Zum Schluss wollten die Journalisten noch wissen, was mit dem Geld passiert ist: dem Preisgeld, das sich Stefan Raab kurz zuvor bei der Verleihung des Bayerischen Fernsehpreises für „Unser Star für Oslo“ abgeholt und am Morgen des Eurovision Song Contest spontan auf den Sieg für Deutschland gesetzt hatte. Zehntausend Euro.
„Über die genaue Quote möchte ich Ihnen aus Neidgründen nichts verraten“, sagte Raab nach der Rückkehr aus Norwegen Ende Mai bei der Pressekonferenz im „TV total“-Studio mit breitem Grinsen. „Aber ich kann Ihnen sagen: Ich habe den Einsatz vermehrfacht – und wenn sich das hier beruhigt hat nach der Sommerpause, werden wir mit unserer Firma und allen Beteiligten eine Party veranstalten. Man kann leider nicht eingeladen werden.“ – „Es sei denn, Sie bewerben sich noch kurzfristig bei Brainpool“, bot Song-Contest-Gewinnerin Lena Meyer-Landrut daneben an.
Das war natürlich als Witz gemeint. Aber – warum eigentlich nicht? Es wäre gerade nicht die schlechteste Zeit, um ins Fernsehproduktionsgeschäft einzusteigen. Jedenfalls nicht bei Brainpool in Köln-Mülheim.
Nach dem Grand-Prix-Gewinn haben viele Zeitungen über das „Phänomen“ Stefan Raab geschrieben und wie sich der 43-Jährige unverzichtbar fürs deutsche Fernsehen gemacht hat. Am Montag kommt er mit „TV total“ aus den Ferien zurück. Dabei gilt das mit der Unverzichtbarkeit genauso für die Produktionsfirma, die hinter diesen Anstrengungen steht und „Unser Star für Oslo“ ins Fernsehen gebracht hat.
Koschwitz und Harald Schmidt
Fast sechzehn Jahre ist es her, dass Jörg Grabosch, Ralf Günther und Martin Keß ihre Firma Brainpool in Köln gründeten, um die „RTL Nachtshow“ mit Thomas Koschwitz zu produzieren und – in den Anfangsjahren – die „Harald Schmidt Show“ für Sat.1. Dass Schmidt irgendwann seine eigene Firma aufmachte und die Produktion selbst übernahm, war den Brainpool-Gründern eine Lehre, für die sie dem ehemaligen Partner eigentlich heute noch dankbar sein müssten. Immerhin entstand daraus eines der Erfolgsprinzipien der Firma: die enge Bindung an Moderatoren und Comedians, mit denen anschließend zahlreiche Gemeinschaftsunternehmen gegründet wurden, an denen beide Seiten beteiligt sind. Das erste hieß 1998: Raab TV. Grabosch und Günther sind immer noch an Bord, genauso wie Stefan Raab gehören ihnen Anteile an dem Unternehmen.
Außer „TV total“ entstehen in Köln auch Serien wie „Ladykracher“ mit Anke Engelke, „Stromberg“ mit Christoph Maria Herbst und „Pastewka“. Brainpool hat uns Mario Barth eingebrockt und Cindy aus Marzahn groß gemacht. Darüber, was davon man lustig finden kann, lässt sich streiten. Aber während andere Firmen über die engen Vorgaben der Fernsehsender stöhnen, weiß man bei Brainpool und dessen Hauptauftraggeber Pro Sieben nie so genau, wer da eigentlich von wem abhängt.
Geschafft haben Grabosch und seine Kollegen das mit einer einfachen Philosophie. Sie lautet: Wir wollen Fernsehen produzieren, das uns selbst Spaß macht. Dass nebenbei auch ziemlicher TV-Durchschnitt produziert wird, liegt daran, dass es am Ende eben doch auch ums Geld geht. Darüber aber wird in der Kölner Schanzenstraße, dem Brainpool-Hauptsitz mit Industriehallencharme, nur ungern geredet.
Als eine von wenigen Produktionsfirmen kann Brainpool es sich leisten, lediglich Ausstrahlungslizenzen der selbst produzierten Programme zu vergeben, anstatt sich von den Sendern sämtliche Rechte abkaufen zu lassen, wie das sonst üblich ist. So lässt sich auch mit späteren Wiederholungen und DVDs Umsatz machen. Möglich ist das, weil Brainpool seit jeher lieber ausprobiert als andere zu kopieren, jedenfalls meistens. Mit „Schlag den Raab“ hat Stefan Raab nicht nur einen Quotenhit für ProSieben gelandet, sondern auch den Export einer deutschen Showidee ins Ausland ermöglicht – bis nach China.
Die Brainpool-Gründer wissen sehr genau, was den Wert ihres Unternehmens wirklich ausmacht. Als die Firma vor neun Jahren mal aus Versehen zum amerikanischen Medienriesen Viacom gehörte, setze die Geschäftsführung ein Management-Buy-out durch. Andernfalls wären Grabosch und seine Kollegen, so war es angekündigt, gegangen – und mit ihnen Raab, Engelke, all die Stars. Viacom hätte das Unternehmen behalten können, das wäre aber nur noch eine Hülle gewesen. Viacom verkaufte. Und wahrscheinlich ärgert man sich in New York und London noch heute darüber, wie es eine kleine Produktionsfirma aus Deutschland geschafft hat, einem internationalen Konzern den eigenen Willen aufzuzwängen.
Dass nun die Kooperation mit der ARD so gut funktioniert hat, wird sich bestimmt nicht negativ auf den Umsatz auswirken. Denn selbst wenn es – nach derzeitigem Stand – 2011 keine Grand-Prix-Castingshow mehr geben soll, bleibt die Frage: Wer produziert der ARD im kommenden Jahr eigentlich den Eurovision Song Contest? Es wäre schon sehr merkwürdig, wenn Brainpool außen vor bliebe.
Den Wettgewinn verfeiern
In Köln-Mülheim geht nach der Sommerpause jetzt erstmal wieder der normale Betrieb los – mit dem werktäglichen „TV total“, das im zwölften Jahr läuft. Anfang Oktober holt Stefan Raab dann den von ihm erfundenen (und wegen des „echten“ Grand Prix verschobenen) „Bundesvision Song Contest“ nach. Eine Woche drauf gibt es eine neue „Stock Car Crash Challenge“. Und dann geht ja auch bald schon wieder die Vorbereitung auf den Eurovision Song Contest in Deutschland los. Vorher wird aber erst noch der Wettgewinn verfeiert.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.