Rita Katz, eine im Irak geborene und arabischsprachige Jüdin. Auch sie hat ihre, so wörtlich, "Mission" zum Beruf ausgebaut. In den späten 90er Jahren tauchte Katz im Auftrag des "Investigative Project" in den USA erstmals in die Welt der sich im Internet austauschenden Islamisten ein.

Zur Aufdeckung der Finanzströme nahm sie mit einer Burka verkleidet an Spenden-Veranstaltungen teil und gab vor, Familien von Selbstmordattentätern Bargeld zu senden. Der Grad ihrer Passion wird deutlich, wenn sie sagt: "Es macht komplett süchtig. Du wachst am Morgen auf und denkst: Ich bin sieben Stunden lang offline gewesen, aber die Terroristen haben in der Zwischenzeit Pläne geschmiedet."

2002 gründete sie mit einem Mitstreiter in Washington das Site Institute - Site steht für (Search for International Terrorist Entities -, das Nachrichten, Videos und Forenbeiträge der Online-Dschihadisten durch Infiltrieren aufspürt und ins Englische übersetzt. Zu den Kunden des Infodienstes zählen das FBI, Regierungsbehörden und Nachrichtenagenturen. Aus der nicht-gewinnorientiert arbeitenden Organisation ging später die Site Intelligence Group, ein kommerzielles Unternehmen, hervor.

Autor:  Ulrich Hottelet
Datum:  29 | 9 | 2009
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